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Asien

Katastrophenhilfe

Nepal: Hilfen nach dem Erdbeben

Vom Klingeln der Glocken

Als am 12. Mai gegen Mittag die Erde bebt, sind das 20 Sekunden der Angst, der Desorientierung und weicher Knie. Zunächst denkt man, der eigene Körper schwankt von sich aus; dann sieht man, dass auch alle Kollegen versuchen, die Balance zu halten. Die Kollegen aus Nepal sind aufs Neue in das Trauma der Beben Ende April zurückversetzt, viele schreien vor Angst, manche weinen: „Wird das denn niemals enden? Was haben wir getan, dass uns die Erde nicht in Ruhe lässt?“

Die Mitglieder der weltweiten Caritas-Familie finden sich zunächst im Innenhof zusammen. Nur Sekunden bevor das eigentliche Beben begann, ertönte ein helles Glöckchen, das Schwingungen in ein Klingeln umsetzt. Noch bevor Menschen etwas bemerken. Wilson von der Caritas Haiti, der bereits ein schweres Erdbeben und unzählige Nachbeben erlebte, meint stoisch: „Sie [die Erde] will, dass wir tanzen; auch wenn wir nicht wollen, wir müssen tanzen“. Das Glöckchen geht auch los, wenn auf die kleinen Schwingungen kein Beben folgt. So verlassen wir mehrmals täglich das Gebäude, beim ersten Ruf „Erdbeben!“ desjenigen, der zuerst das Glöckchen hört. Auch eine Fahrradklingel auf dem Sträßchen vor dem Büro hat schon einmal einen Fehlalarm ausgelöst. Ja, wir sind alle etwas nervös.

Ein Mädchen in Sukute/Sidhupalchok, die ihren Vater bei dem Erdbeben verloren hat, zeigt ein Bild ihres Vaters auf einem Smartphone.Einzig ein Bild ihres Vaters ist diesem Mädchen geblieben.Thomas Hoerz / Caritas international

Am 12. Mai rennen wir alle zur Kirche, denn dort ist ein großer offener Platz. Unschlüssig was zu tun ist, durch kleinere Nachbeben verunsichert, verbringen wir mehr als eine Stunde auf dem Rasen, halten uns von Gebäuden fern. Dass Kirchen keinen Schutz bieten, mussten über 30 Gläubige im Distrikt Sindhupalchok am 26. April erfahren. Sie wurden unter den Trümmern des Gotteshauses begraben. Darunter der Vater eines elfjährigen Mädchen, das wir zufällig in Sukuta auf einer Erkundungsmission trafen – die Straße dorthin war erst wenige Stunden zuvor vom Geröll einer Lawine von schweren Gerät aus China geräumt worden. Die einzige Erinnerung, die das Mädchen an ihrem Vater hat, ist ein Bild auf einem Smartphone.

Schlimmer noch als die Beben während der Tage sind die Beben in der Nacht. Am schlimmsten war es bisher in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai. Zweimal rannten wir aus den Zimmern vor die Tür. Erstaunlich, wie schnell man hellwach ist, aufgeputscht von einer Überdosis Adrenalin. Schlafen danach ist schwierig. Bevor man ins Bett geht, legt man die Taschenlampe und das fertig gepackte Rucksäckchen (Pass, Geld, Satellitentelefon, Laptop) sorgfältig zurecht. Dunkelheit und die Schwingungen führen leicht zu völliger Orientierungslosigkeit, bei der man die Zimmertür nicht findet. Wieviel von seiner Kleidung man im Bett anlassen sollte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Nachdem sich ein Kollege mit nur einem peinlich kleinen Handtuch vor der Haustür wiederfand, soll er mit Hosen schlafen, so hört man.

Thomas Hoerz, 18. Mai 2015