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Lateinamerika

Katastrophenhilfe

Flutkatastrophe in Peru

„Wasser ist das Wichtigste“

Ein Mann mit Hut schaut in die KameraGuderian Cámara Solis ist Dorfvorsteher und Kleinbauern von Huinco.Eva Tempelmann

„Wir haben Glück im Unglück gehabt – am Ende hat uns die Schlammlawine gerettet“, sagt Guderian Cámara Solis und zeigt auf die dicke, braune Schicht von etwa zwanzig Meter Breite. Daneben strömt der immer noch reißende Fluss Santa Eulalia Richtung Chosica. Bei den heftigen Überschwemmungen im März ist Guderians Dorf San José de Huinco bis auf wenige Häuser und die Schule unbeschadet geblieben. Eine Schlammlawine drückte den Fluss in eine andere Richtung und rettete das Dorf so vor dem Kollaps. Allerdings haben die Erdrutsche aus den Bergen große Teile der umliegenden Felder unter sich begraben, auf denen die Bewohner Avocado und Chirimoya anpflanzten. Fast 80 Prozent der Bevölkerung in der Region lebt von der Landwirtschaft.

Das Paradies ist „beschädigt“

Frauen sitzen am Flussufer und waschen WäscheDie Wasserversorgung ist für das Dorf Huinco das drängendste Problem.Eva Tempelmann

Auch Guderian Cámara Solis ist Kleinbauer. Unter seinem braunen Filzhut blinzelt er in die Sonne. Der 63-Jährige ist Sprecher des Dorfes Huinco, 25 Familien leben hier. Die meisten von ihnen haben durch die Gerölllawinen ihre Lebensgrundlagen verloren. „Callahuanca, Paradies der Chirimoya“, steht auf einem Schild an der Straße, die nach Huinco führt. Die Gegend ist bei den Bewohnern der nahegelegenen Hauptstadt Lima sehr beliebt. Sie kommen wegen des guten Klimas, der Wandermöglichkeiten und der Vielzahl an Campingplätzen. Die Dorfbewohner profitierten vom Tourismus und dem Verkauf ihrer Produkte. Aber jetzt ist das Paradies beschädigt.

Guderian ist trotzdem optimistisch. Sein Haus sei halb in den Fluss gestürzt, sagt er, aber immerhin stehe noch die andere Hälfte. Mit seiner Frau übernachtet er zur Zeit im Gemeinschaftshaus, ein paar Habseligkeiten liegen dort in Stapeln auf Brettern, andere sind bei Nachbarn verteilt, „viel habe ich ja nicht.“ Die Wasserversorgung für das gesamte Dorf ist ihm ein drängenderes Anliegen. Bei einem Rundgang durchs Dorf zählt er die Schäden auf: Es gibt kein sauberes Trinkwasser, die Bewässerungskanäle für die Felder sind beschädigt und die Klärgrube des Dorfes ist eingestürzt und liegt wenige Meter neben der Stelle, wo ein paar Frauen Kleidung waschen. „Wasser ist das Wichtigste im Moment“, sagt Guderian. Für sie selbst, für die Felder und damit für die Lebensgrundlagen.

„Die größte Herausforderung ist, zu den Menschen zu gelangen“

Männer arbeiten an einer defekten BrückeErst 2016 war die Brücke erneuert worden. Jetzt ist sie defekt und schneidet dadurch 15 Dörfer von der Außenwelt ab.Eva Tempelmann

Auf dem Weg zu einer beschädigten Brücke läuft er kurz in das Haus eines Nachbarn, holt woanders noch etwas ab. Guderian ist ein bekanntes Gesicht in Huinco. In diesen Tagen ist er mit den Bürgermeistern der Region an der Grünen Brücke vor Ort und beaufsichtigt die Reparatur. Erst 2016 war die Brücke erneuert worden, um Schäden bei einem möglichen Anstieg des Flusses Santa Eulalia durch das El Nino Phänomen vorzubeugen. Aber die Kraft des Wassers war in diesem verhängnisvollen Sommer trotzdem stärker. Die Brücke garantiert den Zugang ins Tal hinter Santa Eulalia. 15 Dörfer sind weiterhin von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bewohner kommen mit Eseln von den Bergen herunter, um Essen zu holen; in die ganz entlegenen Gebiete fliegen Helikopter mit Hilfslieferungen.

„Die größte Herausforderung ist, zu den Menschen zu gelangen“, sagt Angela Nestarez Torres, Caritas-Mitarbeiterin in Chaclacayo, während sie die Ein- und Ausladeaktionen koordiniert. Glücklicherweise organisierten manche Gemeinden Lastwagen, um die Hilfsgüter abzuholen. Gerade hievt der Bürgermeister von San Pedro de Casta, Castulo Obispo Bautista, ein zupackender oft lachender Mann, dicke Säcke in einen Bus, der normalerweise Touristen zu den Felsformationen von Markahuasi bringt. 10 Stunden seien sie unterwegs gewesen für eine Strecke, die normalerweise zwei Stunden dauere. Bis über einen Pass von 4800 Meter Höhe mussten sie fahren. „Die Caritas hat uns und den benachbarten Dörfern sehr geholfen“, sagt Guderian, „dafür sind wir sehr dankbar.“

Nun gehe es langsam an den Wiederaufbau der zerstörten Straßen, Brücken, Felder. Der Optimist Guderian macht sich da nichts vor: „Das wird noch Monate dauern“.

Mai 2017, Eva Tempelmann