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Ukraine: Sozialstation

Hilfe für Infizierte

Miroslaw StanishevskijMiroslaw Stanishevskij

Caritas international: Warum nehmen so viele Menschen in der Ukraine Drogen?

Miroslaw Stanishevskij: Nach dem Zerfall der UdSSR brach das Land sozial auseinander. Die Arbeitslosigkeit im Land war immens und Menschen, die Arbeit hatten, konnten ihre Grundbedürfnisse trotzdem nicht mehr decken. Armut und Perspektivlosigkeit nahmen zu. Nicht nur Politik und Wirtschaft waren am Boden, auch die Werte und die Moral der Menschen, die Ideologie, an die sie glaubten, wurde in Frage gestellt. Besonders jungen Menschen fehlte es an Orientierung. Als Folge dieser Umbrüche stieg der Drogenkonsum in den 90er Jahren bis heute an. Es gibt Schätzungen denen zufolge mehr als 90 Prozent der neu entstandenen Unterschicht Drogen und Alkohol konsumieren.

Welche Drogen sind besonders verbreitet in der Ukraine?

Die Ukraine ist Transitland für den Opiumtransport vom mittleren Osten nach Europa. Viele der Drogen, insbesondere Opiate und Cannabis, werden in der Ukraine selbst hergestellt und sind deshalb leicht erschwinglich. Die Herstellung und der Konsum von einfachen Opiaten wie "Schirka" und "Kompott" war bereits in der Sowjetunion üblich. Nicht sehr verbreitet ist Heroin, es gilt als Droge für die Reichen. In den letzten Jahren kamen aber vermehrt Pillen dazu: Antidepressiva, Relaxantien und Halluzinogene werden an Orten verkauft und konsumiert, an denen sich viele junge Menschen aufhalten. Alkoholismus ist in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion noch weit verbreitet.

Warum stieg die Häufigkeit von HIV/AIDS in der Ukraine in den letzten Jahren so rapide an?

Anfang der 90er Jahre waren nur Randgruppen wie Homosexuelle und Prostituierte davon betroffen. Durch den massenhaften Drogenkonsum mit gebrauchten Spritzen weitete sich die HIV-Epidemie dann jedoch sehr schnell aus. In Osteuropa ist es üblich aus Geselligkeit die Spritzen in der Runde wandern zu lassen. Schon die Zubereitung von Opiaten kann zu Infektionen führen. In den 90er Jahren wurde menschliches Blut manchen Opiatmischungen beigegeben, weil es unerwünschte Stoffe absorbiert. Heute macht das niemand mehr. Heute infizieren sich fast so viele Menschen beim Sex, wie durch Drogen. D.h. die Epidemie hat die Allgemeinbevölkerung erreicht.  

Was tut die Caritas Spes Ukraine für drogenabhängige Menschen? 

Die meisten Drogenabhängigen vermeiden Hilfsstellen, bis es nicht mehr geht. Die Angehörigen sind deshalb meist die Ersten, die Hilfe suchen. Caritas bietet Selbsthilfegruppen für Co-Abhängige an, die einmal monatlich auch therapeutisch begleitet werden. Wenn später die eigentlichen Patienten auftauchen, muss man zunächst in einem Gespräch prüfen, ob sie überhaupt motiviert sind, von den Drogen weg zu kommen. Wenn der Patient einsieht, dass er Hilfe braucht, wird er ambulant oder stationär von uns während einem einjährigen Rehabilitationsprogramm betreut.Danach arbeiten und wohnen die Betroffenen in katholischen Pfarreien. Ziel ist die Wiedereingliederung der Patienten in die Gesellschaft. Leider ist dieser glatte Ablauf eher die Ausnahme. Real sieht es so aus, dass die meisten mit der Therapie beginnen, irgendwann abbrechen und erst wiederkommen, wenn sie verstehen, dass sie sonst bald sterben werden. Manche ziehen es dann durch, andere sterben. 

Sie waren drei Wochen in Deutschland unterwegs. Ziel war ein Erfahrungsaustausch zwischen Fachleuten. Worin unterscheidet sich die Situation von deutschen und ukrainischen Zentren für Drogenabhängigkeit?  

Ein wesentlicher Unterschied, den wir bei den Abhängigen feststellten, ist rein äußerlich: die Drogenabhängigen hier sehen besser aus als in der Ukraine. Die Abhängigkeit geht in Deutschland oft nicht so weit, weil die Hilfe früh genug ansetzt. In der Ukraine gibt es einfach nicht so viel Hilfe, d.h. die Leute kommen erst, wenn es schon zu spät ist. Die deutschen Fachkräfte waren geschockt, als sie Bilder von Abhängigen aus der Ukraine sahen. Danach haben sie auch verstanden, dass Programme aus Deutschland nicht eins zu eins in die Ukraine übertragbar sind. Ein weiterer Unterschied zeigt sich in Drogenersatzprojekten: Medikamente, die für die gängigen Drogenersatzprojekte in der Ukraine verwendet werden, haben häufig starke Nebenwirkungen und die notwendige soziale Betreuung der Klienten kann nicht erfüllt werden. In Deutschland zeigt sich, dass diese Drogenersatzprogramme durch die zusätzliche soziale Betreuung zu viel besseren Ergebnissen führen. 

Was wünschen Sie sich für das Projekt der Caritas Spes in der Zukunft?

Wir wünschen uns mehr Fachkräfte, damit in Zukunft professionelle Arbeit geleistet werden kann. Leider ist die Situation in der Ukraine anders: immer weniger Profis arbeiten im Drogenbereich, weil die Leute nicht bereit sind für so niedrige Gehälter zu arbeiten. Vorurteile und Angst vor Drogen und HIV sind auch unter Gesundheitspersonal weitverbreitet.  

Dezember 2009