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Lateinamerika

Chancen für Chancenlose

Kolumbien: Neuanfang in der alten Heimat

Rückkehr zu den Wurzeln

Wiwa-Gemeinde in der Sierra NevadaNicht nur für die Gemeinde der Wiwa ist eine intakte Natur überlebenswichtig.Foto: Bettina Taraki

Die Sierra Nevada ist vielfältig und artenreich. Die Lebensumstände dort werden jedoch immer schwieriger, denn der Klimawandel verstärkt die Trockenperioden und Auswirkungen vom Wetterphänomen El-Niño. Geringere Ernten, Wasserknappheit und damit Mangelernährung sind die Folgen. Auch der fünfzig Jahre dauernde Bürgerkrieg und der illegale Drogenanbau haben tiefe Spuren in der Bevölkerung und der Landschaft hinterlassen. Indigene Völker, wie das Volk der Wiwa, wurden von ihrem Land vertrieben. Jetzt kehren immer mehr Menschen zurück in ihre alte Heimat.

Die Rückkehr ist ein Neuanfang in jeder Hinsicht: Nicht nur, dass sich die Wiwa neu zusammenfinden müssen. Nach ihrer Vertreibung haben sie mehrere Jahre verstreut in verschiedenen städtischen Randgebieten gewohnt, nun hat jede Familie ihre eigenen Bedürfnisse. Das gemeinsame Aushandeln von Plänen und die Entscheidungsfindung sind in den Gemeinden noch nicht fest verankert. Die Felder sind weitgehend zerstört und die Landwirtschaft muss wiederaufgenommen werden. Veränderte klimatischen Bedingungen machen das nicht leichter: Wasserversorgung und Saatgut sind Mangelware und zugleich für einen ertragreichen Anbau unverzichtbar. Die Pastorale Social, die gemeinsam mit Caritas international die Gemeinde der Wiwa in ihrem Neuanfang unterstützt, setzt auf Respekt und Vertrauen. Dabei konzentrieren sich alle Aktivitäten darauf, die Ernährung zu sichern und mit den Herausforderungen des Klimawandels und seinen Folgen fertig zu werden.

Video: Bettina Taraki hat die Wiwa in der Gemeinde El Limón in Kolumbien besucht

Ökologische Aspekte und soziale Prozesse gehen hier Hand in Hand. Zum ökologischen Bereich zählen ein standortgerechter Anbau von gesunden Nahrungsmitteln und der Schutz des Bodens und der Wasserreserven. Soziale Faktoren, wie das Miteinander, die Festlegung von Regeln und die Übernahme von Verantwortung fördern nicht nur kurzfristige Ziele in Form gesteigerter Ernten, sondern auch die langfristige und nachhaltige Bewirtschaftung des Bodens. Selbstorganisation, Widerstandfähigkeit und Strategien der Anpassung an die neue (Klima-)Situation sind die übergeordneten Ziele. Ebenso sind rechtliche Fragen zu klären, denn Rechtssicherheit und Entschädigungszahlungen, die den Wiwa zustehen und die der Staat verpflichtet ist zu zahlen, sind für den Neuanfang und eine Zukunftsperspektive wichtig.

Mensch und Natur zusammendenken

Junge steht auf einer neuen WasserzisterneWasserzisternen helfen, die Trockenperioden zu überbrücken.Bettina Taraki

Die konkrete Arbeit verknüpft Naturschutz, Ernährung und Resilienz: Zunächst werden Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt, um besonders gefährdete Familien mit Kindern zu unterstützen, die von Mangel- und Fehlernährung betroffen sind. Zugleich werden Gemüsegärten angelegt, in denen schnell verfügbare und vitaminreiche Nahrung angebaut wird. Hand in Hand mit dem Gemüseanbau geht die Kleintierzucht (Hühner, Schweine, Fische) und die Errichtung von Saatgutbanken.

Neben der Selbstversorgung liegt ein weiterer Fokus darauf, in Notsituationen auch Nahrungsmittel zukaufen zu können. Daher werden einkommensschaffende Aktivitäten unterstützt: Der Anbau von Zuckerrohr, Kaffee und Kakao sowie die Verarbeitung der Produkte versprechen, eine Wertschöpfung zu erreichen und über den Verkauf einen Erlös zu erwirtschaften.

Um dem Klimawandel standzuhalten, wurden bereits Wasserspeicher angelegt. Sie helfen dabei, die Trockenperioden zu überbrücken. Erste Bewässerungssysteme haben die Gemeinden bereits in Betrieb genommen. Wertvoll ist auch der Austausch der Gemeinden untereinander: Voneinander lernen und Erfahrungen teilen, um gemeinsam neue Lösungen zu erarbeiten, so lautet die Devise regelmäßiger Austauschtreffen. Grundlegendes Wissen können die Gemeinden in Weiterbildungen zu Ernährungssicherung, Klimawandel, Produktionssteigerung und Vermarktung erwerben.

Achtsamkeit im Umgang mit der Natur

Die Aktivitäten zum Schutz der Ressourcen wollen gut geplant sein: Gemeinsam mit Akteuren aus Wissenschaft und Behörden diskutieren die Indigenen mit dem Ziel, Landnutzungspläne zu erstellen und festzulegen, was wann wo angebaut wird, damit die Ernten gut ausfallen und der Boden geschont werden kann. Auch geht es hier um die Verseuchung der Böden infolge der staatlich angeordneten Besprühung mit Pflanzengift gegen den illegalen Drogenanbau: Schäden aus der Vergangenheit, die auch in der Zukunft eine Herausforderung bleiben. Hänge werden wieder aufgeforstet, Flussläufe gesichert und Wasserreserven geschützt.

Über die konkreten Aktivitäten auf Gemeinde- und Familienebene hinaus wird stark auf Lobbyarbeit gesetzt: sich mit relevanten Akteuren aus Wissenschaft und Nationalparkverwaltung zu koordinieren, stärkt die Gemeinden und verankert ihre Ziele.

Das Projekt wird mit Mitteln vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) aus der Sonderinitiative "Welt ohne Hunger" unterstützt. Caritas international ist Projektpartner. Die Caritas Kolumbien ist Durchführungspartner und arbeitet dazu mit der Caritas auf Diözesanebene eng zusammen.

April 2017