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Lateinamerika

Katastrophenhilfe

Flutkatastrophe in Peru

"Seit drei Monaten im Ausnahmezustand"

Porträtaufnahme einer FrauRosalynn Toribio Medina, Direktorin von Caritas Chosica.Eva Tempelmann

Rosalynn Toribio Medinas (39) erste Arbeitstage im Jahr 2015 bei Caritas fielen genau in die Zeit der Überschwemmungen, von der die Region damals betroffen war. Heute leitet sie das Team von 16 MitarbeiterInnen plus Freiwilligen und koordiniert die gesamten Aktivitäten von Caritas Chosica. Brennendes Thema ist die aktuelle Nothilfe zu den Überschwemmungen im März 2017.

Mit ihrem Mann und zwei Kindern (8 und 6 Jahre alt) lebt Rosalynn Tiberio in Campoy bei Chosica. Die Überschwemmungen betrafen auch ihr Viertel, aber ihr Haus wurde nicht beschädigt.

Frau Toribio, was hat Sie zur Caritas geführt?
Ich bin gelernte Hebamme. 13 Jahre habe ich in der pastoralen Sozialarbeit im Gesundheitssektor gearbeitet. Menschen zu unterstützen, die Hilfe benötigen, war für mich von Anfang an eine sehr sinnstiftende Arbeit. Als ich das Angebot bekam, zur Caritas zu wechseln, habe ich gleich zugesagt. Meine ersten Arbeitstage fielen in die Zeit der heftigen Überschwemmungen in Chosica im März 2015, da konnte ich gleich die Ärmel aufkrempeln und anpacken.

Die Medien berichten aktuell vor allem über den Norden Perus, der von den Überschwemmungen am heftigsten getroffen ist. Aber auch Lima und umliegende Provinzen sind betroffen. Können Sie die derzeitige Situation vor Ort beschreiben?
Seit drei Monaten ist die Region im Ausnahmezustand. Mitte Januar gab es die ersten Überschwemmungen in Chosica und Chaclacayo. Hunderte Familien waren betroffen, Häuser stürzten ein und Straßen standen unter Wasser. Den gesamten Februar hat es weiter geregnet, bis im März schließlich mehrere Schlammlawinen von den Bergen herunterkamen. Dazu gingen auch noch eine ganze Reihe von Flüssen gleichzeitig über die Ufer: der Rímac, der Huaycoloro, Santa Eulalia, Hablador. Die Menschen waren auf Überschwemmungen dieses Ausmaßes nicht vorbereitet. Häuser sind eingestürzt, Brücken zerstört, Straßen beschädigt und unpassierbar geworden. Vieh ertrank, die Ernten sind zerstört. Dutzende von Dörfern in höhergelegenen Gebieten sind immer noch abgeschnitten von Kommunikation und Versorgung.

Wie hilft die lokale Caritas den Betroffenen?
Caritas Chosica arbeitet eng mit den Kirchengemeinden vor Ort zusammen. Diese wiederum stehen mit den einzelnen Gemeinden in engem Kontakt. Die Menschen fühlen die Präsenz der Kirchen in diesen Situationen, aber auch die Solidarität vieler anderer Menschen. Nach den ersten starken Überschwemmungen Ende Januar organisierten wir umgehend Hilfsgüter und konnten diese wenige Tage später an die Betroffenen liefern. Bis März haben wir rund 600 Tonnen Hilfsgüter verteilt – Wasser, Essen, Kleidung, Werkzeuge, Materialien für Notunterkünfte. Seit März sind es sicherlich nochmal so viele. Wir versorgen vor allem den Osten Limas mit Nothilfe, besuchen die Menschen in ihren Notunterkünften, organisieren psychosoziale Begleitung und versuchen, den Betroffenen in diesen ersten Wochen unterstützend zur Seite zu stehen.

Wie lange wird die Region Chosica mit den Folgen zu kämpfen haben?
Momentan sind wir immer noch in der ersten Nothilfephase. Es wird Monate dauern, bis die Infrastruktur wieder hergestellt ist und die Menschen in ihre Häuser zurück können oder sich ein neues Heim aufgebaut haben. Die Landbevölkerung steht vor der Herausforderung, ihre Felder wieder aufzubauen; bei vielen haben die Überschwemmungen die Ernten komplett vernichtet.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für die Caritas?
Wir müssen aufmerksam schauen, welche nächsten Schritte die Regierung jetzt unternimmt und welche Gesetze sie erlässt. Bisher stand die Raumordnungsplanung überhaupt nicht auf der politischen Agenda, dabei ist das seit Jahren ein drängendes Thema. Viele Menschen haben alles verloren, weil sie ihre Häuser in trockene Flussbetten oder zu nah ans Flussufer gebaut haben. Es gibt keinerlei Regulierungen, geschweige denn Schutzmaßnahmen.

Caritas reagiert darauf insofern, als dass wir keine Notunterkünfte in diesen Risikogebieten aufbauen und versuchen, die Menschen auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Einige Kirchengemeinden haben Nothilfeteams aufgestellt, die in den entsprechenden Situationen reagieren können. Aber wir können und sollen nicht die Rolle des Staates übernehmen.

Mai 2017, Interview von Eva Tempelmann