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Asien

Chancen für Chancenlose

Indien: Raus aus der extremen Armut

Blick auf ein Slum aus der VogelperspektiveSlum am Stadtrand.Jörg Scharper

Das Wirtschaftswachstum in Indien lag in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich bei 7 Prozent pro Jahr, und die mittel- und langfristigen Wachstumsperspektiven werden für den asiatischen Staat zumeist als sehr günstig beurteilt.

Zugleich gibt es kein anderes Land auf der Welt, in dem so viele Menschen in Armut leben: Nach Angaben der Weltbank müssen in Indien rund 750 Millionen Menschen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Das sind fast 60 Prozent der Gesamtbevölkerung. Als absolut arm, mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag, gelten 30 Prozent der Bevölkerung. Hunger und Mangelernährung sind allgegenwärtig, die Kinder- und Müttersterblichkeit ist hoch.

Engagement für die Armen wird wieder reduziert

Es kann nicht behauptet werden, Indien hätte politisch nichts für seine arme Bevölkerung getan. Im Jahre 2005 gab sich die damalige sozialdemokratisch orientierte Regierung ein starkes sozialpolitisches Profil. So wurde unter ihr das größte Beschäftigungsprogramm der Welt aufgelegt.

Mit dem Gesetz Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act garantierte der Staat mindestens 100 Tage bezahlte Arbeit pro Jahr und Haushalt in den ländlichen Distrikten Indiens, denn hier leben drei Viertel aller als arm geltenden Inder/innen. Die Regierung verpflichtete sich, jedem und jeder Arbeitswilligen eine Beschäftigung in lokalen Arbeitsbeschaffungsprogrammen anzubieten - innerhalb von zwei Wochen und im Umkreis von fünf Kilometern vom Wohnort entfernt. Vergütet wurde die Arbeit nach dem 2009 gesetzlich festgelegten bundesweiten Mindestlohn von 100 Rupien am Tag (rund 1,50 Euro). Wird keine entsprechende Arbeitsstelle gefunden, so besteht Anspruch auf eine Unterstützung in dieser Höhe.

Seit 2014 regiert jedoch in Indien die hindufundamentalistische indische Volkspartei, BJP, die dieses Programm schrittweise wieder herunterfährt. Stattdessen wird nun wieder eine starke Förderung vor allem indischer Großunternehmen betrieben, die bei ihren Investitionsprojekten wenig Rücksicht auf soziale oder ökologische Belange nehmen.

Drei indische FrauenFrauen werden in Indien besonders benachteiligt.

Frauen besonders betroffen

Neun von zehn Menschen im erwerbsfähigen Alter sind im informellen Sektor tätig - also ohne Arbeitsvertrag und ohne soziale Absicherung, ohne Krankenversicherung und Rentenanspruch. Die meisten von ihnen arbeiten als Tagelöhner, Straßenverkäufer/innen oder sammeln Müll. Mit dem Wachstum der Wirtschaft ging kein Wachstum an festen Arbeitsplätzen einher.

Auch Menschen, die einen festen Arbeitsplatz haben, können aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit ihre Rechte auf Mindestlohn nicht immer durchsetzen, und ihr geringes Gehalt reicht meist nicht aus, um ausreichend Nahrung, angemessenes Wohnen, die Schule der Kinder und die Kosten der Gesundheitsversorgung zu finanzieren. Von Löhnen unter dem Existenzminimum, aber auch von Arbeitslosigkeit und Ausbeutung sind Frauen besonders betroffen. Weit öfter als ihre männlichen Altersgenossen können Frauen und Mädchen in Indien nicht lesen und schreiben oder haben die Grundschulbildung abgebrochen. Der Arbeitsmarkt bleibt ihnen häufig verschlossen, weil sie für die Kinder zuständig und daher weniger flexibel sind: Der Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen von 2013 stellt fest, dass lediglich ein Drittel aller Inderinnen einer bezahlten Tätigkeit nachgeht oder ein Einkommen erwirtschaftet, bei den Männern sind es über 80 Prozent. Zudem werden Frauen trotz Gleichstellungsgesetzes viel häufiger unterbezahlt.

Kleinkind sitzt im Müll und spieltAuch die Kinder müssen beim Müllsammeln helfen.Jörg Scharper

Keine Kenntnis über Wohlfahrtsprogramme

Die arme Landbevölkerung - und mit ihr viele Frauen - bilden den Pool der rund 150 Millionen Wanderarbeiter/innen, die in die Metropolen ziehen, um dort ein Überleben zu finden. An den Rändern der Städte leben sie häufig von dem, was das Wachstum auch produziert - ungeheure Mengen Müll. Es gibt keine modernen Recyclingfabriken, der Abfall wird von Hand sortiert und an Zwischenhändler für wenige Rupien verkauft. Elektroschrott, Plastik, Batterien, Gummi sind nicht selten mit Abfällen aus Schlachtereien oder Krankenhäusern vermischt, das Sammeln und Weiterverarbeiten birgt große gesundheitliche Risiken. Viele Frauen leben hier mit ihren Kindern, oft alleinerziehend, und arbeiten für weniger als einen halben Dollar am Tag.

Im Gegensatz zum Land gilt das Arbeitsbeschaffungsprogramm nicht für die städtische Bevölkerung. Es gibt aber auch hier staatliche Unterstützungs- und Wohlfahrtsprogramme. Viele Frauen wissen aber nichts darüber. Oft bleibt deshalb in den Programmen bis zur Hälfte der eingesetzten Mittel ungenutzt. Dazu gibt es Hürden, die Frauen, Senioren oder Menschen mit Behinderungen oft nicht alleine nehmen können. Vielfach scheitert es schlicht an einfachen bürokratischen Formalitäten: Die Geburtsurkunden fehlen, sie haben keinen Personalausweis, kein Passfoto oder kommen erst gar nicht bis zum Amt. Gerade in den Elendsvierteln der Großstädte, wo die Ärmsten der Armen leben, sind die indischen Wohlfahrtsprogramme kaum bekannt.

Dies ist ein Grund mehr, besonders benachteiligte Frauen, Senioren und Menschen mit Behinderungen in den Slums der Metropolen dabei zu unterstützen, ihr Recht wahrzunehmen. Caritas international hat daher gemeinsam mit den Caritas-Partnern in Delhi und Ahmedabad die Rechtsberatung in ihre Sozialarbeit aufgenommen.

Juli 2016