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Lateinamerika

Peru

Anpassung an den Klimawandel

Das Geschwür

In Madre de Dios gibt es viele Gründe für einen viel zu frühen Tod. Alfredo Vracko starb nicht etwa durch die Unmengen an Quecksilber, mit dem illegale Goldsucher das Wasser in der Gegend verseuchen. Er kam auch nicht bei der gefährlichen Arbeit im Regenwald-Dickicht ums Leben, hier in der ostperuanischen Provinz, in der die Flüsse in die mächtige Hauptschlagader des Amazonas strömen. Vracko starb durch drei Kugeln.

Alfredo Vracko vor einem Stapel HolzEin Bild von Vracko aus früheren TagenPrivatarchiv

Es ist der 19. November 2015: In den frühen Morgenstunden stehen plötzlich drei Maskierte vor dem 59-Jährigen. Ein Bekannter Vrackos schafft es gerade noch, in den angrenzenden Wald zu fliehen. Er muss deshalb nicht mit ansehen, wie die Fremden seinen Freund hinrichten. Die Worte, die sie an ihn richten, kann er jedoch gut hören. "Erinnerst du dich an uns?", fragen sie Vracko. Immer wieder. Dann: "Sag, dass es dir leid tut! Sag, dass es dir leid tut!". Doch er sagt nichts.

Eine ganze Region steht nach der Nachricht über den Mord unter Schock, die Ereignisse werden in allen Zeitungen detailliert nacherzählt. Überall hört man die gleichen Sätze und blickt in die gleichen traurigen Augen. "Er hat sich mit den falschen Leuten angelegt", sagt Roberto Patella*, ein enger Freund Vrackos, den alle nur Don Alfredo nennen. "Es bricht mir das Herz. Er war wie ein Vater für mich." Und doch hatte sich sein Tod angekündigt. Vrackos Familie besitzt die Rechte für mehr als 3000 Hektar Wald in der Provinz. Anstatt den größtmöglichen Profit daraus zu schlagen, kämpfte Vracko dafür, dass der Wald möglichst so bleibt, wie er ist. Ein Drittel der Fläche stellte er lokalen Bauern zur Verfügung, die dort eigene Parzellen anlegen durften. Der Rest sollte langfristig konserviert werden. Nachhaltig. Wird Holz geschlagen, werden neue Bäume gepflanzt. Für die nach Schätzungen mehr als 30.000 Mineros, die illegalen Goldsucher, wollte Don Alfredo keinen Meter Wald hergeben. Immer wieder musste er sie von seinem Land verjagen. Immer wieder erstattete er Anzeige.

Vracko starb deshalb wohl nicht zufällig an dem Tag, an dem eine gemeinsame Aktion der Behörden gegen die illegalen Goldsucher starten sollte. Vracko hatte sich in der Öffentlichkeit vehement für die Aktion eingesetzt. Wie mächtig der Einfluss der Goldsucher ist, zeigt nicht nur der kaltblütige Mord, sondern auch die Tatsache, dass eine geplante Razzia schließlich sabotiert wurde. Die Beamten des Ministeriums für Bergbau und Metall tauchten auch nach Stunden des Wartens nicht auf. Ohne ihre Begleitung mussten die Spezialkräfte von Polizei- und Finanzbehörden unverrichteter Dinge wieder in ihre Jeeps steigen.

Vögel an einer vermüllten WasserstelleDie Goldsucher hinterlassen überall ihre SpurenCaritas international / Holger Vieth

Die Bauern in der Region vergleichen die Minenarbeit mit einem Geschwür. Oft stammen die Goldsucher aus den Armensiedlungen der Großstädte La Paz, Cuzco oder Lima. Sie sind perspektivlos, vom allgemeinen Aufschwung in dem Land abgehängt und für Geld zu allem bereit.  "Diese Menschen haben ihr Gewissen verloren. Wenn du diesen Job machst, wenn du in das Wasser steigst, hast du einen Zustand erreicht, in dem dir dein Leben egal ist", sagt Gustavo Zambrano. Er spricht dabei auch ein wenig von sich selbst - denn noch vor einem Jahr hatte er selbst als Goldsucher gearbeitet. Nach sechs Monaten in dieser "Hölle", wie er sie nennt, verkaufte er seine kleine Maschine, die er für die Minenarbeit benutzte.

Die Goldsucher schließen sich in Kooperativen zusammen oder arbeiten für Kleinstunternehmen. Einige fahren gemeinsam mit einem Floß über die Flussarme und pumpen das Wasser in eine kleine Maschine. Mit ihrer Hilfe setzen sie der morastigen Flüssigkeit Quecksilber zu. Es dient dazu, den Dreck und das Gestein von dem teuren Edelmetall zu trennen. Andere gehen einfach nur mit Spitzhacke und Schaufel los, manche trotzen dem Erdreich einige Schächte ab. Bäume und Geäst, das ihnen in die Quere kommt, wird mit der Kettensäge traktiert.

Ein Luftbild zeigt eine Schneise der Verwüstung im RegenwaldEin Luftbild zeigt die Schneise der VerwüstungCaritas Madre de Dios

"Ich konnte es einfach nicht mehr. Ich wollte nicht mehr ein Teil all dieser Zerstörungen sein", sagt Zambrano. Inzwischen versucht er,  sich mit dem Anbau von Kakao auf einer kleinen Parzelle ein Auskommen zu verdienen. Dieser anspruchsvollen Pflanze, von der die Menschen das Glück haben, dass sie hier gedeiht. Unterstützung erfährt er dabei von der Caritas Madre de Dios. In einem Schulungszentrum lernt Zambrano mit anderen Bewohnern seines Dorfes alles, was man über den Anbau von Kakao wissen muss. Etwa wie man die Früchte vom Baum trennt, ohne ihm zu schaden. Was gute Bohnen ausmacht und wie man sie möglichst gewinnbringend verkauft. Ein Experte der Caritas wohnt direkt in der Gemeinde, berät die Teilnehmer des Projekts bei allen Nachfragen und Kummer jeder Art. Und packt mit an, wenn es nötig ist. Er ist auch der Herr über die Setzlinge, kleine Kakaobäume, die von den Projektteilnehmern in ihre Parzellen einpflanzt werden. Und schon nach einem Jahr eine stattliche Größe von rund zwei Metern erreichen.

Der Kakaoanbau reiche ihm bisher nur für das Nötigste im Leben, sagt Zambrano. Doch er sei jetzt deutlich glücklicher als vorher. Und auch der Ausschlag auf seiner Haut, den die feuchten Bedingungen in der Mine  und die harten Chemikalien verursacht hatten, ist kaum noch sichtbar.  Er sei der Caritas sehr dankbar, dass sie ihm diesen Weg aus der Misere aufgezeigt habe. "Alleine hätte ich das nicht geschafft."

Eine Siedlung der GoldsucherIn den Siedlungen der Mineros herrschen Armut und TristesseCaritas international / Holger Vieth

Das Leben in den Siedlungen der Schürfer ist frei von Wildwest-Romantik. Es herrscht kein Klima der Hoffnung auf den wirklich großen Fund, auf ein für immer besseres Leben. Das Leben hier ist ein einziges Stückwerk. Fauliges Wasser umspült die zusammengezimmerten Bretterverschläge. Überall, wie als Erkennungszeichen, halten blaue Plastikplanen die Holzscheite der Buden zusammen, die mal als Verkaufsstände, mal als Schlafstätten genutzt werden. Abends bringen einige der Goldsucher ihre Gewinne des Tages hier bei Prostituierten durch, auch der Handel mit Alkohol und anderen Drogen blüht. Laut einem offiziellen Bericht des peruanischen Gesundheitsministeriums sind die Zahlen von HIV-Erkrankungen und Tuberkulose in den vergangenen Jahren in den Siedlungen rasant gestiegen.

All diese Szenen hat es noch vor weniger als zehn Jahren nicht gegeben. Erst ab 2008 sprach sich herum, dass mit dem illegalen Goldgeschäft Geld zu verdienen ist. In gleichem Verhältnis wie die Zahl der Schürfer wuchs auch die Größe der durch sie zerstörten Regenwälder. In acht Jahren sind den Goldsuchern allein im Bezirk Madre de Dios mehr als 30.000 Hektar zum Opfer gefallen.

Es passt ins Bild, schreitet die Abholzung des Waldes im Amazonasgebiet auch anderswo weiter voran. Wenngleich die Gründe hier oft anders lauten, namentlich Soja-Anbau, Brandrodung, Verkauf von Tropenhölzern.  Erst kürzlich gab Brasiliens Umweltministerin Izabella Teixeira bekannt, dass die Abholzung im brasilianischen Teil des Amazonas binnen eines Jahres um 16 Prozent zugenommen hat. Allein der legalen Abholzung fielen hier, im größten Land Südamerikas, 5831 Quadratkilometer Waldfläche zum Opfer. Zum Vergleich: Das Saarland ist halb so groß.

Porträt Marlene VacaMarlene Vaca kennt die Gefahren des Gold-GeschäftsCaritas international / Holger Vieth

Marlene Vaca weiß, was für ein Hundejob das Goldsuchen ist. Die junge Mutter, die sich wie der Ex-Minenarbeiter Zambrano mit dem Verkauf von Kakaobohnen über Wasser hält und auch von der Unterstützung der lokalen Caritas profitiert, erinnert sich vor allem an einen bestimmten Tag. Einen besonders heißen Tag, an dem sie eigentlich vorhatte, Eis an die Goldschürfer zu verkaufen: "Ich ging in ein kleines Dorf, in dem Menschen nach Gold suchen. Als ich ankam, sah ich, dass es einen großen Erdrutsch gegeben hatte. Sie zogen 17 Leichen aus dem Schlamm", berichtet Vaca. Die Angehörigen seien gekommen, um die Toten zu sehen - und sie zu beerdigen. "Doch die Goldsucher wollten nicht, dass die Leichen geborgen werden.". Solche Unfälle gibt es hier immer wieder, doch der Mantel des Schweigens wiegt schwer. "Diese Gegenden sind furchtbare Orte", sagt Vaca. "Hier gibt es keine Gerechtigkeit." Doch eine Tatsache macht Hoffnung. Immer mehr Dörfer wollen sich demonstrativ gegen das Minengewerbe stellen, die Bewohner kollektiv auf den Kakaoanbau umschwenken. Die Zahl der Dörfer, die auf der Warteliste der Caritas Madre de Dios stehen, liegt inzwischen bei mehr als einem Dutzend. Und sie wächst stetig.

*Bis auf den Namen des ermordeten Alfredo Vracko wurden alle Namen geändert

Holger Vieth / Dezember 2015