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Lateinamerika

Katastrophenhilfe

Flutkatastrophe in Peru

Wenn die Wüste überschwemmt wird

Eine Frau vor einem ZeltJanina Mamaní Zevallos hat durch die Katastrophe ihr Haus und ihren kleinen Laden verloren.Eva Tempelmann

„Es war, als ob sich alle Schleusen geöffnet hätten“, sagt Janina Mamaní Zevallos und schaudert immer noch in Erinnerung an den 15. März, als ein gewaltiger Regen zwei Schlammlawinen auslöste und das Dorf Barbablanca unter sich begrub. Die 36-jährige Mutter zweier Kinder hat durch das Unglück alles verloren: ihr Haus, ihren kleinen Laden, ihre Lebensgrundlage.

Mit einer solchen Wucht der Überschwemmungen hatte niemand in den Bergen und in der Hauptstadt Lima gerechnet. Zwar sind Regenfälle in den Bergen von Peru zwischen Dezember und März nichts Ungewöhnliches. Aber dieses Jahr traf das Land eine lokale Form des El-Niño-Phänomens. Die starken Niederschläge an der Küste und in den Bergen sowie das Gefälle zwischen Anden und Pazifik verursachten zwischen Mitte Januar und Mitte März in weiten Teilen des Landes Überflutungen, Erdrutsche und Schlammlawinen. Gemächlich mäandernde Flüsschen wie der Santa Eulalia bei Lima verwandelten sich in wilde, alles mit sich reißende Ströme. Am 16. März gingen die Flüsse Rímac und Huaycoloro im östlichen Teil von Lima über die Ufer. Am gleichen Tag ging das Bild von Evangelina Chamorro um die Welt, die sich mit letzter Kraft aus einer Schlammlawine in Punta Hermosa rettet, einem 30 Kilometer von Lima entfernten Strandort. Die junge Frau wurde zum Symbol des Dramas, das Peru derzeit erlebt.

"Die Situation ist verheerend"

Die Bilanz der Überschwemmungen ist verheerend: Nach Angaben des peruanischen Katastrophenschutzes verloren in ganz Peru über 100 Menschen ihr Leben. Mehr als 1,1 Millionen Menschen sind von der Katastrophe betroffen. Zehntausende von Häusern wurden komplett zerstört, mehr als Hunderttausend schwer beschädigt, darunter Krankenhäuser und Schulen. Weite Teile des Straßennetzes und Brücken sind beschädigt, Felder und Ernten vernichtet.

Allein in Lima haben 6.700 Personen alles verloren, weitere 20.000 sind betroffen und mehr als 8.000 Häuser zerstört. Der Fluss Rímac, wichtigster Wasserlieferant der Hauptstadt Lima, überflutete Straßen, Häuser und ganze Stadttteile. Tagelang war die Trinkwasserversorgung der 10-Millionen-Stadt stark eingeschränkt, in manchen Stadtteilen ist sie das immer noch. In den Supermärkten war das Trinkwasser zwischenzeitlich ausverkauft.

„Die Situation ist verheerend“, sagt Angela Nestarez Torres. Sie organisiert die Verteilung der Hilfsgüter, die von der Caritas der Diözese Chosica bereitgestellt wurden. Einen Monat nach den Überschwemmungen konzentriert sich die Unterstützung immer noch auf die erste Katastrophenhilfe. 600 Tonnen Hilfsgüter wurden allein bis März von Caritas in den betroffenen Regionen verteilt..

Menschen arbeiten in einem WarenlagerIn der Lagerhalle Chaclacayo stapeln sich Wasserkanister, Kleidung und Lebensmittel, Sanitärartikel und Werkzeuge.Eva Tempelmann

Von der Außenwelt abgeschnitten

In der Lagerhalle in Chaclacayo, wenige Kilometer von Chosica entfernt, stapeln sich Wasserkanister, Kleidung und Lebensmittel, Sanitärartikel und Werkzeuge. Sie wurden von der Bevölkerung gespendet, aber auch durch Hilfsgelder eingekauft, so die Caritas-Verantwortliche. „Die größte Herausforderung ist, zu den Menschen in den abgelegenen Regionen zu gelangen“, sagt Angela Nestarez Torres. Durch den Einsturz mehrerer Brücken sind weiterhin ein gutes Dutzend Dörfer in der Provinz Huaraochirí bei Lima von der Außenwelt abgeschnitten. Manche Bewohner kommen mit Eseln von den Bergen herunter, um Hilfe zu holen. In die ganz entlegenen Gebiete fliegen Helikopter mit Hilfslieferungen. Heute ist der Bürgermeister von San Pedro de Casta vor Ort, einem Bergdorf auf 3.300 Meter Höhe. Er lädt dicke Säcke mit warmer Kleidung in einen Bus, „mittlerweile wird es dort oben empfindlich kalt“, sagt er, das Wetter schlage langsam um. 10 Stunden wird er für die beschwerliche Strecke über Schotterpisten und Haarnadelkurven brauchen. Normalerweise ist das Dorf auf direktem Wege in zwei Stunden zu erreichen.

Ein Mann schaufelt SchlammWas von der Katastrophe übrig blieb: Zerstörung und massenweise Schlamm.Eva Tempelmann

Aber auch in den Randbezirken von Lima hat der Wiederaufbau noch nicht begonnen. In Carapongo im östlichen Teil von Lima ging Mitte März der Fluss Rímac über die Ufer und überflutete die ärmlichen Häuser der Menschen, die hier leben: Gemüseverkäufer, Viehzüchter, Mototaxifahrer, Hausangestellte. Agustín Vargas Arias steht vor seinem zerstörten Heim am Ufer des Rímac, der immer noch mächtig vorbeirauscht.. „Alles, was wir hatten, hat das Wasser mitgerissen“, sagt der Aushilfsverkäufer und Vater von sieben Kindern im Alter von 15 und einem Jahr. „Unsere Hühner und Schweine, die Küche, Kleidung.“ Mitten in der Nacht sei das Wasser gekommen, er habe sich mit seiner Familie gerade noch auf eine Anhöhe retten können. Vier Wochen danach sieht die Nachbarschaft wüst und leer aus. Der trocknende Schlamm wirbelt feinen Staub auf, der die Lungen reizt. Rund 350 Familien sind betroffen. Die meisten leben in Notunterkünften, manche harren in Zelten vor ihren zerstörten Häusern aus, abends flackern Feuer vor der Region, die ohne Strom und Wasser ist.

Politik befolgt nicht die Regeln

Angela Blanco Riveras von der Caritas Chosica ist vor Ort unterwegs. Sie arbeitet als Umweltexpertin und spricht mit der Bevölkerung über Umweltschutz, Naturkatastrophen und wie man diesen vorbeugen kann. „Diese Katastrophe konnte nur ihren Lauf nehmen, weil die Politik die aufgestellten Regeln nicht befolgt“, sagt Angela Blanco Riveras. Die Menschen bauten ihre Häuser, wo sie Platz fänden – an den Ufern der Flüsse, an Steilhängen, in trockenen Flussbetten. An den Hügeln und Bergen rund um Lima sind dementsprechend die gravierendsten Schäden festzustellen. „Ganze Siedlungen an Berghängen sind ins Rutschen gekommen, weil die Hänge aus Geröll und Sand bestehen“, erklärt Caritas-Direktorin Rosalynn Toribio Medina. Was fehle, sei eine adäquate Stadtentwicklung.

Der Leiter des Instituts für die Anpassung an das El Niño Phänomens (Imefen), Roger Hildago, betont, dass man erst eine Evaluation der betroffenen Gebiete machen müsse, bevor man mit dem Wiederaufbau beginne. „Sonst geht im nächsten Jahr alles wieder von vorne los.“ Bisher sei aber keine Bewilligung für ausreichend Mittel für den Katastrophenschutz vorgesehen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Regierung einen vorausschauenden Kurs einschlagen wird, um eine erneute Katastrophe diesen Ausmaßes zu verhindern. Bis dahin gibt es noch einiges zu tun.

Eva Tempelmann, Mai 2017