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Lateinamerika

Krisen und Konflikte

Kolumbien: Für einen dauerhaften Frieden

Vertragsunterzeichnung auf einer BühneUnterzeichnung des FriedensabkommensGobierno de Chile

Nach über 50 Jahren Bürgerkrieg, scheint mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages durch die Regierung und die FARC im November 2016 endlich Frieden in Kolumbien einzukehren.

Allerdings ist die Umsetzung des Abkommens problematisch. Die Verunsicherung der Bevölkerung, mangelnde Vorbereitungen durch die Regierung wie auch die Krise im benachbarten Venezuela verzögern den Prozess.

Trotz dieser Schwierigkeiten konnte die geplante Demobilisierung der FARC abgeschlossen werden, und bis Juni 2017 wurden alle registrierten Waffen an die Vereinten Nationen übergeben. Eine große Herausforderung für das Land wird die Wiedereingliederung der früheren FARC-Kämpfer sein.

Weiterhin Gewalt

Die Bemühungen der Regierung und der Guerillaorganisation sind allerdings nur ein erster Schritt zu dauerhaftem Frieden, denn der Konflikt mit anderen Akteuren dauert in einigen Landesteilen weiter an. Bewaffnete Banden nutzen das Machtvakuum, das die FARC hinterlassen hat. Dahinter stehen territoriale und wirtschaftliche Interessen, wie zum Beispiel die Kokafelder, die die Regierung nach und nach vernichten will. Polizei und andere Behörden sind vielerorts nicht präsent oder sie sind gar Teil der ausübenden Gewalt.

Anfang Oktober 2017 wurden in der Region um die Stadt Tumaco sechs Bauern von der Polizei erschossen. Eine daraufhin eingesetzte Aufklärungsmission mit Vertretern von Caritas, Bischofskonferenz, UN und anderen Hilfsorganisationen ist ebenfalls von der Polizei beschossen worden. Mitte Oktober 2017 wurde ein ehrenamtlicher Caritas-Mitarbeiter im Südwesten des Landes erschossen. Der Mann hatte in der Vergangenheit mehrfach über die Gewalt öffentlich berichtet und Übergriffe angezeigt (siehe Pressemitteilung).

"Es bewahrheitet sich, dass der Friedensvertrag nur der Auftakt für einen Friedensprozess war, der noch lange Zeit eines großen Engagements von allen Beteiligten bedarf", zieht Claudio Moser, Referatsleiter Lateinamerika bei Caritas international, ein Jahr nach Unterzeichnung des Friedensvertrages Bilanz (siehe Pressemitteilung)

Dauerhafter Frieden nur mithilfe der Bevölkerung möglich

Dass der Frieden kommt und dauerhaft bleibt, hängt maßgeblich vom Engagement der Bevölkerung ab. Sie wird sich aber nur engagieren, wenn sie Sicherheit spürt, die Regierung hinter sich weiß und sichtbare Fortschritte im Friedensabkommen sieht. Insbesondere in den Regionen, die jahrzehntelang von der Regierung vernachlässigt wurden und stark unter dem bewaffneten Konflikt litten.

"Katholische Kirche und Caritas unterstützen den Friedensprozess mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Wir erwarten aber auch, dass der Friedensprozess staatlicherseits adäquat begleitet wird und gewalttätige Übergriffe auf die Zivilbevölkerung durch rivalisierende bewaffnete Gruppen unterbunden werden", so Moser.

Historie: Eine Vergangenheit der Gewalt

Dorfbewohner auf der Flucht vor der Gewalt.Dorfbewohner auf der Flucht vor der Gewalt im Departamento de Nariño, Colombia.Paul Smith/SNPS

In den Gewaltausbrüchen der vergangenen Jahrzehnte zwischen kolumbianischem Militär, der FARC, paramilitärischen Verbänden, Drogenhändlern und Schmugglerbanden verloren Hunderttausende Menschen ihr Lebe. Nahezu sieben Millionen Menschen wurden vertrieben, was rund 14 Prozent der Bevölkerung entspricht.

Die Menschen flüchteten entweder vor dem Konflikt oder sie wurden gezielt von ihrem Land vertrieben. So sind die Provinzen Norte de Santander und Arauca im Nordosten Kolumbiens für etliche Akteure durch ihr Ölvorkommen interessant, Drogenkartelle beanspruchen es für den Koka-Anbau. Auf diese Weise sind seit dem Jahr 2000 mehr als 5,5 Millionen Hektar Land illegal und mit Waffengewalt "umverteilt" worden. Die Vertriebenen siedelten sich meist in den Slums der Vorstädte an, was zu Konflikten unter den Vertriebenen und den ansässigen Bewohnern führte.

Kein Schutz für die Bevölkerung

Der Schutz der Bevölkerung konnte in den betroffenen Regionen nicht gewährleistet werden. Wer sich für sie einsetzte, geriet selbst in Gefahr. So verzeichnete das Büro der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte in Kolumbien zwischen Januar und September 2015 vierzig Tötungen von Menschenrechtsverteidigern, und nach Angaben der NGO Escuela Nacional Sindical wurden bis zum 11. Dezember 2014 insgesamt 20 Gewerkschaftsmitglieder ermordet. Auch Mitarbeitende und Partner von Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas international wurden immer wieder bedroht und verfolgt.

Verbreitete Straflosigkeit

Beunruhigend ist zudem die noch immer herrschende Praxis der Straflosigkeit, die der Bericht zur Lage der Menschenrechte 2014 des UN-Büros in Kolumbien als schwerwiegendes Problem im Land benennt. Das Töten von Zivilisten bleibt nahezu ungestraft und Bürger, welche die Rückgabe ihres Landstücks forderten, sind ungeschützt. Gewalt an Frauen ist verbreitet, mehr als die Hälfte der Opfer des Konflikts sind weiblich, sie wurden ermordet, verschleppt oder misshandelt. Nach Angaben des Verfassungsgerichtshofes in Kolumbien bleiben 95 Prozent der Fälle sexueller Gewalt an Frauen straflos.

November 2017

 

(Bild Friedensabkommen, Gobierno de Chile, keine Änderung, Lizenz: CC BY 2.0)