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Lateinamerika

Chancen für Chancenlose

Kolumbien: Ausstieg aus der Prostitution

Menschen auf der Straße in einer zerfallenen Wohngegend.Ein Slum am Stadtrand von Bogotá.Simon Burch

Obwohl Kolumbien und Ecuador in den vergangenen Jahren ihre Armutsraten markant reduzieren konnten (auf aktuell Kolumbien 27,8 Prozent, Ecuador 25,6 Prozent), sind beide Länder von tiefgreifender sozialer Ungleichheit geprägt.

Kolumbien ist ein Land der Gegensätze: Auf der einen Seite stehen Demokratie, Wirtschaftswachstum und ein hohes Bildungsniveau. Auf der anderen herrschen Drogenhandel, organisierte Kriminalität, Korruption, Straflosigkeit und große Armut. Der 50 Jahre dauernde bewaffnete Konflikt zwischen der Regierung und der FARC hat tiefe Spuren hinterlassen und ist eine der Hauptursachen für die Divergenz. Durch den Konflikt, der offiziell mit dem Friedensvertrag von November 2016 als beendet gilt, wurden mehr als sechs Millionen Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land.

Auch in Ecuador ist die soziale Ungleichheit groß: Die oberen 20 Prozent der Bevölkerung erzielen rund 60 Prozent des Nationaleinkommens. Für die untersten 40 Prozent stehen lediglich 13 Prozent zur Verfügung.

Aus Armut und Gewalt in die Prostitution

Verlassenes DorfVerlassenes Dorf in Kolumbien.Caritas international

Der Konflikt in Kolumbien, wie auch mangelnde Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in beiden Ländern, vor allem in ländlichen Regionen, haben zu einer erhöhten Migration beigetragen. Die Menschen suchen ein Auskommen im benachbarten Ausland oder in den Städten. Das wiederum führt zu einer Auflösung der traditionellen Familienstrukturen, die in erster Linie von den Frauen getragen werden. Oft in der Rolle des Familienoberhaupts, versuchen sie für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu verdienen und geraten dabei schnell in den Menschenhandel, in sexuelle Ausbeutung und in die Prostitution.

Nach offiziellen Angaben des US-Außenministeriums gehört Kolumbien zu den Ländern mit der höchsten Ausbreitung sexueller Ausbeutung von Mädchen und Frauen, in Ecuador gehen Schätzungen aus dem Jahr 2008 davon aus, dass sich rund 55.000 Frauen und Mädchen prostituieren.

Eine statistische Erhebung durch Caritas in beiden Ländern verweist auf verschiedene Faktoren, die den Einstieg der befragten Frauen in die Prostitution begünstigten. So tragen 79 Prozent der Befragten die Verantwortung für das Familieneinkommen, 49 Prozent wurden zwangsvertrieben oder haben in Folge extremer Armut ihre Heimatorte verlassen, 87 Prozent erlebten in der Kindheit Gewalt, 24 Prozent wurden in jungen Jahren durch Familienangehörige sexuell missbraucht und 37 Prozent waren Opfer von Kinderarbeit.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Problem der Prostitution in beiden Ländern verharmlost, sie gilt in erster Linie als moralisch verwerfliche und selbst gewählte Tätigkeit. Weder der kolumbianische noch der ecuadorianische Staat haben sich ernsthaft um eine Politik bemüht, die das Entstehen von Prostitution, zum Beispiel durch eine Förderung alternativer Einkommensmöglichkeiten, verhindert.

Januar 2017