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Europa

Flucht & Migration

Flüchtlingshilfe in der Balkanregion

Frust und Hoffnung auf der Balkanroute

Im März 2016 beschlossen die Europäische Union und die Türkei den sogenannten "Flüchtlingsdeal", gleichzeitig schlossen viele Länder des Balkans ihre Grenzen. Kilometerlange Zäune sichern die Grenzen, die Balkanroute gilt seither als geschlossen. Doch Tausende Flüchtlinge sitzen fest. Sie suchen nun nach anderen, teureren und gefährlicheren Wegen um mit Hilfe von Schleusern in den Westen zu gelangen. In Serbien sitzen ca. 7.000 Menschen fest, hauptsächlich aus Afghanistan, Pakistan oder dem Iran. Wobei täglich einige das Land verlassen und einige andere nachrücken. Doch seit Ungarn nur noch 5 Personen pro Tag ins Land lässt, und Afghanen, Pakistaner oder Iraner beinahe keinerlei Aussicht auf Asyl mehr haben, haben sich die legalen Möglichkeiten, weiter in den Westen zu ziehen, erschöpft.

"Dass ich in den Westen geflohen bin, reicht für die Todesstrafe"

Die Brüder Fawad und Fahad aus AfghanistanFawad (17) und seinen Bruder Fahad (14) wollen zu ihrem großen Bruder nach England. Legal geht es für sie jedoch kaum noch weiter - ihnen steht ein gefährlicher Weg bevor.Foto: Philipp Spalek / Caritas international

Viele Afghanen und Pakistaner mussten aus Angst vor den Taliban oder anderen Gruppierungen das Land verlassen, andere wurden von Schleppern mit falschen Versprechungen zur Flucht bewegt. Fawad ist 17 und ist mit seinem jüngeren Bruder und seiner älteren Schwester in Principovac, einem Lager unmittelbar an der serbisch-kroatischen Grenze untergekommen. "In Afghanistan brauchen die Taliban keinen Grund um dich zu töten, eine Kleinigkeit genügt. Wenn ich zurückkehre, würden sie mich töten. Dass ich in den Westen geflohen bin, reicht für die Todesstrafe". Ein Zurück gibt es für ihn und für die meisten anderen Flüchtlinge in Serbien nicht mehr, ein Vorwärts ist jedoch ebenfalls kaum noch möglich. Beinahe jede Nacht versuchen einige der 260 Lager-Bewohner in LKWs oder Reisebussen versteckt über die Grenze nach Kroatien zu gelangen, viele haben bereits mehr als 10 Versuche hinter sich. Meistens werden sie geschnappt, nicht selten misshandelt und wieder auf die andere Seite der Grenze zurückgebracht. Viele erzählen mir, dass die Grenzen ihnen wie unsichtbare Wände vorkommen und ich kann den Frust und die Verzweiflung geradezu spüren. Die Caritas kommt jeden Tag mit einigen Freiwilligen in das Camp, im Gepäck haben sie Kleinigkeiten wie Volley- oder Fußbälle, Federball, Hulahup-Reifen oder eine Darts-Scheibe. Das laute Lachen und Spielen der Kinder bringt zumindest wieder etwas Optimismus in das Leben der Bewohner.

Meine letzte Begegnung in Serbien habe ich mit Waleem, einem 18-jährigen Pakistaner. "Ich traue mich nicht mehr illegal mit Schmugglern über die Grenze. Ich habe zu große Angst davor, wieder geschlagen zu werden", sagt er und wirkt dabei so desillusioniert, dass ich nicht umhin komme mich zu sorgen, ob und wie viel dieser Mensch noch ertragen kann.

Warten auf Asyl

Für Flüchtlinge aus Syrien stellt sich die Situation anders da. Der Krieg in ihrem Heimatland lässt sich in keiner Debatte über sogenannte sichere Herkunftsstaaten wegdiskutieren - ihr Recht auf Asyl steht meistens außer Frage. Viele von ihnen warten in Griechenland auf die Entscheidung der EU, welchem europäischen Land sie zugewiesen werden sollen.

Familie AlhouraniFamilie Al-Hourani kommt ursprünglich aus Homs. Ihre Flucht war traumatisch, doch sie blicken mittlerweile optimistisch in die Zukunft. Über ein EU-Programm werden sie bald in ein westeuropäisches Land geschickt. Wo ist ihnen eigentlich egal: "Hauptsache ankommen", sagen sie.Foto: Philipp Spalek / Caritas international

So wie Familie Al-Hourani aus Homs. Die Eltern Adham und Khairia sind mit ihren 4 Kindern aus Syrien geflohen. Im März 2016 brachte die griechische Küstenwache die Familie auf die Insel Chios. Ihr Schlauchboot - beladen mit 73 Erwachsenen und Kindern - war kurz zuvor im Mittelmeer versunken. Es folgte eine über einjährige Odyssee durch Lager auf Chios und in Ioannina, bevor die junge Familie nach Athen kam. Dort bewohnen sie zurzeit ein kleines zwei-Zimmer-Apartment und warten auf ihre neue Heimat. Denn die Al-Houranis sind in einem sogenannten EU-Relocation-Programm, werden also in naher Zukunft nach Westeuropa weiterziehen. Legal. Und genau da liegt der Unterschied zu vielen nicht-syrischen Flüchtlingen: Adham und Khairia Alhourani sehen eine Zukunft für sich und ihre Kinder, ganz egal wo: "Wir wollen einfach nur ankommen. Irgendwo in Europa, wo es ruhig und friedlich ist. Wir wollen nicht mehr länger auf der Flucht sein", sagt Khairia.

Auch Vasiliki Plarinou, Psychologin bei der Caritas Hellas in Athen, weiß um die Bedeutung einer Perspektive für die Menschen: "Viele Flüchtlinge und Migranten fühlen sich wie inmitten eines großen Ozeans, sie sehen keinerlei Zukunft, fühlen sich am Ende ihres Lebens angekommen", erzählt sie mir. Vasiliki Plarinou hilft ihnen dabei, wieder an eine Zukunft glauben zu können. Neben dem Büro von Vasiliki Plarinou befindet sich der Kinderhort der Caritas, viele Flüchtlinge bringen hier jeden Morgen ihre Kinder hin, sodass diese spielen können, während die Eltern einen Sprachkurs der Caritas wahrnehmen oder sich um das tägliche Leben kümmern. Auch Adham Al-Hourani bringt seine Kinder hier morgens vorbei: "Es ist gut dass die Kinder hier hin können und sie ein geregeltes Leben haben."

Über 60.000 Flüchtlinge befinden sich gegenwärtig in Griechenland, bleiben wollen die meisten jedoch nicht. "Die Griechen haben doch selber Probleme, hier kann ich keine Zukunft für mich und meine Kinder sehen", sagen viele. Die griechische Bürokratie ist langsam, sehr langsam und die Menschen harren unter teils schlimmen Bedingungen der Dinge. Doch zumindest die syrischen Flüchtlinge haben eine Perspektive. Eine Zukunft, die Flüchtlinge ohne syrischen Pass, beispielsweise Afghanen oder Pakistaner, nicht mehr sehen.

 

Kim Nicolai Kerkhof im Mai 2017