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Lateinamerika

Teilhabe bei Behinderung

El Salvador: Teilhabe von Menschen mit Behinderung

Türen auf für Menschen mit Behinderung

2 PortraitsFelix Moralejo, Sonderpädagoge von „Los Angelitos“, mit German. Augusto Sanchez für Caritas international

Dass Felix Moralejo in der Provinz von El Salvador gestrandet ist, so erzählt es der 38-jährige Spanier, das habe mit Liebe zu tun. "Ich habe mich vor zehn Jahren in meine Arbeit verliebt." Und dass er heute noch immer in dem mittelamerikanischen Zwergstaat lebt, das habe auch mit Liebe zu tun: "Erst habe ich mich in meine Arbeit verliebt, dann in meine Frau", sagt Moralejo mit dem für ihn typischen durchdringenden Lachen.

Klingt nach einer kitschigen Geschichte, dabei sind die Umstände unter denen Moralejo lebt so ganz und gar nicht nach Herzschmerz und Gefühlsschmalz. El Salvador, nicht größer als Hessen, litt von 1980 bis 1992 unter einem erbittert geführten Bürgerkrieg, dem 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Viele Kriegsversehrte zahlen noch heute einen hohen Preis für die Kämpfe. Die Provinzstadt Chalatenango, in der Moralejo heute lebt, war einer der am stärksten umkämpften Orte des Landes. Zehntausende Menschen mussten fliehen, tausende starben.

Als Moralejo vor zehn Jahren auf einer Urlaubsreise zufällig in der 30.000-Einwohner-Stadt im Norden El Salvadors landete, hatte er gerade in Madrid sein Studium der Sonderpädagogik abgeschlossen. Er lernte die Elternorganisation "Los Angelitos" (Die Engelchen) kennen, die sich landesweit in El Salvador mit Unterstützung von Caritas international für Kinder mit Behinderungen einsetzt. Moralejo überzeugte unter anderem die zentrale Rolle der Eltern beim Engagement der Vereinigung: "Wir als Fachleute können Entwicklungen auf den Weg bringen und anstoßen, aber 70 Prozent der Arbeit müssen die Eltern leisten", ist Moralejo überzeugt. Als er damals fragte, ob es möglich sei mitzuarbeiten, war die Antwort der "Engelchen" verlockend und ernüchternd zugleich: "Arbeit gibt es jede Menge, Geld gibt es keines", hieß es bei "Los Angelitos".

Wie das in kitschigen Geschichten aber nun mal so ist, überwand die Liebe alle Hindernisse. Unter anderem ermöglichte ihm ein spanisches Stipendium, in El Salvador zu bleiben und zu arbeiten. Heute ist Felix Moralejo eine wesentliche Stütze der Organisation. Er berät Lehrkräfte darin, wie sie die Kinder mit Behinderungen in ihren Klassen zielgenau unterstützen können. Er organisiert aber auch, zum Beispiel Unternehmerfrühstücke, mit denen er Betriebe dafür gewinnen will, Menschen mit Behinderungen einzustellen.

Rechtlichen Rückhalt

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung öffnet ihm bei solchen Gesprächen mit Unternehmern und Bürgermeistern die Türen, hat er festgestellt. "Die Eltern und wir sind hier am Ort erster Ansprechpartner, wenn es um die Belange der Menschen mit Behinderungen geht." Aber Papier ist geduldig. Um die gesellschaftliche Wirklichkeit tatsächlich zu verändern, braucht es nicht nur Gesetze, sondern auch Beharrlichkeit und stetigen Druck der gesellschaftlichen Basis.

Wie das funktionieren kann, dafür ist der geistig behinderte Manuel Dubón ein gutes Beispiel. Felix Moralejo trifft ihn morgens im Café einer in El Salvador bekannten Bäckerei-Kette. Seit einer Woche arbeitet Manuel in dem Geschäft und sorgt für die Sauberkeit in der Filiale von Chalatenango. Das Gesetz schreibt für größere Betriebe eine Pflichtquote vor: Vier Prozent der angestellten Mitarbeitenden müssen Schwerbehinderte sein. Tatsächlich nutzen aber fast alle Betriebe die Möglichkeit, sich mit 57 US-Dollar jährlich von dieser Verpflichtung freizukaufen. Damit Manuel heute aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt verdienen kann, dafür brauchte es deshalb zweierlei: Die entsprechende Gesetzgebung, wofür die Eltern von "Los Angelitos" jahrelang mit Demonstrationen und Lobbying gekämpft haben und weiter kämpfen. Aber auch die Präsenz, Beharrlichkeit und die guten Kontakte von Moralejo und "Los Angelitos" vor Ort, um die Inhaberin der Bäckerei zu überzeugen, dass Manuel der Aufgabe gewachsen ist.

Solche Tage wie mit Manuel in der Bäckerei zeigen Felix Moralejo deshalb, warum er genau hier, im Niemandsland von El Salvador, noch immer genau richtig ist: "Manuels positives Beispiel wird vielen anderen Menschen mit Behinderung in Chalatenango die Türen öffnen. Ich bin total glücklich."

Achim Reinke, September 2015