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Europa

Rechte für Kinder

Kinderarmut in Russland

Oma mit EnkelinViele Kinder werden von den Großeltern mitverorgt - für die Seniorinnen ist das eine große Belastung.Susanne Staets

In Russland bangen immer mehr Menschen um ihren hart erarbeiteten Lebensstandard. Preiserhöhungen, Arbeitsplatzmangel sowie schlecht bezahlte Jobs unter dem Existenzminimum führten in den vergangenen Jahren dazu, dass sich die materielle Lage auch der Mittelschicht verschlechtert hat. Insbesondere kinderreiche Familien und Alleinerziehende sind davon betroffen.1

Diese Entwicklung ist nicht neu und doch verschärft sich das Ausmaß der Armut. Das ist auch in den von Caritas international mitbetreuten Kinderzentren zu spüren, zum Beispiel in Saratow. Allein im Laufe des vergangenen Jahres stieg hier die Rate der Kinder, die unter der Armutsgrenze leben, von knapp 14 auf knapp 16 Prozent. Die Familieneinkommen gingen um über vier Prozent zurück.

Vielfach wird den Kindern armer Familien nicht nur die Chance auf eine sichere Zukunft verwehrt. Sie tragen auch einen großen Teil der Lasten, mit denen die Erwachsenen überfordert sind. Die Armut prägt allzu oft das Selbstverständnis und schwächt das Selbstwertgefühl dieser Kinder. Insofern ist Kinderarmut eine langwährende Schuldenlast auf die Zukunft der gesamten Gesellschaft.

Wie gesellschaftliche Armut Kinderschicksale prägt

Die verbreitete materielle und soziale Unsicherheit der Familien schlägt sich im Umgang mit den Kindern nieder. Immer häufiger führen Alkoholismus und innerfamiliäre Gewalt zur Vernachlässigung der Kinder. Allein in der Diözese Saratow standen im Januar 2014 136.400 Eltern oder andere gesetzlich Erziehungsberechtigte, die ihren Pflichten bei der Erziehung und der materiellen Unterstützung der Kinder nicht nachgekommen sind, unter Kontrolle der Behörden für innere Angelegenheiten. Auch die Zahlen bei Kindermisshandlungen sind in der Diözese stark angestiegen: Allein im Jahr 2014 wurden 2.500 gerichtliche Verfahren gegen Eltern und andere gesetzlich Erziehungsberechtigte eingeleitet, die Kindermisshandlungen zugelassen haben.

Die staatliche Politik für Familien in schwierigen Lebenslagen konzentriert sich auf vier Arten der Hilfe: finanzielle Beihilfen, Gewährung von Vergünstigungen, kostenlose soziale Unterstützung und Betreuung wie psychologische Hilfe, Beratung und Rechtsschutz. Allerdings sind die Behörden aufgrund steigender Armutszahlen überlastet und die Budgets sind dem Bedarf nicht angepasst. Zudem können die einzelnen Hilfen keine systematische Betreuung einer Familie ersetzten.

Für die Zukunft rechnen Experten mit einem Anstieg von Rechtsverletzungen unter Minderjährigen. Daraus folgt: Der Bedarf an Kinderzentren nimmt mit der steigenden Zahl der Eltern, die ihren Familienpflichten nicht nachkommen, deutlich zu.

Die Kinderzentren der Caritas arbeiten nicht nur mit den Kindern, sondern beziehen ihre Umgebung ein: wenn Familie, Schule, andere Kinder und Personen aus dem Umfeld der Heranwachsenden mitwirken, kann eine fördernde Umgebung geschaffen werden, die Sicherheit und Geborgenheit erst aufkeimen lässt.

Januar 2016

Anmerkung:

1 Die zunehmende Verarmung der Mittelschicht ist u.a. eine Folge der Wirtschaftskrise und des fallenden Ölpreises. Auch die westlichen Sanktionen gegen Russland spielen dabei eine Rolle. Aufgrund der Wirtschaftskrise hat die Regierung bereits im vergangenen Jahr Ausgaben kürzen müssen, vor allem im sozialen Bereich. Dieser Trend wird sich in diesem Jahr fortsetzen. De facto bedeutet das: Die kommunalen Budgets müssen Kürzungen bei den staatlichen sozialen Dienstleistungen vornehmen. Damit wird auch für unsere Partner Caritas Russland der Zugang zu lokalen Finanzierungen erschwert. Daher ist internationale Solidarität unter den Caritas Partnern so wichtig.