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Asien

Katastrophenhilfe

Japan: Erdbeben und Atomkatastrophe

Fukushima - der größte anzunehmende Horror

Polizeikräfte riegeln die 20-Kilometer-Zone um Fukushima abGrenze der 20-Kilometer-Zone um FukushimaAAR Japan

Hirsohima. Nagasaki. Daran kann sich Keichiro Kakashima noch gut erinnern. 80 Jahre ist er jetzt. Wie das für ihn war, als die Atombomben auf Japan fielen, das erzählt er, als wäre es erst gestern gewesen. Das ganze Land war traumatisiert damals. Keichiro auch. Seitdem ist er ein überzeugter Ächter von Atomwaffen. "Aber", ergänzt er, "ich war immer ein Befürworter der Kernenergie für friedliche Zwecke.

Warum auch nicht? Seit Hiroshima und Nagasaki lebte Keichiro jahrzehntelang bei Fukushima, zehn Kilometer vom Kernkraftwerk Dai-Ichi entfernt. Jahrzehntelang bekam er dessen "Segen" mit. Dai-Ichi brachte Wohlstand. Dai-Ichi schaffte Arbeitsplätze. Die Kernkraftwerks-Betreibergesellschaft Tepco sponserte Krankenhäuser und soziale Einrichtungen in der Region. Nein, Tepco genoss schon viele Sympathien.

Auch Keichiro lebte im Wohlstand. Er besaß ein großes Landhaus mit vier Gebäudetrakten und zwei Autos. Seit 15 Jahren genießt er mit Ehefrau Kinuyo (78) seinen wohlverdienten Ruhestand. Damit ist es jetzt aber vorbei; Keichiro ist im Unruhestand. Mit allem ist es vorbei. Mit Keichiros Wohlstand. Mit seinen Sympathien für die Atomkraft und Tepco. Der Segen wurde zum Fluch. Dass Fukushima ebenso einmal zum Synonym für den größten anzunehmenden Horror würde, wie Hiroshima und Nagasaki, das wäre Keichiro in seinen übelsten Alpträumen nicht in den Sinn gekommen.

Aber genauso ist es gekommen. In Fukushima wurde 168 mal so viel radioaktives Cäsium 137 freigesetzt wie beim Abwurf der Atombombe in Hiroshima, 2,5 mal so viel radioaktives Xenon wie beim GAU in Tschernobyl. Die Dreifach-Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Super-GAU hat Keichiros beschauliches Leben mit einem Schlag radikal und für immer verändert. Sie hat ihn heimatlos gemacht. Und besitzlos. Gegen ein Erdbeben war er, wie die wenigsten in Japan, nicht versichert. Gegen einen Tsunami auch nicht. Und schon gar nicht gegen einen Super-GAU.

Tod auf Raten in der Zone

"Das Erdbeben vom 11. März hat Teile meines Hauses zerstört. Aber das", erzählt mir Keichiro mit einer abschätzigen Handbewegung, "wäre wieder gut zu machen." Schlimm für ihn ist das, was nicht wieder gut zu machen ist - jedenfalls nicht zu seinen Lebzeiten, wahrscheinlich aber auch nicht zu Lebzeiten seiner Kinder und Kindeskinder: Die Region Fukushima ist so stark radioaktiv verseucht, dass Keichiro und seine Angehörigen vielleicht nie wieder in ihr Heim und ihre Heimat zurück können - von jenen zwei Stunden abgesehen, die ihnen gelegentlich eingeräumt werden, um noch einige Habseligkeiten aus dem Haus zu holen.

Keichiro und Kinuyo leben seit dem März 2011 in einem bescheidenen 25-Quadratmeter-Appartment in Omiya, 64 Kilometer nördlich von Tokio. Das ist noch vergleichsweise luxuriös. 84.000 Katastrophenopfer leben noch für mindestens ein weiteres Jahr in Notunterkünften, einfachen Wohncontainern aus weißem Metall, in denen einer Familie, je nach Größe, gerade mal 20 bis 35 Quadratmeter zugestanden werden.

Wie es so ist, wenn man in die "Zone" fährt, wie Keichiro in einer Anspielung auf die einst innerdeutsche Grenze die nun stark bewachte innerjapanische nennt? "Es ist gespenstisch", verrät mir Kinuyo. "Man fährt durch Geisterstädte, man sieht kein Leben mehr." Der unsichtbare Tod auf Raten ist omnipräsent, lauert zu Land, zu Wasser und in der Luft.

Das ist auch so am Rande der 20-Kilometer-Zone, in nach wie vor bewohnten Orten, die 30 und mehr Kilometer und mehr von Dai-Ich entfernt liegen: Die Strahlung macht an der Zonengrenze nicht Halt; an manchen Orten ist sie höher als im Sperrgebiet selbst. Kinder dürfen vielerorts nicht mehr ins Freie, um sich nicht mit radioaktivem Material zu dekontaminieren. Viele Fischer sind arbeitslos: Fischen in der Region um die nahe gelegene Stadt ist verboten, weil Tepco 11.000 Tonnen radioaktives Wasser in den Pazifik leitete. Der Ackerbau außerhalb der Sperrzone ist zwar nicht verboten. Dennoch sind die Bauern so gut wie arbeitslos. Niemand kauft ihnen ihren Reis, ihr Gemüse, ihr Obst und Getreide mehr ab. Regionale Produkte meidet hier jeder wie die Pest. Der Boden ist stellenweise- je nachdem, wo der Fallout nach der Katastrophe niederging - weit über die, ohnehin fragwürdigen, gesetzten Grenzwerte hinaus - kontaminiert. "Hot Spots" nennen die Japaner diese Flecken - heiße Flecken, die die Gemüter erhitzten, als einige Lebensmittelskandale publik wurden. Hoch belastetes Rindfleisch, hoch belasteter Tee, hoch belastete Milch (die später auch in Babymilchpulver nachgewiesen wurde) aus jenen Flecken geriet in den Handel. Ebenso wie radioaktives Brennholz aus den Wäldern um Fukushima oder Gestein aus einem Steinbruch von dort, das für den Häuserbau verwendet wurde.

Bewährte Strategie: Grenzwerte nach oben "korrigieren"

Den amtlichen Beschwichtigungsversuchen trauen die meisten Menschen nicht mehr. "Die Herkunft der Lebensmittel ist in allen Geschäften gekennzeichnet", erklärt mir Hukaja, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung Sukagawa, einer Stadt 26 Kilometer von Fukushima entfernt - weit genug, um nicht mehr zur gesperrten Zone zu gehören, aber nah genug, um noch bedenklich der radioaktiven Belastung ausgesetzt zu sein. "Ich habe eine siebenjährige Tochter, deren Gesundheit mir am Herzen liegt und ich weiß nicht, wie sehr ich den Messungen der Lebensmittel trauen kann." Zwar, erklärt Hukaja weiter, würden die Lebensmittel kontrolliert, "aber seltsamerweise werden die Messwerte nicht kommuniziert. Es wird nur lapidar erklärt, das Essen sei genießbar, weil noch innerhalb der gesetzten Grenzwerte."

Dass diese, ähnlich wie in Deutschland nach dem Disaster von Tschernobyl, einfach nach oben "korrigiert" wurden, trägt in der japanischen Bevölkerung ebenfalls nicht zum Abbau des überall spürbaren Misstrauens bei. Auch die Grenzwerte für die zumutbare radioaktive Belastung im Außenbereich wurde nach der Katastrophe gleich mal verzwanzigfacht: von einem Millisievert auf 20 pro Jahr.

Rund 78.000 Menschen mussten die Region Fukushima Gebiet verlassen. Die meisten leben in Notunterkünften, manche von ihnen wurden, wie Keichiro und Kinuyo, für zwei Jahre - auf Kosten der Regierung und der Kernkraftwerkbetreiber-Gesellschaft Tepco - in Appartements in die Orte Saitami und Omiya bei Tokio umgesiedelt. "Was nach diesen zwei Jahren geschehen soll, hat uns niemand gesagt", klagt die Rentnerin Mitsuko Murata, unisono mit Keichiro Kakashima. "Niemand weiß, ob wir je wieder unsere Heimat sehen."

Die japanische Regierung selbst scheint dies nicht zu wissen. Sie macht widersprüchliche Angaben über die Zukunft der Region Fukushima. Einmal erklärte der frühere Chefkabinettsekretär, die Region bleibe wohl für sehr lange unbewohnbar, ein andermal lässt die Regierung verlautbaren, sie wolle die 20-Kilometer-Zone bald dekontaminieren und "Fukushima wiederauferstehen" lassen.

AAR- und Caritasmitarbeiter im Gespräch mit KatastrophenopferZu Besuch bei dem Ehepaar Kakashima in OmiyaAAr Japan

Es ist - dies wird mir bei Gesprächen mit Keichiro und anderen Katastrophenopfern deutlich - vor allem diese Verunsicherung, es sind die Perspektivenlosigkeit und die erlittenen Traumen durch die Katastrophe, worunter die Menschen hier leiden, nicht materielle Not. Das zeigt ein einziger Blick in die Wohnstuben, so klein diese auch sind: Jeder hat einen Farbfernseher mit großem Flachbildschirm, einen Luftreiniger, ein elektrisches Heizgerät, zusätzlich liegen am Boden beheizbare Teppiche, in ihren Kochnischen finden sich alle elektrischen Hilfsgeräte, die ein moderner Haushalt nur braucht. So tragisch es auch ist, alles zu verlieren, wenn man vorher in einem großen Haus gelebt hat - niemand muss in Japan Angst um das Überleben haben.

Doch es leiden die Seelen. "Wenn es die Verantwortung der Regierung ist, materiell für die Opfer zu sorgen", erklärt mir der katholische Bischof Isao Kikuchi, Präsident der Caritas Japan. "dann ist es unsere Verantwortung, uns um ihre Seelen zu kümmern."

Zweimal in der Woche suchen psychosoziale Helfer(innen) der Caritas und deren Partner-Organisation Association for Aid and Relief (AAR) in den betroffenen Regionen Notunterkünfte wie jenes auf, in dem Keichiro und Mitsuko leben und kümmern sich, wie Bischof Kikuchi es formuliert, "um die Seelen". Fälle schwerer Traumatisierung verweisen sie an geschulte Psychologen oder Psychiater.

"Die psychosoziale Arbeit", erzählt mir auch Daisuke Narui, katholischer Priester und Direktor der Caritas Japan, "hat die Regierung zum Beispiel zum größten Teil den Hilfsorganisationen überlassen. Und überall da, wo die Regierung nicht oder nicht in vollem Maß hilft, sieht sich die Caritas in der Pflicht."

Das ist freilich noch weit mehr als der psychosoziale Bereich. Caritas international, das Hilfswerk der deutschen Caritas, finanziert Einrichtungen und die Betreuung für Alte und für Menschen mit Behinderung, baut Kindergärten auf und organisiert Freizeiten für die Kinder von Fukushima - damit die auch mal wieder an nicht verstrahlten Orten im Freien spielen können.

Der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern. Drei vielleicht oder vier, schätzt die AAR-Präsidentin Yukie Osa. Bis dann könnten für die Opfer des Erdbebens und des Tsunami wieder nachhaltige Perspektiven hergestellt sein. Für die Opfer von Fukushima bezweifelt sie dies, wenn sie die Halbwertzeiten der radioaktiven Isotope von Dai-Ichi in Rechnung stellt: "Fukushima könnte uns noch eine ganze Generation lang beschäftigen."

März 2012