zurück

Asien

Flucht und Migration

Bangladesch: Nothilfe für die Rohingya

Gewalt und Horror

"Vor sechs Tagen griff die Armee unser Dorf an. Die Soldaten schossen überall wild herum. Sie trafen meine Frau in den Rücken. Sie starb an der Verletzung", sagt Abdul Rahman, ein Rohingya-Flüchtling, der aus Myanmar nach Bangladesch geflohen war.

400.000 Menschen sind bereits vor der Gewalt in Myanmar geflohen

Abdul Rahman mit seinem BabyAbdul Rahman mit seinem Baby.Foto: Tommy Trenchard / Caritas Internationalis

Der 21-jährige Witwer hält sein vier Monate altes Baby in seinen Armen. "Das Baby hört einfach nicht zu schreien auf. Ich bitte stillende Mütter, es auch mit zu stillen. Und ich mache mir so große Sorgen. Ich weiß nicht, ob es überleben wird. Wir haben nichts zu essen. Wir haben gar nichts", sagt er.

Fast 400.000 Menschen sind vor der Gewalt in Myanmar geflohen und landeten in Cox‘s Bazar im Nachbarland Bangladesch. Sie leben in Notunterkünften oder unter offenem Himmel. Sie sind völlig abhängig von Lebensmittelhilfe, sauberes Wasser ist rar und die sanitären Anlagen in schrecklichem Zustand.

Ein grüner, mit Laubbäumen bepflanzter Hügel wird binnen weniger Stunden zu einem Flüchtlingslager umgewandelt. "Überall wo man hinsieht, sieht man Männer, die Bambusstangen mit sich schleppen, mit denen sie notdürftige Unterkünfte zusammenbauen", sagt der Fotograf Tommy Trenchard, der mit einem Team der Caritas Bangladesch unterwegs ist.

Eine mit Lautsprechern ausgestattete Rikscha rollt vorbei, während sie eine Suchmeldung nach einem seit vier Tagen vermissten siebenjährigen Mädchen hinausschmettert. Es wird geschätzt, dass 200.000 der hier Gelandeten Kinder sind. Sie sind unglaublichen Risiken ausgesetzt und brauchen dringend Hilfe.

In jedem Zelt hört man eine andere schreckliche Geschichte

"Viele Menschen haben Schussverletzungen", sagt Trenchard. "Einem Jungen ging eine Kugel durch die Schulter. Ein anderer hatte zwei Kugeln in einem Arm und ein dritter humpelte auf Krücken herum, nachdem ihm ein Bein amputiert werden musste."

Im Camp Kutupalong hört man in jedem Zelt eine andere schreckliche Geschichte darüber, was sich jenseits der Grenze abgespielt hat. "Wir haben nichts mehr", sagt eine Frau, die erst vor kurzem im Camp angekommen war. Sie floh aus ihrem Dorf im Bezirk Mangdu, als Soldaten es stürmten und zu schießen begannen. "Wir konnten nichts mitnehmen als die Kleidung, die wir auf dem Leib trugen. Sie töteten meinen Sohn. Er war erst 25."

Ein Mann erzählt, wie er zwei Wochen lang durch den Dschungel irrte, nachdem Soldaten sein Dorf überfielen und willkürlich Menschen töteten. Unter den Toten waren auch sein Vater und sein Sohn.

"Wir sind einen langen Weg zu Fuß gegangen", erzählt er weiter. "Jedesmal wenn wir Soldaten sahen, versteckten wir uns. Und wir hatten kein Geld und kein Essen. An manchen Tagen hatten wir überhaupt nichts zu essen."

Sieht man über den Fluss Naf, so erkennt man Rauchschwaden über brennenden Dörfern, während verzweifelte Rohingyas in Booten aus Holz ankommen. Man schätzt, dass weitere 400.000 Menschen Myanmar vertrieben wurden. Hilfsorganisationen erhalten keinen Zugang zu ihnen.

Dilda Begum und eines ihrer kranken KinderDilda Begum und eines ihrer kranken Kinder.Foto: Tommy Trenchard / Caritas Internationalis

"Wir mussten 10.000 Taka (rund 100 Euro - Anmerkung des Übersetzers) für eine Bootsüberfahrt nach Bangladesch bezahlen", sagt Dilda Begum, 38, aus dem Dorf Udong im Bezirk Mangdu. "Wir sind erst vorgestern hier angekommen. Gestern haben wir uns eine Notunterkunft gebaut. Wir haben nichts mitnehmen können. Ich habe nur schnell die Kinder an die Hand genommen und bin mit ihnen davongelaufen."

Die Kinder liegen am Boden. Fieber hat sie ergriffen. "Die Soldaten kamen in unser Nachbardorf und haben alles geplündert", sagt sie. "Als wir davonliefen, kamen wir durch drei weitere Dörfer, in denen alles brannte. Außerhalb eines Dorfes, an der Grenze, erschossen sie meinen Vater."

Nothilfe durch die Caritas Bangladesch

Die Caritas Bangladesch hat in den Grenzgebieten eine schnelle Bedarfsanalyse durchgeführt und führte viele Gespräche mit den Familien der Rohingyas. Angestellte der Caritas erklären, was am dringendsten gebraucht wird: Wasser, Lebensmittel, Notunterkünfte, sanitäre Anlagen, medizinische Versorgung und Maßnahmen zum Schutz der Kinder.

"Wir sahen wie auf der anderen Seite des Flusses unsere Häuser brannten", sagt Mohamed Alamgir, 27. Seine ganze Familie ist krank, auch die einjährige Sumaya. "Wir haben nicht viel Geld, darum ist es ein großes Problem für uns, Essen zu bekommen", berichtet er.

Die Caritas Bangladesch will Lebensmittel und andere Hilfsgüter an 70.000 Rohingyas verteilen. Jede Familie soll dabei 15 Kilogramm Reis, zwei Kilogramm gepressten Reis, drei Kilogramm Dal (traditioneller Brei aus Hülsenfrüchten - Anmerkung des Übersetzers), ein Kilogramm Salz, ein Kilogramm Zucker und einen Liter Speiseöl sowie Kochutensilien erhalten.

"Hunderttausende wurden aus ihren Häusern vertrieben. Sie haben absolut gar nichts. Es ist eine tragische Situation im Land wie auch außerhalb ihres Landes", sagt Michel Roy, Generalsekretär von Caritas Internationalis. "Die Gewalt und Aggression muss aufhören. Humanitäre Organisationen brauchen ungehinderten Zugang. Die Würde der Rohingyas muss gewahrt werden."

Begum mit BabyRajda Begum mit ihrem neugeborenen Baby.Foto: Tommy Trenchard / Caritas Internationalis

Rajda Begum, 30, wiegt ein neugeborenes Baby. "Die Soldaten kamen am 30. August und begannen zu schießen, besonders auf die jungen Männer und Knaben" sagt sie. "Wir mussten schrecklich viel weinen. Sobald sich nur eine Gelegenheit bot, flohen wir mit unseren Nachbarn aus dem Dorf. Nachdem wir gegangen waren, wurde das Dorf angezündet. Vier Tage lang versteckte ich mich im Wald. Dann versuchten wir, an die Grenze zu kommen. Ich hatte so schreckliche Angst." Am fünften Tag ihrer Flucht gebar Raijda Begum ihr Kind - auf einer Plastikplane inmitten eines Reisfelds. "Ich war so glücklich, als ich sah, dass das Kind gesund war. Ich dankte Gott."

 

Spenden mit dem Stichwort "Nothilfe für Rohingya-Flüchtlinge" werden erbeten auf:

  • Caritas international, Freiburg, IBAN: DE88 6602 0500 0202 0202 02, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, BIC: BFSWDE33KRL oder online
  • Charity SMS: SMS mit CARITAS an die 8 11 90 senden (5 EUR zzgl. üblicher SMS-Gebühr, davon gehen direkt an Caritas international 4,83 EUR)

 

 

Wer sind die Rohingyas?

Die Rohingyas sind eine ethnische Minderheit, die vorwiegend im Bundesstaat Rakhine an der Westküste Myanmars lebt und den Islam praktiziert. Sie wurden marginalisiert und über Jahrzehnte gezwungen, unter ärmlichen Verhältnissen in den Grenzgebieten von Bangladesch und Myanmar zu leben. In den 80 er Jahren des letzten Jahrhunderts hat die Regierung Myanmars ihnen die Staatsbürgerschaft aberkannt mit der Begründung, dass sie sich illegal in Myanmar aufhielten. Seitdem gab es immer wieder einen Zustrom asylsuchender Rohingyas in Bangladesch, besonders, wenn sie Verfolgungen in Myanmar ausgesetzt waren. Die Situation der Rohingyas verschlechterte sich, als im Oktober 2016 die Befreiungsarmee der Rohingyas, die „Arakan Rohingya Salvation Army“ (ARSA), zum ersten Mal eine Polizeistation in Myanmar überfiel und dabei neun Polizisten tötete. Die jüngste Krise wurde am 25. August dadurch ausgelöst, dass die ARAS mehrere Überfälle auf Regierungsstellen im Bundesstaat Rakhine beging und Sicherheitskräfte in Myanmar daraufhin Gegenangriffe starteten.

 

  

Text: Patrick Nicholson, Caritas Internationalis

Übersetzung: Stefan Teplan