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Europa

Rechte für Kinder

Georgien: Straßenkinder stärken

Kind in einem provisorischen BettenlagerViele Kinder in Tiflis schlafen in provisorischen selbstgebauten Unterkünften Caritas international

Seit dem Ende der sowjetischen Regierung und den darauf folgenden Abspaltungskriegen weist die georgische Wirtschaft erhebliche Defizite auf. Die industrielle Produktion ist verhältnismäßig gering ausgeprägt und entwickelt. Der Zustand der Landwirtschaft ist mangels moderner Ausstattung weiterhin mehr als unbefriedigend.

So ist bis heute die Subsistenzwirtschaft für viele Familien existenziell. Die Menschen in den ländlichen Regionen erzeugen einen großen Teil ihres Lebensunterhaltes in dem fruchtbaren  Land auf eigenen Parzellen. Auch der Tourismussektor, der in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, verspricht nicht unbedingt bezahlte Arbeit.

Was hat die Finanzkrise mit dem Leben der Kinder in Georgien zu tun?

Laut der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) leiden große Teile der georgischen Bevölkerung, insbesondere in den ländlichen Gebieten, unter Armut und Arbeitslosigkeit. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei gut 16 Prozent. Unabhängige Erhebungen zeigen jedoch, dass die tatsächliche Arbeitslosigkeit deutlich über 30 Prozent liegt. Viele junge Menschen, die eine Ausbildung haben, verlassen das Land.

Die sozio-ökonomische Entwicklung Georgiens ist zudem durch die weltweite Wirtschaftskrise seit 2012 erheblich beeinträchtigt. Hinzu kommen Auswirkungen der verlorenen Kriege wie der Konflikt mit Russland um Ossetien 2008. So mussten nach dem Krieg und aufgrund der Wirtschaftskrise sehr viele georgische Gastarbeiter aus Russland in die Heimat zurückkehren. Dadurch fallen für viele Familien die zum Überleben oft unabdingbaren Überweisungen aus dem Ausland weg.

Aufgrund der für viele Menschen perspektivlosen Situation kommt es zunehmend zu Alkohol- und Drogenkonsum sowie zu Gewaltausbrüchen. Die Folgen von fehlenden Zukunfsaussichten und sozialer Unsicherheit zeigen sich insbesondere auch bei den Kindern und Jugendlichen in Georgien.

Während in ländlichen Gebieten größtenteils noch intakte Familien und soziale Netzwerke bestehen, ist dies für die Millionenstadt Tiflis häufig nur noch eingeschränkt der Fall. In der Anonymität der Großstadt ist oft kein Familienangehöriger oder Nachbar vor Ort, um sich der Kinder und Jugendlichen anzunehmen. Die Kinder sind dann sich selbst überlassen, viele fliehen aus schwierigen Familienverhältnissen und ziehen ein Leben auf der Straße vor.

Zwei Jungen im Bus der mobilen Jugendarbeit der CaritasZwei Jungen im Bus der mobilen Jugendarbeit der CaritasZviad Rostiashvili

Wann ist ein Kind ein Straßenkind?

Es gibt bislang keine gesicherte Statistik über die Zahl der Straßenkinder in Georgien, nach Schätzungen von lokalen und internationalen Hilfswerken beträgt deren Zahl zwischen 500 bis zu über 5.000. Ihre Zahl nimmt offensichtlich stark zu, so dass das georgische Parlament eine Street Children Working Group (SCWG) eingerichtet hat.

Bei den Straßenkindern handelt es sich zum einen um Kinder und Jugendliche, die das ganze Jahr oder zumindest einen Großteil der Zeit auf der Straße verbringen. Dann gibt es sogenannte Sozialwaisen, die zwar den Tag auf der Straße verbringen, nachts aber zu Hause schlafen. Beiden ist gemeinsam, dass sie die meiste Zeit des Tages ohne Behütung und ohne die Möglichkeiten einer kindgerechten Umwelt aufwachsen, bettelnd, arbeitend oder involviert in nicht legale Aktivitäten. Nicht alle Straßenkinder sind in Prostitution, Missbrauch von Alkohol und Drogen verwickelt, doch alle werden damit früher oder später konfrontiert. Sie sind hohen gesundheitlichen Risiken und Gefahren ausgesetzt. Umso häufiger werden sie krank. Hinzu kommt eine starke Stigmatisierung: Ein Video der UNESCO zeigt die eindrücklich: Ein gut gekleidetes sechsjährigs Mädchen, das alleine in der Innenstadt in Tiflis steht, erfährt sofort Zuwendung und HIlfe. Das gleiche Kind in schmutzige Klamotten wie ein Straßenkind gekleidet, wird nicht beachtet oder sogar weggeschickt und erhät von den Passanten keinerlei Hilfe.

Die Mehrheit der Straßenkinder hat keinen ausreichenden Zugang zu Bildung. Obwohl sie im schulfähigen Alter sind und es eine allgemeine Schulpflicht gibt, besuchen sie nicht die Schule. Selbst auf dem Land galt in den Jahren 1925 bis zum Ende der Sowjetzeit der Analphabetismus als vollständig überwunden. In den letzten 20 Jahren allerdings kehrte das Problem zurück. Nur 20 Prozent der Straßenkinder im Grundschulalter (bis zu 12 Jahren) nehmen am Schulunterricht teil und nur jedes Zehnte der über 12-Jährigen besuchen weiterführende Schulen. Zwei Drittel aller Straßenkinder in Georgien haben noch nie einen Klassenraum betreten.

Januar 2017