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Europa

Chancen für Chancenlose

Albanien: Armutsbekämpfung

Friedensarbeit mit Kindern

Drei albanische KinderKinder in AlbanienCaritas international

An den Rändern der küstennahen Ballungszentren wie Shkoder leben viele zugewanderte Familien in extremer Armut. Die Kommunen sind den rasch wachsenden Siedlungen nicht gewachsen: Hohe Arbeitslosigkeit und mangelnde Infrastruktur in wichtigen Bereichen wie Bildung, Sport und Freizeit prägen den Alltag der hier lebenden Familien. Viele Kinder und Jugendliche sind hier weitgehend sich selbst überlassen und von Verwahrlosung betroffen. Ihre Situation spiegelt sich in psychischer Instabilität, Perspektivlosigkeit bis hin zu einer hohen Kriminalisierungsrate wieder.

Caritas international fördert hier seit zehn Jahren ein Projekt der Kinder- und Jugendarbeit, das gemeinsam mit der Schweizer Ordensgemeinschaft "Spirituelle Weggemeinschaft" aufgebaut wurde. Der Orden hat in Shkoder eine Begegnungsstätte geschaffen, in der Kinder und Jugendliche positive Erfahrungen sammeln, Fähigkeiten für den praktischen Alltag erwerben und soziale Kompetenzen ausbilden können. Mit ihrem Projekt "weg von der Straße" motiviert die Spirituelle Weggemeinschaft Jugendliche, ihr Lebensumfeld selbst zu gestalten.

Inzwischen arbeitet die Jugendhilfe der Caritas in den Städten Tirana und Cerrik in den Stadteilen Berglumi und Malasen. In einem Begegnungszentrum treffen sich regelmäßig etwa 60 Jugendliche, in einem weiteren Zentrum sind es nochmal so viele. In beiden Zentren wurden Kindergruppen für die Sechs- bis Zwölfjährigen gegründet. Die Jugendlichen sprechen bei den gemeinsamen Treffen über Themen wie Gewalt, Lösungsmöglichkeiten für Konflikte, Emigration, Gesundheit, die Bedeutung von Impfungen und Hygiene oder Sexualität. Das gewachsene Vertrauensverhältnis erlaubt es den Jugendlichen, auch mit ihren persönlichen Nöten in das Jugendzentrum zu kommen und Beratung zu suchen. Ein Anziehungspunkt ist für viele der Sportplatz.

Gemeinsame Theateraufführungen in Schulen und Aktivitäten mit Jugendlichen aus einem Drogenrehabilitationszentrum sind Teil der aktuellen Arbeit. In Kursen, die zusammen mit einem Berufskolleg angeboten werden, können die Jugendlichen berufliche Fähigkeiten erwerben und damit ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt verbessern.

Jugendliche bei einer FreizeitaktivitätJugendliche in Albanien nehmen an Freizeitaktivitäten teilCaritas Albanien

Bei der Förderung von jüngeren und von behinderten Kinder ist der Bedarf an sinnvollen Aktivitäten enorm. In integrierten Gruppen bietet die Schwestern des Ordens regelmäßig Treffen an, um Spiel- und Sozialverhalten zu trainieren. Besonders beliebt sind Theater- und Rollenspiele, hier sprechen die Kindern über Themen des täglichen Lebens. Die Förderung der Eigeninitiative hat beachtliche Früchte getragen: In einem selbst gegründeten Kinderrat erfahren die Kinder ganz praktisch, dass sie eine Stimme haben - und für ihre Belange einstehen können.

Elternarbeit

Die Eltern behinderter Kinder werden in die Förderung einbezogen, fast jede Woche kommen neue Eltern mit behinderten Kindern hinzu und suchen Hilfe und Rat. In Diskussionsrunden im gegenseitigen Austausch sprechen die Eltern über Wege der Konfliktbearbeitung, über die Bedeutung der Schule und Ausbildung für ihre Kinder, über ihre eigene Rolle.

Die "Weggemeinschaft" hat eine Kinderkrippe für eingerichtet und führt eine Frühförderung für sechs bis zehn behinderte Kinder durch. Verstärkt begleiten die Schwestern werdende und junge Mütter in der Säuglingspflege und bieten eine heilpädagogische Beratung an. Über das Projekt kann zudem Kontakt zu Gynäkologen in einer Klinik hergestellt werden. Nach der Geburt kommen die Mütter im ersten Lebensjahr des Kindes monatlich zur Beratung, zum Wiegen der Kinder und zur Vorsorge.

Um die Arbeit in den Jugendgruppen und die Themen bei den Elterngesprächen auch in die Gemeinde zu tragen, werden zirka alle drei Monate öffentliche Kampagnen gegen Gewalt gepalnt, auch Rauchen, Alkoholsucht und Drogenmissbrauch sind Thema. Kinderrechte und Geschlechtergerechtigkeit werden - professionell angeleitet - von den Kindern in Foren diskutiert.

Kinder und Jugendhilfe verankern

In Albanien gibt es keine ausgeprägte Tradition der Zusammenarbeit zwischen Staat und zivilen Initiativen. Entsprechende Mechanismen müssen erst etabliert werden. Um die Jugend- und Elternarbeit in der Gesellschaft zu verankern, braucht es gestärkte Netzwerke und etablierte Gemeinwesenarbeit, Bereiche, die von Caritas international nun verstärkt gefördert werden. Mit sozialpädagogisch ausgebildeten Fachkräften und über die Koordination von Jugend- und Kinderhilfe in der Verwaltung werden staatliche Aktivitäten zugunsten von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflusst. Auch die Selbsthilfe der Bewohner/innen wird gestärkt: sie erhalten Unterstützung, um eigenständig Initiativen zur Verbesserung in den Wohnsiedlungen zu gründen und sich für eine bessere Bildungs- und Gesundheitssituation ihrer Kinder zu engagieren - über den familiären Rahmen hinaus. Die elterliche Verantwortung macht so nicht bei den eigenen Kindern halt: ein aktives Gemeinwesen lebt vom Engagement ihrer Mitglieder. Gefördert wird von Caritas international auch die Arbeit eines Netzwerkes von staatlichen Institutionen und NROs für den Schutz von Kinderrechten.

Friedensarbeit mit Opfern der Blutrache

Im Norden Albaniens gewannen nach dem Ende der sozialistischen Ära mancherorts alte Gewohnheitsgesetze wieder an Bedeutung - darunter auch der Kanun, die so genannte Blutrache: Mord an einem Familienmitglied, um empfundenes Unrecht zu sühnen. Bis zu 15.000 Familien sind in diese gewalttätige Praxis verstrickt oder von ihr tendenziell bedroht. Die Blutrache treibt die betroffenen Familien in die völlige Isolation, die von einer Atmosphäre ständiger Bedrohung geprägt ist.

Angehörige trauern an GedenkstätteGedenken an die Opfer von BlutracheCaritas international

Seit dem Ende der kommunistischen Diktatur wurden schätzungsweise 20.000 Menschen in Blutfehden verwickelt und über 9.500 wurden seither im Namen des Kanun getötet. Das ermittelte das Nationale Versöhnungskomitee, eine albanische Nichtregierungsorganisation. Rund 1.200 Kinder wachsen dem Komitee zufolge ohne Schulausbildung auf, weil sie zu Hause eingeschlossen leben - aus Angst vor dem Kanun, dem Sühnemord.

Caritas international hat die Arbeit der "Spirituellen Weggemeinschaft" für die Gewaltopfer in Albanien unterstützt. Die Schwestern haben sich zum Ziel gesetzt, das tabuisierte Thema Blutrache öffentlich zu machen und diesem Phänomen entgegen zu steuern. Der Schwerpunkt liegt auf der psychologischen Betreuung der Betroffenen, medizinischer Unterstützung, juristischer und finanzieller Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit und der Entwicklung konkreter Konfliktlösung zwischen den Familien.

Caritas kofinanzierte das Projekt und beteiligt sich mit der Caritas-Mitarbeiterin Schwester Maria Christina vor Ort an der friedenspolitischen Arbeit. Ein nationales Versöhnungkomitee und alle Kirchen, christliche wie islamische Geistliche, sind bemüht, dies gewalttätige Form der Familienfede zu bekämpfen. Und der albanische Staat ahndet laut Strafgesetzbuch von 1995 den vorsätzlichen Mord mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 20 Jahren. Im Jahr 2001 wurde dieses Gesetz um einen Paragrafen ergänzt, in dem »Mord aus Rache« ausdrücklich erwähnt und mit zwanzig Jahren bis lebenslänglich belegt wird.

Februar 2015