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Asien

Teilhabe bei Behinderung

Tadschikistan: Gegen die Isolation

Junge auf einem EselAuf dem Lande sind Transportmittel teuer oder nicht vorhanden - wer einen Esel hat, ist da schon privilegiert.Caritas international

In Tadschikistan leben rund acht Millionen Menschen auf einer Fläche, die etwa einem Drittel der Größe Deutschlands entspricht. Da das Land zum allergrößten Teil aus Hochgebirgen besteht - der höchste Berg erreicht eine Höhe von fast 7.500 Metern - ist die Besiedelung höchst ungleichmäßig verteilt. Sie konzentriert sich in der Hauptstadt Duschanbe und den größeren Städten sowie dem fruchtbaren Tiefland im Norden und Südwesten des Landes.

Bürgerkrieg

Tadschikistan war schon zu Zeiten der Sowjetunion das ärmste der zentralasiatischen Länder. Durch den Bürgerkrieg, der nach der Unabhängigkeit ausbrach und von 1992 bis 1997 andauerte, wurde das Land noch weiter zurückgeworfen. Was zunächst als Krieg gegen das postsowjetische Regime des Präsidenten Nabijew begann, entwickelte sich alsbald zu einem Bürgerkrieg zwischen verschiedenen regionalen Gruppierungen und Kriegsherren, die sich um die politische Vorherrschaft im Land und vor allem regionale Einnahmequellen und Ressourcen stritten. Erst 1997 kam es zu einem Friedensschluss, in dessen Folge die teils islamistische Opposition in die Regierung eingebunden wurde. Doch auch nach 1997 kam und kommt es immer wieder zu gewaltsamen Ausbrüchen, zuletzt im Juli 2012 und Mai 2014 in der autonomen Bergprovinz Gorno-Badachschan.

Die Folgen des Bürgerkriegs sind bis heute spürbar. Er kostete über 50.000 Menschen das Leben, hunderttausende flohen über die Grenzen nach Afghanistan und Russland. Insbesondere gebildete Menschen und Schlüsselpersonen aus wesentlichen Bereichen des öffentlichen Lebens verließen das Land. Die Wirtschaft hat sich vom Zusammenbruch während des Krieges und der anschließenden Hyperinflation bis heute nicht vollauf erholt, trotz anhaltenden Wachstums seit 2000.

frauen arbeiten auf dem feldLandwirtschaft bedeutet in Tadschikistan vielerorts beschwerliche HandarbeitCaritas international

Wirtschaft

Die Wirtschaft Tadschikistans hängt zu einem großen Teil von den beiden Hauptexportgütern Baumwolle und Aluminium ab. Entsprechend anfällig ist das Land gegenüber Preisschwankungen auf den internationalen Märkten. Eine weitere wichtige Einnahmequelle ist der Schmuggel von Opium und Heroin aus Afghanistan, das von Tadschikistan aus weiter nach Russland und Europa transportiert wird. Schließlich bilden Rücküberweisungen hunderttausender tadschikischer Arbeitsmigrant/innen, die zum Arbeiten im Ausland leben, eine wichtige Stütze für die tadschikische Wirtschaft.

Über die Hälfte der Bevölkerung lebt bis heute unter der Armutsgrenze. Offizielle Statistiken sprechen zwar von nur 2,5 Prozent Arbeitslosen, inoffizielle Zahlen gehen aber von Zahlen bis zu 40 Prozent aus, die Jugendarbeitslosigkeit besonders auf dem Land beträgt mancherorts über 60 Prozent. Gleichzeitig ist das staatliche Sozialsystem nur rudimentär ausgebildet und bietet selbst den Ärmsten kaum Unterstützung.

Gesundheitssystem

Das Gesundheitssystem Tadschikistans ist sehr schwach. Grund sind Personalmangel, Missmanagement, fehlende Qualifikation und mangelhafte technische Ausstattung. Viele bestehende Einrichtungen sind verfallen und besonders im ländlichen Raum fehlt es an einer medizinischen Grundversorgung. Folgen sind eine hohe Kindersterblichkeit, geringere Lebenserwartung und die Gefahr der Verbreitung ansteckender Krankheiten.

Insbesondere für Menschen mit Behinderung fehlt es an einer flächendeckenden Versorgung. Die staatlichen Strukturen und zuständigen Behörden sind oftmals fachlich völlig unzureichend auf den Umgang und die Interessensvertretung der Behinderten vorbereitet, Einrichtungen zur Förderung von Behinderten sind schlecht ausgestattet. Das Personal ist kaum oder gar nicht ausgebildet, die Ausstattung ist veraltet und häufig sind Ernährung und medizinische Versorgung mangelhaft. Da es keine alternativen Dienstleistungen gibt, sind die Institutionen zudem häufig überfüllt. Vernachlässigung, Verwahrlosung und Gewalt sind Folgen dieser Zustände.

Migrantenfamilie steht vor einem sehr ärmlichen HausEine Mutter mit ihrem Sohn mit Down-Syndrom.Caritas international

Sozialer Ausschluss

Die Situation von Behinderten in Tadschikistan ist in diesem Umfeld besonders kritisch. Sie ist zudem gekennzeichnet von einem hohen Grad an Stigmatisierung der Betroffenen und ihren Familien. Folgen sind soziale Isolation. Zudem haben die Betroffenen nur sehr beschränkten Zugang zu sozialen und öffentlichen Einrichtungen. Die Förderung und Betreuung der Behinderten wird dadurch zwangsläufig überwiegend den Angehörigen überlassen. Diese sind aufgrund mangelnder Kenntnisse und finanzieller Mittel sehr häufig ebenfalls überfordert. Außerdem fehlt es an Bewusstsein für die Förderungsmöglichkeiten der Betroffenen, in der Regel wird ihnen seitens der Familie keinerlei Entwicklungspotenzial zugetraut. Stattdessen werden Angehörige mit Behinderung versteckt.

Hier setzt das Projekt an und implementiert ein Programm nach dem Community Based Rehabilitation Ansatz (CBR) um. Die "gemeindenahe Rehabilitation" setzt auf die Entwicklung des Gemeinwesens und die Nutzung vorhandener Ressourcen. Hierbei werden die Menschen mit Behinderung und deren Familien aber auch Nachbarn, Freunde, Gemeinden und Behörden mit einbezogen und am Aufbau eines Unterstützungsnetzes aus Freiwilligen an dem Programm beteiligt.

In Tadschikistan arbeitet Caritas international seit 2010 im Distrikt Vahdat erfolgreich mit dem CBR-Ansatz und unterstützt vergleichbare Projekte etwa in Ägypten, Vietnam, Kambodscha und Indonesien. 2012 wurde der bewährte Ansatz auch auf die Distrikte Konibodom und Ghonchi übertragen.

Daneben fördert Caritas in Tadschikistan seit 2009 die Ausbildung von Sozialarbeiter/innen und unterstützt die Regierung bei ihrem Programm zur Weiterentwicklung und Verbesserung sozialer Dienste.

Juli 2016