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Asien

Katastrophenhilfe

Nepal: Hilfen nach dem Erdbeben

Zumindest ein Dach über dem Kopf

Der 96-jährige Bal Bahadur Budhathoki mit einigen seiner EnkelDer 96-jährige Bal Bahadur Budhathoki mit einigen seiner EnkelFoto: Caritas Nepal

Denn an diesem Tag musste Bal Bahadur, inzwischen 96 Jahre alt, ein zweites Mal erleben, wie Häuser um ihn herum einstürzten, Nachbarn panisch ins Freie liefen, Menschen verletzt wurden und Menschen – erschlagen von den Trümmern zusammenbrechender Gebäude – ums Leben kamen. Nur dass diesmal weit mehr zerstört wurde und es weit mehr Opfer gab.

„Damals, 1934“, erinnert sich Bahadur, „mussten wir drei Tage und Nächte nach dem Erdbeben im Freien verbringen. Jetzt aber waren es vier Wochen.“ Und er zählt noch einen Unterschied auf: Damals erfuhr er keine Hilfe von außen. „Jetzt hilft uns die Caritas. Sie hat uns Lebensmittel und Trinkwasser gegeben, Decken, Matratzen und ein Zelt, damit wir vor dem kommenden Monsun geschützt sind.“ Das war es, worüber der Großvater von 25 Enkelkindern sich die größten Sorgen machte. Er ist der einzige Mann der Familie, der im Dorf geblieben ist. Seine Söhne arbeiten in Kathmandu oder sogar in Malaysia.

Die Region Sinduphalchowk, in dem Thokarpa liegt, ist die Region, die die schwersten Verluste an Menschenleben und die größten Zerstörungen zu verzeichnen hat. Caritas international, das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, hat daher einen Schwerpunkt ihrer Nepalhilfe auf diese Region gesetzt. Die größte Herausforderung dabei war, rechtzeitig vor dem Einsetzen des Monsuns alle Bedürftigen mit Zelten und Zeltplanen zu versorgen. Spätestens ab Ende Juni wird in Nepal über viele Wochen der Dauerregen fallen, und wer bis dahin kein Dach über dem Kopf hat, ist dazu verurteilt, im Schlamm zu hausen. Die Caritas hat es geschafft, auch in die entlegensten Bergregionen Hilfsgüter zu transportieren – mit geländefähigen Lastwagen, mit Traktoren oder – in Dörfern, zu denen nur mehr ein schmaler Fußpfad führt – auch mit Hubschraubern.

Nach dem Erdbeben schlief der kleine Junge bei den Tieren im StallNach dem Erdbeben schlief der kleine Junge bei den Tieren im StallFoto: Stefan Teplan, Caritas international

Es sind Dörfer wie Thokarpa oder Hariharpurghadi, ein anderes kleines Dorf, welches das Caritas-Team kürzlich erreichte. Auch dort sind so gut wie alle Häuser zerstört, die Menschen leben entweder im Freien oder in den Ställen bei ihrem Vieh. Caritashelfer begegneten dort auch der Mutter Kanchimaya Rumba. Sie wusste nach dem Erdbeben nicht mehr, wie sie es anstellen sollte, für elf Familienmitglieder zu sorgen. Im Dorf gab es nichts mehr, und es kostete sie eine ganze Tagesreise, um zum nächsten Geschäft zu kommen – vier Stunden zu Fuß und weitere vier Stunden mit dem Bus. Immer wieder beteuert sie ihre Dankbarkeit gegenüber der Caritas, die die Not leidenden Menschen in ihrem Dorf mit dem (Über-)Lebensnotwendigsten versorgt. „Nicht nur dass ihr uns zu essen und zu trinken gebt“, sagt sie, „ihr schützt uns vor dem Monsun, vor dem wir alle Angst hatten. Jeder hier in unserem Dorf, der Hilfe brauchte, hat etwas bekommen. Ihr fragt weder, welcher Kaste wir angehören, noch ob wir Hindus, Christen oder Moslems sind.“

Der überwiegende Teil der Bevölkerung Nepals sind Hindus. Deren Vorstellungen zufolge, wie Bal Bahadur uns aufklärt, „befinden wir uns, noch im Zeitalter des Kali Yuga“ - und das verheißt nichts Gutes. Die Göttin Kali steht im Hinduismus für Krankheit, Tod und Zerstörung. „Daher“, glaubt Bahadur, „musste so etwas wie das Erdbeben passieren, damit die Luft wieder rein ist und nicht etwas noch Schlimmeres geschieht.“

Vor dem Schlimmsten, das sie befürchteten, dem wochenlangen Dauerregen im Juli und August, sind die Menschen in den Dörfern Sindhupalchowks durch die Zelte und Zeltplanen der Caritas inzwischen bewahrt. Unmittelbar nach dem Monsun wird die Caritas daran gehen, zunächst stabilere Notunterkünfte, vorwiegend aus Wellblech, für sie zu errichten, später dann feste Häuser aus Stein, in denen sie und ihre Familien wieder sicher leben können.

Prakash Khadka und Stefan Teplan, Juni 2015

Caritas international bedankt sich bei der HIT-Stiftung „Kinder brauchen Zukunft“ für die Finanzierung von 100 Familienzelten.