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Europa

Chancen für Chancenlose

Russland: Armut in Sibirien

Attraktiver als Heime - Klubs für Straßenkinder

Mädchen mit Mutter und ErzieherinJana, ein Mädchen aus dem Kinderklub mit der Erzieherin Tatjana und ihrer Mutter IrinaSusanne Staets

"Früher war mir alles egal. Heute weiß ich, dass ich meine Ziele erreichen kann." Maria war dreizehn Jahre alt, als sie von ihren Eltern angehalten wurde, durch Betteln zum Familienüberleben eizutragen. Sie geriet in schlechte Gesellschaft, schnüffelte Klebstoff und war sehr aggressiv. Seit sie regelmäßig ins Zentrum für Straßenkinder der Caritas Russland kommt, hat sich für sie vieles verändert: Heute weiß sie, dass sie nach der Schule einen Beruf erlernen will, in dem sie mit Menschen zu tun hat. Sie hilft im Zentrum mit und kümmert sich um die Neuankömmlinge. 

Die verbreitete Armut in Russland wirkt sich in Sibirien besonders drastisch auf die Situation vieler Kinder und Jugendlichen aus. Die Abgelegenheit der Städte und das extreme Klima erschweren das Leben derer, die über keine finanziellen Mitteln und keine familiäre Geborgenheit verfügen. Im bitterkalten sibirischen Winter übernachten Straßenkinder oft in Hausgängen, Kellergeschossen oder auf Baustellen.

Die Caritas Russland hat ein Konzept entwickelt, das Straßenkinder darin unterstützt, sich aktiv in die Gesellschaft zu integrieren. Durch mobile soziale Jugendarbeit werden die Straßenkinder individuell gestärkt. Bewusst wird auf den teuren Bau und kostenintensiven Unterhalt von Kinderheimen verzichtet. An mehreren Standorten in Westsibirien hat die Caritas Zentren eröffnet, in denen geschultes Fachpersonal die Kinder betreut. Derzeit erfahren in zehn Kinderzentren täglich mindestens 400 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis achtzehn Jahren ein paar Stunden fürsorglicher Geborgenheit.

Eine warme Mahlzeiten, Schulbetreuung, medizinische Hilfe und emotionale Zuwendung sind der Grund, warum die Kinder gerne kommen. Angeboten wird zdem Sprachunterricht in Russisch für die Kinder von Arbeitmigrat/innen.

Pilotcharakter hat dieses Projekt durch den sogenannten sozial-räumlichen Ansatz: Die Caritas-Mitarbeiter/innen vor Ort kümmern sich um einen intensiven Kontakt mit den Eltern und den Schulen sowie mit den Behörden. Vorrangiges Ziel ist die Wiederaufnahme der Kinder und Jugendlichen in ihre (Groß-) Familien oder ihre Begleitung in die Selbständigkeit. Um dies zu erreichen, helfen die Mitarbeiter/innen den Jugendlichen auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Normalität leben

Das "Familienzimmer" ist ein geschützter Raum in den Kinderzentren, in dem Eltern und Kinder in gewaltfreier Umgebung gemeinsam ihre Freizeit verbringen können. Wenn hier das "Familienkino" mit gesellschaftskritischen Spielfilmen läuft, finden Gespräche über eigene Ängste und Bedürfnisse statt. Mit der Feier von Familienfesten machen Eltern und Kinder die Erfahrung, dass sie ihre Freizeit auch ohne Alkoholkonsum verbringen können.

Die Caritasmitarbeiter/innen beraten die Familien individuell in sozialrechtlichen und psychologischen Fragen. Zudem informieren sie über staatliche Sozialleistungen, gesetzliche Regelungen, steuerlichen Vergünstigungen oder kostenlose juristische Beratungen. Sie geben Hinweise, wie die Familien eigenständig etwas an ihrer schwierigen sozialen Situation verändern können.

Jedes Zentrum verfolgt eigene Schwerpunkte. Dazu gehören Kochkurse und Sommerlager oder auch Trainings zur Persönlichkeitsentwicklung, Workshops zur Gewaltprävention und die Betreuung traumatisierter Kinder in Slavjanka und Tomsk.

Die Kinder und Jugendlichen werden dazu angeleitet, sich aktiv an Initiativen zum Schutz der Rechte und Interessen von Kindern aus sozial benachteiligten Familien zu beteiligen. Um die gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern, organisieren die Kinderzentren runde Tische, Tage der offenen Tür und Konferenzen. Sie gehen in Schulen und Kindergärten, um sich dort vorzustellen - um Kontakte aufzubauen und nicht unsichtbar zu bleiben. 30 ehemals betreute Jugendliche engagieren sich in den Kinderzentren als Ehrenamtliche und treten als "Mentoren" für die Kinder und Jugendlichen auf. Da diese Mentoren inzwischen einen Beruf erlernen oder studieren, motivieren  sie die Kindern und Jugendlichen vorbildhaft.

Soziale Arbeit stärken und vernetzten

Malkurse, Fotokurse, Umweltkurse und Ferienfreizeiten kosten ein wenig Geld, auch Theater und Musikkurse sowie Sportevents, die das Vertrauen der Kinder in ihre eigenen Fähigkeiten stärken, gehören zum Repertoire der sozialen Arbeit in den Kinderzentren.

Die Erfahrungen der Caritas Kinderzentren sollen weitergetragen werden, um möglichst vielen Kindern helfen zu können. Daher finanziert Caritas international auch Schulungs- und Qualifizierungskurse zu verschiedenen Fachthemen für Mitarbeiterinnen der Kinderzentren, Freiwillige und Begünstigte.

Die Caritas Russland hat eine ganze Reihe von innovativen Arbeitsmethoden im Bereich der Jugendsozialarbeit und Familienarbeit entwickelt und erprobt. Sie werden interessierten sozialen Einrichtungen und Hochschulen zugänglich gemacht und finden durch sie Anwendung. Zudem arbeitet die Caritas mit der Pädagogischen Universität in Omsk und zwei Universitäten in Novosibirsk zusammen. Deren Studenten absolvieren in den Kinderzentren regelmäßige Praktika und arbeiten als Freiwillige im Projekt.

Dezember 2015