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Europa

Flucht und Migration

Türkei: Rechtsberatung und Nothilfe für Flüchtlinge

Selbstorganisierte Schulen schaffen Abhilfe

PortraitAlbert de HaanCaritas international

Warum sind so viele syrische Flüchtlinge in den Metropolen, weit weg von der syrischen Grenze?

Viele syrische Flüchtlinge haben die Lager im Süden verlassen und sich selbst auf den Weg gemacht. In Istanbul teilen sich oftmals drei oder vier Familien eine kleine Wohnung am Rande der Stadt für 60 oder 80 Euro Miete monatlich. Die Lebensverhältnisse dort sind sehr beengend. Insgesamt ist die Situation der Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei sehr schlecht, sodass einige sich inzwischen gegen Geld zurück in ihr Herkunftsland schmuggeln lassen. Andere wollen weiter nach Europa, und von Izmir aus ist der Weg bis auf die griechischen Inseln Lesbos oder Kos ein irgendwie kalkulierbares Risiko. Viele haben ihren Besitz in Syrien verkauft und hoffen nun, in einem Schlauchboot auf die Inseln gelangen zu können. Dafür zahlen sie 1.500 Euro.

Doch es gibt auch viele Gründe, nach Istanbul zu gehen. Hier leben bereits viele syrische Flüchtlinge, die Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung wirken als Anziehungspunkt.

Wie sehen die Flüchtlinge die Registrierung? Welche Vorteile und welche Nachteile versprechen sie sich davon?

Türkei: FlüchtlingsfamilieDie Mutter dieser syrischen Flüchtlingskinder ist froh, dass ihre älteste Tochter wieder eine Schule besuchen kann.Foto: Caritas international

Wer sich registrieren lässt, hat hier immerhin Anspruch auf eine medizinische Basisversorgung, wenngleich die Medikamente dann aus eigener Tasche gezahlt werden müssen. Zudem haben die Kinder, sofern sie registriert sind, offiziell auch Anspruch auf einen Schulbesuch. Doch viele Schulen lehnen die syrischen Flüchtlingskinder mit dem Hinweis ab, sie seien überfüllt. Theorie und Praxis klaffen hier also auseinander. Selbst in Istanbul ist es extrem schwer, als syrischer Flüchtling einen Schulplatz zu bekommen. Das ist auch ein Grund, warum die Leute weiterziehen und in die EU gehen wollen -  in der Hoffnung, dort ihre Kinder zur Schule schicken zu können.

Das ist ein Grund, warum es kaum mehr gute Gründe gibt, sich in der Türkei als Flüchtling registrieren zu lassen. Der andere: Diejenigen, die Richtung EU wollen, haben Angst, in die Türkei zurückgeschoben zu werden, wenn sie sich einmal dort haben registrieren lassen.

Sie waren letzte Woche in Istanbul und Izmir, um gemeinsam mit den Mitarbeitern der Caritas Türkei herauszufinden, was die syrischen Flüchtlinge nun am dringendsten brauchen und welche Hilfe nun Priorität hat. Was ist ihre Einschätzung?

In den fünf Räumen des "Refugee and Migrant Centre" der Caritas Türkei, die in einem alten Haus der Bischofskonferenz in Istanbul arbeitet, herrscht eine sehr arbeitsame lebhafte Atmosphäre. Es gibt unendlich viel zu tun, die Schlangen der geduldig Wartenden sind lang: Kurdische Syrer, aber auch muslimische Flüchtlinge, christliche Iraki, Jesiden, Menschen aller Religionen sitzen hier in einer Reihe. Die Mitarbeitenden des Zentrums haben richtig entschieden, sich derzeit auf  psychosoziale Betreuung und eine rechtliche Beratung zu konzentrieren. Denn die psychische Belastung durch die Erlebnisse im Krieg und auch die Gewalterfahrungen auf der Flucht belasten die Menschen enorm und schwächen sie in vielerlei Hinsicht, gesundheitlich wie seelisch. Sie brauchen spezifische Unterstützung, um wieder handlungsfähig zu werden und in ihrer ohnehin schwierigen Lage einen Weg zu finden.

Was ist die größte Herausforderung für die Mitarbeitenden?

Herauszufinden, wer von den vielen Menschen auf der Flucht am bedürftigsten ist. Es gibt viele alleinstehende Frauen, kleine Kinder und  Menschen mit chronischen Krankheiten. Die Schwächsten brauchen zuerst Hilfe. Gleichzeitig geht es um eine Perspektive: Die Mehrzahl der Flüchtlinge rechnet nicht damit, wieder nach Syrien zurückkehren zu können. Jedenfalls nicht in den kommenden fünf Jahren. Die Kinder, die mit den Jugendlichen zusammen ungefähr die Hälfte der Flüchtlinge ausmachen, wollen und brauchen eine Schulausbildung, einen Abschluss. Das ist das einzige, was ihnen ein bisschen Hoffnung auf Zukunft gibt, und natürlich ist der Ausschluss aus dem Bildungssystem eine Kriegsfolge und ein Erbe, das noch Generationen von Flüchtlingen zu tragen haben.

Ein Ziel der Hilfe ist ja immer auch, die Selbstorganisation von Geflüchteten zu stärken. Wie sieht das die Caritas Türkei?

Personen sitzen diskutierend an einem TischDiese syrischen Lehrer/innen sind selbt Geflüchtete. Sie haben auf Eigeninitiative den Unterricht für die syrischen Flüchtlingskinder organisiert.Albert de Haan

In Istanbul gibt es inzwischen vier syrische Schulen. Teils in Baraken, teils in türkischen Schulgebäuden, in denen der Unterricht für die syrischen Kinder anfängt, wenn die türkischen Kinder nach Hause gehen, so gegen 4 Uhr Nachmittags. Natürlich sind unter den Flüchtlingen auch Lehrkräfte, und die kurdisch-syrischen Flüchtlingsverbände in der Türkei sind hier unterstützend tätig. Ich habe diese selbstorganisierten "Schulen" besucht. Sie brauchen dringend Unterstützung. In den Klassen sind etwa gleich viele Mädchen wie Jungen, erst ab der 10. oder 11. Klasse nehmen die Mädchen überhand, weil die Jungen irgendeinen Job annehmen, um ein bisschen Geld für die Familie zu verdienen. Der Ausstieg aus der Schule kurz vor dem Abschluss kann sie in ihrem Leben dennoch teuer zu stehen kommen. Wir überlegen gemeinsam mit der Caritas Türkei, wie wir hier eine größere Regelmäßigkeit hinbekommen und vor allem, wie wir mehr Kindern einen Schulbesuch ermöglichen können, auch denen, die nicht registriert sind.

Für viele Familien ist der Mangel an Schulen für ihre Kinder schließlich der Grund zur Weiterreise. Ein Abkommen zwischen der Türkei und Rumänien und Bulgarien macht den dortigen Grenzübergang quasi unpassierbar. Doch auch hier gibt es "Fluchthelfer", und sie werden nicht weniger.

Selbst syrische Lehrer verschwinden von heute auf morgen, ohne dass irgendwer aus der Familie vorher informiert wurde. Dann fängt das Warten an. Wenn zwei Tage später oder nach einer Woche eine SMS ankommt "Bin in Kos", tritt Erleichterung ein. Doch für die Schulen ist das schwierig. Sie können derzeit den Lehrern rund 800 türkische Lira (250 Euro) monatlich zahlen, kein Gehalt, sondern eine Anerkennung. Das reicht nicht, um eine Familie durchzubringen.

Konnten Sie mit den Schülerinnen und Schülern über ihre Ziele sprechen?

Sprechen ja. Sie sind sehr motiviert. Fotografieren konnte ich nur die Jüngeren oder leere Klassenräume. Die älteren haben Angst, dass Fotos von ihnen ins Netz gelangen und dass sie von der IS oder sonst wem in Syrien über Facebook erkannt und ihr Aufenthaltsort identifiziert werden kann. Selbst die, die in der Türkei vorerst bleiben, fühlen sich nicht sicher. Es ist ein Leben im Transit in jeglicher Hinsicht. Auch Schüler sind über Nacht aufgebrochen.

Oktober 2015