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Lateinamerika

Katastrophenhilfe

Flutkatastrophe in Peru

Das verschüttete Dorf

Ein Mann vor einem verschlammten GebäudeHier wurde der Schlamm schon beseitigt, am Haus ist aber dessen Höhe gut erkennbar. Eva Tempelmann

Janina Mamaní Zevallos steht in der Gemeinschaftsküche und rührt in einem großen Topf. „Heute gibt es Reis und zur Feier des Tages Hühnchen“, sagt die ehemalige Bewohnerin von Barbablanca. Ein Junge im Notlager habe Geburtstag. Die Kulisse ist beeindruckend – ein blauer Himmel spannt sich über die hohen Berge, die nach dem Regen grün bewachsen sind; unten im Tal rauscht der Fluss. Die Provinz Huarochirí, etwa zwei Stunden von Lima entfernt in den Bergen gelegen, ist eine touristisch beliebte Gegend für die Bewohner der Hauptstadt, hier scheint fast das ganze Jahr über die Sonne. Campingplätze und einfache Herbergen säumten das Flussufer.

„Barbablanca war ein wunderschönes Dorf“

Aber die Campingplätze sind nicht mehr da, die Herbergen sind zerstört. In Barbablanca stürzten am 16. März zwei gewaltige Schlammlawinen den Berg hinunter und begruben das Dorf unter sich. Das Haus von Janina Mamaní Zevallos wurde völlig zerstört. Die 36-jährige Mutter zweier Kinder hat in Barbablanca ihr ganzes Leben verbracht. Sie führte dort einen gut sortierten Gemischtwarenladen, sogar Gasflaschen für die Küche habe sie im Angebot gehabt, erwähnt sie. Ihre Mutter hatte ein kleines Restaurant und ein Feld, auf dem sie Chirimoya und Avocado anpflanzten. „Barbablanca war ein wunderschönes Dorf“, sagt Janina.

Sie erinnert sich an den Tag des Unglücks. „Um zwei Uhr nachmittags begann der Regen.“ Er sei so stark gewesen, dass sich die Dorfbewohner aus Angst auf eine Anhöhe retteten. Im strömenden Regen hätten sie dort ausgeharrt, die Alten und Kinder unter einem Wellblechdach, bis die erste Schlammlawine den Berg hinabrauschte. Kurze Zeit später habe es einen Knall gegeben, berichtet Janina, „und dann stürzte eine zweite Schlammlawine direkt über unser Dorf, in das Wasserkraftwerk, Funken stoben, die Kinder schrien und die Erwachsenen weinten.“

Wie durch ein Wunder kam niemand zu Schaden, aber das Dorf ist unbewohnbar geworden, Häuser und Felder sind verloren. Die Schule, das Gesundheitszentrum, das Gemeinschaftshaus, die öffentlichen Toiletten stehen bis zum Dach in Schlamm und Geröll. Rund 70 Familien sind betroffen, 40 Familien stehen vor dem Nichts. Sie leben nun in einer Notunterkunft in Zelten, ein paar Hundert Metern von ihrem Dorf entfernt auf einer erhöhten Ebene. Sie haben eine Suppenküche organisiert, Janina und andere Mütter wechseln sich ab mit dem Kochen für die 26 Familien, die in den Zelten leben. Eine Schauspielerin hat ein einfaches Holzhaus gespendet, das nun als Schule für 30 Kinder dient. Ein junger Mann stiftete ein Sonnenschutzsegel für den Gemeinschaftsbereich. Die dunklen Zelte heizen sich in der Sonne schnell auf, „nachmittags ist es drinnen wie in einer Sauna“, sagt Janina.

Nur in Solidarität zu meistern

Frauen stehen unter eine Plane an einem Tisch und bereiten Essen vorNur in der Gemeinschaft funktioniert es: Frauen bei der Essenzubereitung für alle Familien.Eva Tempelmann

Die meisten der Bewohner von Barbablanca sind Kleinbauern. Sie leben vom Verkauf der Feldfrüchte. „Jetzt verdorrt alles“, sagt ihre Mutter leise, „die Bewässerungsgräben sind verschüttet, alle Pflanzen verloren.“ Sie weint. „Wie sollen wir nur den Kredit zurückzahlen, wenn die Ernte verloren ist?“ Vor ein paar Tagen ist die alte Frau bis hoch zum Feld gelaufen, die Pfade sind kaum passierbar. Janina nimmt ihre Hand. „Wir machen eine faena“, sagt sie, Gemeinschaftsarbeit mit den Dorfbewohnern.

Die Solidarität von Nachbargemeinschaften, Kirchen und Privatpersonen ist groß. Nach den ersten schlimmen Tagen ohne Obdach und Essen landeten Helikopter mit Versorgungspaketen, die Caritas verteilte Wasser, Lebensmittel und Kleidung. Auf Druck des engagierten Bürgermeisters des Distrikts Callahuanca, Francisco Pérez, beschaffte die Regionalregierung Zelte. Alle paar Tage organisiert er Lebensmittel für die Betroffenen, Reis, Milch, Thunfisch. „Vom Staat kommt leider nicht viel“, sagt Pérez.

„Wie sollen wir weiterleben? ist die drängendste Frage, die die Menschen nun umtreibt“, sagt Angela Blanco Riveras, Mitarbeiterin der lokalen Caritas, die die Betroffenen unterstützt. Die Caritas bietet dafür psychosoziale Beratung an und wird die Region langfristig mit Wiederaufbauhilfe unterstützen. „Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg“, sagt Angela Blanco.

Eva Tempelmann, Mai 2017