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Europa

Katastrophenhilfe

Deutschland und Mitteleuropa: Hochwasser

Neue Wege der Caritas-Hilfe - ein Jahr nach der Flut

Nach langen und extrem starken Regenfällen  im Juni 2013 überfluteten im Nord- und Südosten Deutschlands sowie in den Anrainerstaaten Mitteleuropas die Flüsse und Bäche weite Regionen. Erst im Jahr 2002 hatte man nach den schweren Überschwemmungen vorschnell von einer Jahrhundertflut gesprochen. Doch das Unglück wiederholte sich schon elf Jahre danach- viele waren erneut betroffen. Die Wassermaßen setzten ganze Städte unter Wasser und hinterließen Schlamm und Schutt. Neben den materiellen Schäden bleiben die seelischen Folgen. Die Betroffen müssen sich ihren Zukunftsängsten stellen. In Sachsen-Anhalt, in der Region Altmark, hilft dabei die Kunsttherapeutin Julia Wübbenhorst (29) und bietet in der Gemeinde Schönhausen generationenübergreifend psycho-soziale Nachsorge für Geschädigte des Hochwassers. In der Gemeinde waren 250 Haushalte betroffen. Die Schäden alleine in den privaten Haushalten liegen bei rund 10 Millionen Euro. 

Mit dem Angstmonster gegen die Flutsorgen

In den ersten Monaten nach der Flut war vor allem technische Hilfe entscheidend. Längerfristig wird immer deutlicher, dass die betroffenen Menschen einen seelischen Ausgleich von ihrem Alltag benötigen, der geprägt ist von der Bewältigung der Sachschäden. 

Kind beim Malen in der KunsttherapieBilder gegen die Angst Caritas Verband für das Dekanat Stendal

In Schönhausen setzt die Caritas auf Kunsttherapie. Symbolisch für die Arbeit von Wübbenhorst steht der "Angstfresser". Aus Filz und anderen Materialien hergestellt, verschwinden im Rachen des Monsters kleine Zettel, auf dem vorwiegend Kinder, die das Angebot wahrnehmen, ihre Ängste und Sorgen notiert haben. "Bei den erwachsenen Betroffenen sind es vor allem Ängste, die mit einer Existenzbedrohung einhergehen. Das Gefühl, alles nicht zu schaffen, sowohl finanziell, als auch von den eigenen Kräften her, macht den Menschen Angst", verdeutlicht die Kunsttherapeutin. So seien durch das Hochwasser  ganze Lebenskonzepte erheblich durcheinander gebracht worden. Ihre Arbeit reflektierend berichtet Wübbenhorst: "Seit fast einem Jahr sind die Flutbetroffenen Dauerstress ausgesetzt. Nicht selten höre ich von den Betroffenen, dass sie nur noch "funktionieren". Viele Familien leben immer noch nicht wieder im eigenen Heim oder seit Monaten auf einer Baustelle. Diese permanente Stresssituation zehrt täglich an den Nerven und belastet darüber hinaus viele Beziehungen und Familien. Es fehlt ein Rückzugsort zum Kraft tanken." Mit Unterstützung des Bürgermeisters von Schönhausen sowie der Orts-Caritas  kann seit einigen Monaten dieser Raum geboten werden. Im Bürgerzentrum lädt die Caritas ins "Offene Atelier" für Erwachsene und zu gesonderten kunsttherapeutischen Kindergruppen ein.

Kinderzeichnung: Das Trauma mit Malen verarbeitenKinderzeichnung: Das Trauma mit Malen verarbeiten Caritas Verband für das Dekanat Stendal

Somit finden alle Altersgruppen hier ihren Platz für Ruhe und Austausch. Nicht zwingend steht bei den Gesprächen und dem künstlerischen Schaffen die Flut im Vordergrund, jedoch wird in den Bildern häufig deutlich, dass dieses Ereignis alle stark getroffen hat. So drückt ein Kind im Bild seine Sorge um die Rettung der Tiere durch die Feuerwehr aus. 

Die 58-Jährige Teilnehmerin Monika Horn erzählt: "Wir sind hier ja eigentlich alle betroffen. Im offenen Atelier kann man sich ohne Zwang austauschen. Durch das Malen schaltet man einfach ab, man taucht ein und kann die Seele baumeln lassen. Man kommt gestresst her und geht beruhigt nach Hause."

Schnittstelle zwischen praktischer Hilfe und seelisch-therapeutischer Nachsorge

Über ihr kunsttherapeutisches Angebot hinaus bietet Julia Wübbenhorst Beratungen zu Förderangeboten der Caritas-Experten an. Denn die Caritas bietet auch ein Jahr nach der großen Flut weiterhin technische Hilfe an. Selbst heute noch müssen zum Beispiel viele Häusern mit Raumluftentfeuchtern getrocknet werden. 

Die Kunsttherapeutin Julia Wübbenhorst mit einem Kind im KursDie Kunsttherapeutin Julia Wübbenhorst bei der Arbeit Caritas Verband für das Dekanat Stendal

Die Werkzeugausleihe ist weiterhin beliebt. Die Caritas unterstützt  mit den eigegangenen Spendengeldern von Caritas international u.a. die Beratung durch Bauingenieure. Die Entscheidung, ob Neuanfang oder Wiederaufbau, wiegt schwer. Für den Wiederaufbau von Wohngebäuden sowie den Hausrat stehen Fördermittel bereit. 

Auch beim Ausfüllen der Anträge helfen die Mitarbeiter der Caritas. Als Erholungsangebot können Kinder, Familien und Senioren Kuren beantragen. So bildet Julia Wübbenhorst in Schönhausen eine Schnittstelle zwischen praktischer Hilfe und der Überwindung von Ängsten. Dazu gehört die Angst vor aufwendigen Formalitäten für die Anträge auf staatliche Hilfen oder vor dem oftmals langwierigen Kampf mit den Versicherungen. "Die Betroffenen dürfen nicht entmutigt zurückgelassen werden. Sie müssen darin bestärkt werden, Unterstützung in Anspruch zu nehmen", hebt Wübbenhorst abschließend hervor.

Mai 2014