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Europa

Rechte für Kinder

Russland: Friedensarbeit mit Jugendlichen

In der Russischen Föderation sind nationalistische Einstellungen und Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen eine gesellschaftliche Herausforderung. Das politisch und populistisch über Jahre gewachsene Zusammengehörigkeitsgefühl in der ehemaligen Sowjetunion ist kaum mehr existent. Spürbar wird vielerorts ein nationalistisches Denken, das einen Gegensatz von 'wir' und 'die anderen' betont. Viele Jugendliche lernen in dieser Atmosphäre von Kind an zu unterscheiden zwischen der eigenen Gruppe und denen, die nicht dazugehören. Nationalistische Einstellungen haben im Gefolge des Tschetschenienkrieges und terroristischen Anschlägen wie denen von Januar 2011 am Flughafen Domodedovo Konjunktur.

Seit nunmehr sechs Jahren zeichnet sich eine gesellschaftliche Spaltung ab, die 'Russen' gegen andere Bevölkerungsgruppen setzt. Besonders die Vorurteile gegen Menschen aus Mittelasien und aus dem Kaukasus, die abwertend 'Schwarze' genannt werden, haben zugenommen. 2013 wurde in einem Einkaufszentrum, in dem sehr viele Migranten arbeiten, eine Rauchbombe angezündet. Dutzende von Gastarbeitern wurden in den letzten Jahren in Moskau von Skinhead-Gruppen als Zufallsopfer auf Moskaus Straßen erstochen oder zu Tode geprügelt.

Rollenspiel in der FriedensschuleRollenspiel in der Friedensschule der CaritasCaritas Saratow

Ressentiments und Ausländerfeindlichkeit ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten. Ein Beispiel dafür sind die Personenkontrollen von Polizisten und Sicherheitskräften, die 'Kaukasier' besonders häufig und in größtmöglicher Öffentlichkeit streng kontrollieren.

Die Großstadt Wolgograd, früher Stalingrad, bezeichnet sich als multinational und weltoffen. Dennoch wird afrikanischen Studierenden seitens der Hochschule empfohlen, nicht abends und auch nicht allein unterwegs zu sein, um nicht Opfer rassistischer Übergriffe zu werden.

Auch auf staatlicher Ebene wurde der offen geäußerte und teilweise gewalttätige Nationalismus inzwischen als Problem erkannt - nicht zuletzt mit Blick auf die anstehenden internationalen Sportgroßveranstaltungen: Die Fußball-WM 2018 soll in Russland ausgetragen werden. Nationalistisch motivierte Gewalt russischer Fußballfans, so die Befürchtung, könnte die Sportereignisse gefährden.

Der Staat fördert offiziell eine multinationale Identität. Bei der expliziten Verurteilung von ethnisch-nationalen Gewaltausbrüchen sind die politischen Führungspersonen jedoch zurückhaltend, um nicht den Eindruck zu erwecken, sich nicht um die ethnischen Russen zu kümmern.

Toleranz fördern

Immerhin: Inzwischen gibt es vielen Schulen staatlich geförderte Programme für mehr Toleranz. Ihre Wirkung ist allerdings sehr begrenzt, denn sie gehen kaum darüber hinaus, staatlicherseits Toleranz zu verordnen. Darauf regieren gerade manche 'rebellischen'  jungen Leute mit umso größerer Bereitschaft zu offener Aggression. Es gibt immer wieder Gelegenheiten, wo sich ihre Wut entlädt, zum Beispiel bei Prügeleien zwischen Fußballfans und Kaukasiern im Moskauer Stadtzentrum, die von nationalistischen Gruppierungen gezielt instrumentalisiert wurden.

In ihrem Friedensprojekt fördert die Caritas Konfliktbewältigung bei Kindern und Jugendlichen. Die Caritas Südrussland betreut ein Bistum, das so groß ist wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Portugal zusammen und sich bis zum Kaukasus erstreckt. Diese Vielvölkerregion Russlands mit 45 Millionen Einwohnern lebt spätestens seit Beginn des Tschetschenienkrieges mit Gewalt und Terror, Flucht und Vertreibung.

Dezember 2015