zurück

Europa

Krisen und Konflikte

Griechenland: Doppelte Krise

"Jeder hat die Kraft, etwas zu verändern"

Die freiwllige Helferin bei der Caritas Griechenland Sylvia im PortraitDie 26-jährige Sylvia aus Italien absolviert seit September 2015 ein freiwilliges soziales Jahr bei der Caritas Griechenland und engagiert sich vor allem in der Flüchtlingshilfe.Foto: Caritas international / Bettina Taraki

Sie arbeiten seit einem Jahr für die Flüchtlingshilfe der Caritas, wie kam es dazu?
Sylvia: Mein ursprünglicher Auftrag war, einen Bericht über die griechische Armut zu schreiben. Diese Projekte werden immer ein Jahr vorher geplant. Als aber im letzten Jahr die Flüchtlingskrise hier explodierte, habe ich auch für Caritas Hellas in Flüchtlingslagern gearbeitet.

In welchen Camps sind Sie gewesen?
Im November 2015 war ich in Idomeni. Damals war das Camp noch klein und die Situation katastrophal. Es waren auch noch nicht so viele Organisationen vor Ort. Es mangelte an allem, vor allem an Essen und Kleidung. Es wurde kalt, der Winter stand bevor und es war wirklich sehr frustrierend für die Flüchtlinge. Es war die Zeit, als die ersten Grenzen geschlossen wurden - für alle Flüchtlinge außer für Syrer, Iraker und Afghanen. Alle anderen steckten dann in Idomeni fest. Wir trafen viele junge Leute aus Marokko und anderen Ländern, die total verzweifelt waren. Natürlich können diese Leute nicht als Kriegsflüchtlinge angesehen werden, aber sie sind trotzdem mit schwierigen Bedingungen konfrontiert, weil sie große wirtschaftliche Probleme in ihrer Heimat haben. Einige flüchteten vor der Armut, andere aus politischen oder religiösen Gründen, wie zum Beispiel verfolgte Christen aus dem Iran, Somalier, Jemeniten, Leute aus Gaza... das waren alles Flüchtlinge "zweiter Klasse". Sie sind von so weit hergekommen und konnten nicht zurück, konnten aber auch nicht in Griechenland bleiben. Alle wissen genau, dass es in Griechenland keine Zukunft für sie gibt. Das war sehr schockierend für mich.

Hat sich die Situation dort später verändert?
Alle Medien hatten sich auf Idomeni konzentriert, deswegen kam so viel Hilfe dort an und bei meinem zweiten Besuch im Mai hatte sich das Camp zu einem Dorf entwickelt. Viele Hilfsorganisationen, viele Freiwillige, viele Angebote. Die Bewohner haben Netzwerke und Beziehungen geknüpft und sich eine Art Alltag geschaffen. Sie hatten Kleidung, Essen. Es gab sanitäre Einrichtungen.
Zur selben Zeit haben die Griechen neue, offizielle Camps eröffnet, in die viele Menschen aus Idomeni umgesiedelt wurden. Aber diese Camps waren nur halbfertig und schlecht ausgestattet. In den letzten Tagen von Idomeni wollte deswegen keiner mehr dort weg. Obwohl es noch immer auch dort Mängel gegeben hat. Vor allem im Bereich Sicherheit. Nachts gab es viele Kämpfe zwischen den Nationalitäten, z.B. Syrer gegen Afghanen. Und obwohl die Polizei vor Ort war, haben sie in diese Kämpfe nicht eingegriffen. Für Frauen war es besonders gefährlich. Da gab es Prostitution und Drogenhandel.
Im Juni haben die Flüchtlinge immer noch geglaubt, dass die Grenzen wieder geöffnet würden. Das war ein weiterer Grund, warum sie dort nicht weg wollten. Es war sehr schwierig für uns, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Als Idomeni dann aufgelöst wurde, hat man alle Bewohner innerhalb von zwei Tagen in die offiziellen Camps verlegt. Ich habe einige von ihnen besucht. Die Bedingungen dort waren sehr schlecht, in einem Camp gab es nicht genug Wasser, die Leute bekamen Hautausschläge, v.a. die Kinder. Auch die Sicherheit war nicht gewährleistet und zu essen gab es auch nicht ausreichend. Die Hilfsorganisationen, die in Idomeni tätig gewesen waren, durften dort aber nicht sofort tätig werden, sondern mussten sich über ein Ausschreibungsverfahren über das Innenministerium bewerben. Das war sehr kompliziert und irgendwie grotesk. Auf der anderen Seite aber macht es auch Sinn, denn die Situation mit all den Hilfsorganisationen in Idomeni, vor allem was die Freiwilligen betraf, war zu extrem, zu chaotisch.

Inwiefern?
Jeder wollte helfen, aber es gab keine Koordination zwischen den Hilfsorganisationen und den Freiwilligen. Das war ein großes Problem. Zum Beispiel: einige Gruppen im Camp bekamen Hilfe, andere nicht. Oder es gab Freiwillige, die nicht ausgebildet waren, die nur für Tourismus kamen und eigentlich gar nicht helfen wollten.

Was war Ihre Aufgabe bei der Caritas und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich habe vor allem Bedarfsanalysen gemacht, um herauszufinden, wie man die Hilfe verbessern kann. Ich hatte vorher nie Kontakt zu Flüchtlingen, weil ich aus einer kleinen Stadt komme. Als ich mich dann mit ihnen unterhalten habe, war ich überrascht, zu sehen, dass deren größtes Bedürfnis war, einfach zu reden. Alle hatten einen Höllentrip hinter sich, um hierher zu gelangen und wurden mit so vielen Problemen, Ängsten und Gewalt konfrontiert. Alle waren traumatisiert. Sie brauchten erst mal jemanden, der ihnen zuhört. Seltsam war nur, dass es so viele freiwillige Helfer und Journalisten dort gab, aber niemand ihnen wirklich zuhören wollte. Keiner hatte Zeit. Die Journalisten z.B. wollten nur ihre Geschichten schreiben und haben sich um die Gefühle der Leute überhaupt nicht geschert.

Haben Sie Rassismus gegenüber den Flüchtlingen erlebt?
Im Vergleich zu Italien gibt es hier - trotz der ökonomischen Krise - eher wenig Rassismus gegenüber den Flüchtlingen. Die Griechen sind viel offener als die Italiener. In dem ganzen Jahr hier habe ich nie Proteste gegen Flüchtlinge gesehen, wenn es Demos gab dann gegen die europäische Politik, z.B. nach dem Türkei-Abkommen oder gegen die Nato. Das hat zum einen kulturelle Gründe zum anderen geschichtliche, denn Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mussten viele Griechen aus der Türkei fliehen. So zogen  ganze Teile der Population von einem Land ins andere. Das haben die Griechen nicht vergessen.

Ihre Basis ist im Projekt "Neos Cosmos", können Sie etwas darüber erzählen?
"Neos Cosmos" wird von der armenischen Kirche in Athen geleitet und von Caritas unterstützt. Wir bieten hier vor allem Wohnraum und soziale Betreuung für Flüchtlinge, aber auch für bedürftige griechische Familien. Insgesamt leben hier zur Zeit 70 Personen, die meisten davon in einem ehemaligen Schwesternheim, das gerade noch renoviert wird. Es ist ein kleines, gemeindebasiertes Projekt; man lebt und kocht zusammen, hilft sich gegenseitig.

Welche Erfahrungen haben Sie dort bisher gemacht?
Die Erfahrung hier zu leben war großartig. Wir haben das Leben miteinander geteilt, echte Beziehungen geknüpft und viele Aktivitäten für die Flüchtlinge organisiert. Denn es ist besonders frustrierend, wenn man nichts tun kann, außer zu warten, da kann man schnell depressiv werden. Deswegen füllen wir ihren Tag und helfen auch den Kindern zu einem normalen Leben. Sie haben jetzt viele Jahre Schule verpasst und wir unterstützen sie dabei, das nachzuholen, organisieren Englisch- und Mathematikkurse, Kreativwerkstätten im Malen und Zeichnen zum Beispiel. Und natürlich gibt es auch Aktivitäten für die Erwachsenen, wie Sprachkurse oder Ausflüge.

Können Sie Ihre Erfahrung im Ganzen rückblickend beschreiben?
Das war das intensivste Jahr, das ich bisher gelebt habe. Ich glaube, ich habe hier mein wahres Selbst gefunden und mich sehr weiterentwickelt. Vielleicht dadurch, dass ich mich selbst und meine Bedürfnisse einfach mal zurückzustellen musste.

Was glauben Sie, wie wird es Ihnen ergehen, wenn Sie zurück kommen und die Leute Ihnen von ihren Alltagsprobleme erzählen?

Ich werde lachen und sagen, schau, die Welt ist so groß. Du kannst Dir nicht wirklich vorstellen was da draußen los ist. Und Deine Probleme sind so klein, verglichen mit dem, was in der Welt passiert. Ich spreche nicht von den Dramen dieser Welt, sondern von dem, was mit der Welt gerade als Ganzes passiert. Wir sind alle Teil dieses Prozesses und jeder hat die Kraft etwas zu verändern.

Würden Sie also anderen in Ihrem Alter auch empfehlen, so was zu machen?
Ja, auf jeden Fall. aber das bedeutet nicht, dass du unbedingt mit Flüchtlingen arbeiten musst.  Du musst einfach nur die Person neben Dir betrachten und ihr zuhören. Einfach nur zuhören. Manchmal braucht man auch gar keine Worte, um zu verstehen. Man muss nur in die Augen eines Menschen schauen, denn jeder, alle unsere Mitmenschen sind auf irgendeine Weise bedürftig oder werden es irgendwann sein.

Bettina Taraki, August 2016