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Europa

Gesundheit, Pflege, Sucht

Russland: Menschenwürdige Pflegearbeit

Eine heruntergekommene KücheneinrichtungWer pflegebedürftig ist, wird hier seine Mühen haben. Susanne Staets

Wer alt ist, braucht oft Pflege, und wer Hauspflege in Anspruch nehmen möchte, braucht Geld. Die meisten der über 40 Millionen Rentner/innen in Russland müssen jedoch mit einer Minimalrente von weniger als 80 Euro auskommen. Davon müssen sie Miete, Lebensmittel und Medikamente bezahlen. Das ist gerade in den Städten wie Petersburg oder Moskau kaum vorstellbar.

Russland ist in Sachen Lebensqualität für Senioren und Seniorinnen im Ländervergleich von 91 Ländern auf Platz 78 eingestuft worden. Bei der Studie galten neben dem Einkommen der Gesundheitszustand, Bildungsgrad, Beschäftigung, die Umweltsituation und soziale Aktivitäten als Gradmesser. In allen anderen BRICS-Ländern wie Brasilien, Indien, China und Südafrika geht es älteren Menschen besser als in Russland.

In Russland wächst die Zahl der Rentner/innen um etwa eine Million pro Jahr. Derzeit sind es  über 40 Millionen Menschen im Rentenalter.  Die Regierung ist kaum in der Lage, den älteren Menschen ein würdiges Leben zu sichern. In Russland gelten Menschen als arm, wenn ihr Einkommen unter dem Existenzminimum von 8.000 Rubel pro Kopf liegt (etwa 88 Euro).

Die landesweite Durchschnittsrente lag 2015 bei 7.476 Rubel (das waren rund 100 Euro - Anfang 2016 ist der gleiche Rubelbetrag noch 83 Euro wert - bei steigenden Nahrungsmittelpreisen). Die Rentenkassen weisen ein Minus von rund zwei Billionen Rubel auf. Erst im Sommer 2015 hatte das russische Finanzministerium vorgeschlagen, die jährliche Anpassung der Renten auszusetzen. In drei Jahren sollten auf diese Weise 40 Milliarden Euro eingespart werden. Eine finanzielle  Besserung ist für die kommenden Senioren-Generationen also nicht in Sicht.

Wachsender Pflegebedarf bei sinkenden Minimalrenten

Mit den niedrigen Renten ist auch zu erklären, dass in der Russischen Föderation die Pflege von alten, kranken und behinderten Menschen größtenteils von Angehörigen, Bekannten oder Nachbarn geleistet wird. Da die Angehörigen meistens über keinerlei Fachkenntnisse zur aktivierenden Pflege verfügen, werden alte und kranke Menschen oftmals nur sehr notdürftig versorgt. Viele wissen nicht, wie man Zweiterkrankungen vorbeugt oder diese verhindert. Ältere Menschen, die im Familienverbund leben und an Tuberkulose, Infektionskrankheiten, Krebserkrankungen, Suchtkrankheiten oder akuten psychischen Erkrankungen leiden, erhalten in den "Sozialmedizinischen Zentren" der Sozialämter keine adäquate Pflege.

Die Krankenpflegerinnen begreifen sich als Assistenz der Ärzte bei der medizinischen Behandlung. Krankenpflege gehört nicht zu ihren unmittelbaren Aufgaben. Daher werden Kranke auf stationären Einrichtungen oft ungelernten Kräften überlassen. In der häuslichen Pflege sind es zumeist Angehörige oder aber die Angestellten der staatlichen Sozialzentren, die nur in Ausnahmen eine altenpflegerische Ausbildung haben. Sie verstehen sich in der Regel als Haushaltshilfen.

So kommt es aus Unkenntnis häufig zu schwerwiegenden Fehlern, die nicht nur den Heilungsprozess verhindern oder verlangsamen, sondern auch Folgeerkrankungen hervorrufen können.

Zudem wissen die pflegenden Personen oft nicht, wie sie sich selbst die Arbeit erleichtern oder wie sie Ansteckungen und gesundheitsgefährdende Praktiken vermeiden können. Nur fachlich fundierte Pflege kann die Selbsthilfekräfte der Klienten mobilisieren. Denn es geht darum, ihre Würde und Persönlichkeit zu achten und die mit der Pflege befassten Personen zu schonen.

Technische Rehabilitationsmittel wie Gehhilfen, spezielle Matratzen gegen Wundliegen oder Rollstühle sind nur schwer zu bekommen. Obwohl es inzwischen eine breite Palette an Angeboten auf dem russischen Markt gibt, können sich die allermeisten Menschen diese Dinge nicht leisten.

Februar 2016