zurück

Asien

Krisen und Konflikte

Afghanistan: Hilfe für die konfliktbetroffene Bevölkerung

In Junge und drei Erwachsene im PorträtHasara in der Provinz DaikundiUSACE, Karla K. Marshall

Afghanistan ist ein Land, das wirtschaftlich, politisch, sozial und klimatisch seit vielen Jahren mit großen Problemen konfrontiert ist. Insgesamt hat sich die Lage in den vergangenen Monaten drastisch verschlechtert, stellt der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Tadamichi Yamamoto, im Juni 2017 in seinem Bericht an den UN-Sicherheitsrat fest. Laut Aussagen des Friedensforschungsinstitutes Sipri rangiert Afghanistan auf dem Weltfriedensindex auf Platz 160 von 163 Plätzen. Nur die Kriege in Syrien, im Südsudan und im Irak werden von dem Institut als gewalttätiger eingestuft.

Jedes dritte Opfer war ein Kind

Die Aufständischen kontrollieren aktuell zirka 40 Prozent des Landes und haben damit die Gewalt über zehn Prozent seiner Bewohner/innen. Im Jahr 2016 wurden laut Angaben der Vereinten Nationen 11.500 Zivilistinnen und Zivilisten verwundet oder getötet, ein zuvor nie erreichter trauriger Rekordwert. Jedes dritte Opfer war ein Kind. Das zeigt, dass Sicherheit und Stabilität nicht alleine mit der Höhe der Militärausgaben korrelieren, denn letztere lagen um das siebenfache über den Ausgaben für zivile Entwicklungsprojekte. Gerade der Auf- und Ausbau ziviler Strukturen ist aber für die 32 Milionen Afghaninnen und Afghanen an eine Zukunftsperspektive geknüpft.

Anbetracht der anhaltenden Kriegswirren wundert es kaum, dass die unsichere Lage im Land immer wieder auch zu internen Fluchtbewegungen und Vertreibungen führt: Menschen suchen in den informellen Siedlungen am Rande der Metropole Kabul Schutz. Aber auch, weil Krankenhäuser auf dem Land oft fehlen und Märkte nicht mehr funktionieren, hoffen sie, in den urbanen Zentren eine Lebensperspektive zu finden. Seit dem Fall von Kundus im Jahr 2015 und dem Vorrücken der Taliban mussten 600.000 Afghanen und Afghaninnen innerhalb ihres Landes fliehen. Das sind dreimal so viele wie im Jahr zuvor und sechs Mal so viele wie 2012. Insgesamt gibt es 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge.

Damit fällt auch vielfach die soziale Struktur auseinander, Familienverbände brechen und die Vereinzelung der Menschen macht sie umso verwundbarer. Die Mehrzahlt der Vertriebenen kommt in Kabul in einer der 52 informellen Siedlungen unter (auch KIS genannt: Kabul Informal Settlements), in denen rund 55.000 Menschen leben. In diesen Siedlungen am Rande der Stadt, die nicht offiziell von der Stadtverwaltung anerkannt sind, ist die Versorgungslage ebenfalls schlecht, fehlende sanitäre Anlagen stellen ein hohes Gesundheitsrisiko dar, die Gesundheitsversorgung hingegen ist sehr schwach. Das bekommen insbesondere Frauen und Kinder zu spüren: die Müttersterblichkeit ist in Afghanistan extrem hoch, die Ziffer für Kindersterblichkeit ist eine der höchsten weltweit, und fast die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren ist mangelernährt.

Prekäre Lage im Hochland

Obgleich die wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte machte, zählt Afghanistan zu den Ländern mit der größten Abhängigkeit von internationaler Hilfe. Die Abhängigkeit gilt in besonderem Maße für abgelegene, ländliche Provinzen wie Daikundi oder Bamiyan im Hasaradschat. Die gebirgige Zentralregion westlich der Hauptstadt Kabul ist schwer zugänglich und insbesondere im Winter oft monatelang vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Krankenhäuser, soziale Einrichtungen oder Schulen sucht man fast vergeblich. Der Weg in größere Städte ist für die Bevölkerung kaum zu meistern. Die Winter sind mit Temperaturen bis zu minus 25° Celsius extrem hart, und selten verfügen die Menschen über Heizmöglichkeiten in ihren Häusern, der karge Vorrat an Brennmaterial reicht fast nie bis zum Frühjahr.

Die geografischen Begebenheiten sind nicht der einzige Grund für die extreme Armut in den Bergprovinzen. Jahrhunderte schon werden die Hasara, eine schiitische Minderheit, von anderen ethnischen und politischen Gruppen benachteiligt und von jeglichen wirtschaftlichen Entwicklungen abgeschnitten.

Deutsch-Afghanische Partnerschaft

Im Mai 2012 unterzeichneten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ehemalige afghanische Staatspräsident Hamid Karsai ein Partnerschaftsabkommen, das auch dazu beitragen soll, das Land langfristig zu stabilisieren. Die Entwicklungszusammenarbeit konzentriert sich auf die Schwerpunkte Regierungsführung, Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung, Energie, Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie Bildung und Ausbildung.

Caritas international, das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, engagiert sich seit den 1980er Jahren in Afghanistan. Im Kabuler Büro sind zwei deutsche und bis zu 13 afghanische Mitarbeitende beschäftigt. Caritas international fördert in Afghanistan zahlreiche Projekte lokaler Partner und hat unter anderem Krankenhäuser, Schulen und Straßen gebaut. Aufgrund der extremen Not im kargen Hochland hat Caritas international das Hasaradschat bereits im Jahr 2003 zu einer Schwerpunktregion seiner Afghanistanarbeit gemacht. Neben der Nothilfe in Dürregebieten des zentralen Hochlandes ist die Behandlung von Drogensucht im städtischen Raum ein langjähriger Schwerpunkt. Zudem werden neuen Krankenstationen unterstützt, die sich um Tuberkulose-Kranke kümmern.

Juni 2017