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Europa

Flucht & Migration

Flüchtlingshilfe in der Balkanregion

Flüchtlingshilfe in Slowenien

Mit dem Nachtzug ankommende Flüchtlinge in Dobova. Mit dem Nachtzug ankommende Flüchtlinge in DobovaCaritas international / Stefan Teplan

Dobova, ein 720-Seelen-Ort an der slowenisch-kroatischen Grenze. Noch vor wenigen Monaten war Dobova ein beschauliches Dorf, dessen einziger Anziehungspunkt aus der Therme "Paradiso" mit einem Wellness-Hotel bestand. Wenn es hochkommt, sind im Sommer vier- bis fünftausend Besucher da. Jetzt treffen, selbst im Winter, jeden Tag so viele ein. Allerdings kommen sie nicht zur Therme und nicht ins Hotel. Die neuen Gäste bleiben in der Regel nicht länger als vier bis fünf Stunden. Entweder wärmen sie sich im Camp auf, das die Gemeinde am Ortsende aufgebaut hat. Oder sie harren gleich am Bahnhof aus, wo sie auf den nächsten Zug warten - den Zug, der sie, via Österreich, zu ihrem Wunschziel führt, das fast alle von ihnen für das wahre "Paradiso" halten: Deutschland. Es sind Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak- Menschen aus anderen Nationen werden seit November von der Polizei, die hier im Ort omnipräsent ist, zurückgewiesen. Für sie ist Dobova und das ganze Land Slowenien nur eine Durchgangsstation auf dem Weg nach Deutschland.

Ein Lächeln, Mütze und Strümpfe

Auch auf einer Durchgangsstation mit einer Wartezeit von nur wenigen Stunden brauchen sie zu essen, zu trinken, benötigen evtuell wärmere Kleidung, manche auch medizinische Hilfe. Mit all dem versorgt sie die Caritas. In Slowenien, wie auch in allen anderen Ländern auf der Fluchtroute durch den Balkan. Rund um die Uhr - verteilt über drei Acht-Stunden-Schichten - stehen deren Helfer(innen), sich turnusmäßig abwechselnd mit humanitären Arbeitern der adventistischen Nichtregierungs-Organisation "Adra", am Bahnhof und im Camp und haben für die ankommenden mehr bereit, als nur das, was sie für ihren Leib und zum Überleben brauchen: ein Lächeln, ein aufmunterndes Wort, ein Ohr zum Zuhören. Sie bieten Unterstützung überall an, wo und wie sie gebraucht wird. Da kommt eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm, dessen nackte Füße in Sandalen stecken. "Mein Gott, Sie brauchen Socken für Ihr Kind?", kommt eine der Caritas-Helferinnen auf sie zu. "Warten Sie einen Moment, ich hole Ihnen aus dem Kleiderlager Strümpfe - und gleich noch eine Mütze für Ihr Kleines dazu." Da kann sich eine alte, vielleicht 70-jährige Frau, kaum auf den Beinen halten, als sie erschöpft aus dem Zug steigt. Ein Helfer stützt sie und führt sie zur Registrierungsstelle im Bahnhofsgebäude. Dorthin, wo, polizeilichen Anordnungen zufolge, alle Flüchtlinge sich zuerst melden müssen, bevor sie mit Essen versorgt werden können.

Freiwillig im Einsatz - Tag und Nacht

"Ohne diese vielen freiwilligen Helfer könnten wir unsere Arbeit niemals leisten", erklärt Jana Lampe von der Caritas Slowenien. "Die Hilfsbereitschaft der Menschen hier ist enorm. "Mehr als Eintausend haben sich gemeldet und sind bereit, Teile ihrer Freizeit - auch nachts - zu opfern, um den Flüchtlingen beizustehen. Verteilt auf die 13 Flüchtlings-Camps im Land, setzen sich durchschnittlich 190 Freiwillige pro Tag aktiv ein."

Das große Aufgebot von Polizei und Soldaten der nationalen Armee an Bahnhöfen und in Camps erschreckt zunächst. Aber es macht Sinn. "Erst seit die Ordnungshüter hier sind, verläuft alles geregelt", erklärt Darko Bracun, Leiter der Caritas Maribor und Leiter eines anderen Camps, dem Flüchtlings-Camps Sentilj an der Grenze zu Österreich. "Anfangs", so Bracun, "war es ein Chaos. Damals, Ende September, hat offenbar niemand ernstlich geglaubt, dass Ungarn seine Grenze wirklich dichtmachen würde. Plötzlich kamen täglich Tausende und es gab ein heftiges Geschubse und Gedränge, wenn wir Essen oder Kleidung verteilten. Jetzt lässt die Polizei alles nur in abgezählten überschaubaren Gruppen durch. So kommt es zu keinem Ansturm oder Gedränge und es bleibt niemand unberücksichtigt."

Freiwillige Helferinnen in Dobova mit HilfsgüternZwei von Eintausend: Freiwillige Helferinnen in DobovaGernot Krauss / Caritas international

"Dies ist das erste Mal, dass ich die Polizei nicht fürchten muss, sondern als Helfer erlebe", erzählt Ahmed Tahmin (Flüchtlingsnamen sind aus Personenschutzgründen geändert; ihre wahren Namen sind Caritas international bekannt) aus Syrien. Ihn hat, weil er nachts bei seiner Ankunft am Bahnhof von Dobova furchtbar zitterte, ein Polizist zum Kleiderlager geführt, wo ihn eine Caritas-Mitarbeiterin gleich mit einer gut gefütterten Winterjacke mit Kapuze und mit Handschuhen ausstattete. Auf Nachfragen erzählt er in knappen Sätzen seine Geschichte. Er hat als Elektriker in der syrischen Stadt Aleppo gearbeitet, aber seit einiger Zeit wegen des Krieges keine Arbeit mehr gefunden. Er und seine Familie, die er aus finanziellen Gründen zunächst in Syrien zurücklassen muss, wagten sich nicht mehr aus dem Haus. Sie haben an jeder Ecke der Stadt Angst haben müssten, erschossen zu werden. Den größten Teil seines Geldes musste Ahmed Tahmin in die Flucht investieren. "Allein für die Bootsüberfahrt von der Türkei nach Griechenland knöpften mir Schlepper 1.600 Euro ab." Dass es Hilfe - wie die der Caritas - auch umsonst und ohne Gegenleistung gibt, hat ihn "völlig überrascht."

"Ich habe", berichtet er weiter, "von der Caritas auf meiner Flucht schon in Serbien und Kroatien zu essen und zu trinken bekommen. Ich kann dafür nur sagen: Danke. Danke." Dann aber dreht er das Interview um und von nun an stellt er die Fragen. "Kann ich in Deutschland gleich meine Familie nachkommen lassen?", will er wissen. "Kriege ich dort sofort Arbeit? Darf ich da überall wohnen, wo ich will? Und welche deutsche Stadt ist die beste?" Die Kollegen erklären ihm, dass es auch in Deutschland in jeder Stadt eine Caritas gibt, die in solchen Fragen und allen behördlichen Angelegenheiten gerne Auskunft erteilt. "Das ist gut", freut sich Ahmed Tahmin und will - obwohl ihm schon angeboten wurde, in einem beheizten Zelt im Camp erst einmal auszuschlafen - nur noch eines wissen: "Ich will so schnell wie möglich an mein Ziel. Wann geht der nächste Zug?"

Dezember 2015, Stefan Teplan