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Asien

Katastrophenhilfe

Japan: Erdbeben und Atomkatastrophe

Zum Neuanfang fehlt die Kraft

Verlassene Tankstelle in einer StadtVerlassen: In der Stadt Namie gibt es schon lange kein Leben mehr. Caritas international / Holger Vieth

Sie haben die Region Fukushima rund um das 2011 havarierte Kernkraftwerk besucht. Wie geht es den Menschen, die dort heute noch leben?

Viele der jungen Menschen sind unmittelbar nach der Katastrophe in andere Landesteile gezogen und haben sich anderweitig orientiert. Zurückgeblieben sind die Alten, die seit vielen Jahrzehnten in der Region Fukushima leben, die dort ein Haus oder Land besitzen und sich nicht mehr in der Lage sehen, in Tokio oder anderen Städten ein neues Leben anzufangen. Dazu fehlen ihnen oft auch die Mittel. Insofern kann man sagen, dass es auch bei dieser Katastrophe, wie bei so vielen anderen, die Ärmsten der Armen am schlimmsten getroffen hat: die Alten und Schwachen.

Bedeutet das, dass die Katastrophe dort ein neues soziales Problem geschaffen hat: eine Überalterung der Gesellschaft?

Das ist sicherlich so. Man sagt, dass sich der demographische Wandel, der in dieser Region ohnehin eingetreten wäre, 30 Jahre beschleunigt hätte. Man hat dort ein enormes Problem, überhaupt junge arbeitsfähige Menschen zu finden. Die einerseits die Infrastruktur wiederaufbauen können und sich andererseits um die alten Menschen kümmern. Viele der jungen Menschen, die noch dort sind, arbeiten für den Kernkraftwerk-Betreiber Tepco - was teils zu skurrilen Situationen führt. Zum Beispiel traf ich eine Frau, die nach dem Unfall im Kernkraftwerk in Sicherheit gebracht wurde, deren beiden Söhne aber für Tepco arbeiten. In solchen Spagat-Situationen befindet sich eine ganze Reihe von Menschen dort.

Welche Hilfen leistet Caritas international für diese Menschen fünf Jahre nach der Katastrophe noch?

Die meisten der alten Menschen sind immer noch in Wohncontainer-Siedlungen untergebracht, die sich auf nicht-kontaminiertem Gebiet befinden. In diesen Unterkünften sind sie mit dem Nötigsten versorgt, doch sind die Menschen schwer traumatisiert. Sie können sich nicht vorstellen, wie sich das Blatt nochmal zum Guten wenden kann. Und sie sind einsam: Ihre Kinder sind weg, und dementsprechend fehlt ihnen die soziale Komponente sehr. Daher führen wir mit unseren lokalen Partnern Programme durch, in denen diese alten Menschen mobilisiert werden. Im informellen Rahmen, etwa beim Kaffee oder Tee, bieten wir ihnen die Möglichkeit, sich auszusprechen und ihre Sorgen loszuwerden und betreuen sie durch speziell dafür ausgebildetes Personal psychosozial. Wir mobilisieren sie dazu, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen. Darüber hinaus unterstützen wir Sozialarbeit für Kinder und für Menschen mit Behinderung. So etwa gibt es Sommerfreizeiten für Kinder aus der Region Fukushima in anderen, radioaktiv unbelasteten Landesteilen. Auch haben wir Werkstätten für Menschen mit Behinderung in den betroffenen Regionen wiederaufgebaut und betreuen die Menschen dort.

Inzwischen hat die japanische Regierung Menschen innerhalb der einstigen 20-Kilometer-Sperrzone um das zerstörte Kernkraftwerk wieder angesiedelt. Wie nahe am direkten Katastrophenort leben sie denn jetzt?

Eigentlich nur wenige Kilometer vom Unglücksort entfernt. Viele der Dörfer dort wurden dekontaminiert, von der verstrahlten Erdschicht wurden sechs Zentimeter abgetragen. Diese Maßnahmen reichen bis zu 20 Meter um die Dörfer herum. Über diesen Bereich hinaus sind die Menschen aber einer hohen Strahlung ausgesetzt. Menschen, die also in diese Zone zurückgehen, müssen sehr darauf achten, sich nicht in hoch verstrahltes Gebiet zu wagen, etwa in den Wäldern rund um ihre Häuser, in denen sie früher immer Pilze gesammelt haben.

Gibt es dort auch noch völlig verlassene Geisterorte?

Die gibt es. Es ist ja so, dass in jener Region weniger Schäden durch das Erdbeben eingetreten sind und auch der Tsunami nicht in allen Bereichen extrem stark gewütet hat. Die größten Schäden sind durch die Radioaktivität entstanden. Unter anderem ist die Stadt Namie, die ich besucht habe, im Kernbereich eine regelrechte Geisterstadt: Die Häuser dort sind verbarrikadiert, Tankstellen sind außer Betrieb, überall stehen Absperrgitter, auf den Autos sieht man noch den Staub von fünf Jahren.

Konnten Sie auch etwas über die Folgen des Tsunami erfahren?

Stellenweise hat der Tsunami ganze Orte zerstört. In der Stadt Minami-Soma, rund 25 Kilometer entfernt vom havarierten Kernkraftwerk, schilderte mir eine Frau, wie diese Wand aus Wasser auf die Stadt zurollte und Häuser, Autos, alles was dort stand, wie Spielzeug vor sich hergeschoben hat. Ihr Haus stand auf einem Hügel und sie konnte sich weiter nach oben flüchten. Aber sie konnte von dort aus beobachten, wie die Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde. Diese Frau lebt mit ihrer Gemeinde nach wie vor in einer Container-Siedlung. Und es sieht nicht danach aus, als könnten die Menschen bald in ihre Stadt zurück.

März 2016, Holger Vieth