zurück

Naher Osten

Krisen und Konflikte

Irak: Hilfe für die Opfer des Konflikts

Christen im Irak

Die assyrisch-katholische Saydat Al-Najat Kathedrale in Bagdad nach dem TerroranschlagVor der assyrisch-katholischen Saydat Al-Najat Kathedrale in Bagdad nach dem Terroranschlag im Oktober 2010Caritas Irak

Seit Beginn der Offensive des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Juni 2014 hat die Gewalt gegenüber irakischen Christen ein bislang nicht bekanntes Ausmaß angenommen. Mit unvorstellbarer Grausamkeit richtet sich der Terror de ISIS dabei nicht gezielt gegen Christen, sondern gegen alle nicht-sunnitischen Gläubigen sowie Sunniten, die sich nicht auf die Seite der radikalislamischen Gruppe schlagen.   

Indes gehören Drohungen, Einschüchterungen und Gewalt für die irakischen Christen seit mehr als einem Jahrzehnt zum Alltag.  

Rund 1,5 Millionen Christen lebten 2003 im Irak, sie stellen fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Zerrieben zwischen Schiitenmilizen und sunnitischen Extremisten, wurden die irakischen Christen seit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen oft Opfer erbitterter Kämpfe. Mehr als eine Million Christen haben den Irak in den vergangenen zehn Jahren verlassen. Der Grund: Immer wieder werden sie Ziel von Anschlägen. An Feiertagen wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten ist die Angst besonders groß.

Weihnachten 2013 fanden rund 50 Menschen den Tod. Über 15 starben, als Gläubige im Stadtteil Dora in Bagdad die Christmette verließen und eine Autobombe explodierte. Andere kamen bei einem Anschlag auf einem Markt ums Leben. Allein im März 2014 sind fast 600 Menschen getötet und über 1.000 verletzt worden, die meisten von ihnen in der Hauptstadt Bagdad.

Eines der größten Attentate gegenüber Christen wurde im Oktober 2010 verübt: Islamistische Terroristen erstürmten die Kathedrale in Bagdad und töteten 68 Menschen. Allein am 12. Juli 2009, einem Sonntag, gab es in Irak sieben Bombenattentate auf Kirchen. Vier Gläubige starben vor der chaldäischen Marienkirche in Bagdad, als nach dem Gottesdienst eine Autobombe explodierte, etwa 30 Menschen wurden dabei verletzt. Bei einer Reihe weiterer Anschläge auf Kirchen und kirchliche Einrichtungen im Großraum Bagdad gab es Dutzende weitere Verletzte. Allein im Jahre 2005 kamen 800 christliche Iraker durch Anschläge ums Leben. Daher halten sich viele christliche Iraker sich seit Jahren versteckt oder sind aus dem Irak geflohen. 

Feiertage bringen erhöhtes Risiko

Die Gründe für die Anschläge sind diffus. Islamistische Extremisten betrachten Christen wegen ihres Glaubens gerne als Vertreter des Westens. Und der Westen steht aus ihrer Sicht für alles, was es zu bekämpfen gilt: Sittenverfall, Blasphemie und Imperialismus. Obwohl die irakischen Christen ihren irakischen Mitbürgerinnen näher und ähnlicher sind als den Europäer/innen, sind sie der Willkür terroristischer Gruppen ausgesetzt.

Bereits im Oktober 2008 hatten etwa 4.000 Christen aus Angst vor Überfällen die Stadt Mosul verlassen. In der vorwiegend sunnitischen Stadt hatten sich innerhalb weniger Woche die Angriffe auf Christen gemehrt, zwölf irakische Christen waren dabei umgebracht worden. Die Flüchtlinge waren daraufhin in umliegende Gemeinden geflohen und hatten bei Verwandten, in Kirchen, Schulen und Gemeindezentren Unterschlupf gefunden.

Caritas Irak versorgt seither mit Unterstützung von Caritas international die Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Kochutensilien und Matratzen. Gleichzeitig appelliert Caritas international an die irakische Regierung, sich für den Schutz religiöser Minderheiten einzusetzen. Bereits im März 2008 war der Erzbischof von Mosul, Paulus Faraj Raho, entführt und nach einem Herzinfarkt tot aufgefunden worden. Kurze Zeit später sind drei christliche Priester ermordet worden. Seither häufen sich die Anzeichen auf eine gezielte Verfolgung der Christen.

FlüchtlingsfamilieFlucht aus Mosul: 4.000 Christen haben aus Angst vor Überfällen die Stadt verlassenCaritas international

Die Befürchtungen der religiösen Minderheit sind nicht neu: Als im August 2004 in Bagdad und Mossul bei Anschlägen auf Gotteshäuser 18 Menschen getötet wurden und 50 Verletzte zu beklagen waren, meinten viele, dass dies das Fanal für eine gezielte Verfolgung der Christen im Irak sei. 

Zunächst blieb noch unklar, ob diese Angriffe tatsächlich rein religiös motiviert waren. Denn viele der katholischen Gläubigen gehörten der gebildeten Mittel- und Oberschicht an, die überdurchschnittlich oft von Entführungen und Erpressungen betroffen ist. Ein Exodus der Christen, wie ihn die Oberhäupter der verschiedenen christlichen Gemeinschaften schon nach den Anschlägen im Jahr 2004 befürchtet hatten, war zunächst ausgeblieben.

Insgesamt lebten vor dem dritten Golfkrieg etwa 1,5 Millionen Christen im Irak. Nach dem Krieg 2003 blieben nur rund 800.000 Christen im Land. Als relativ wohlhabende Schicht gehörten sie zu denen, die am ehesten die Möglichkeit hatten, ins Ausland zu flüchten.

Inzwischen jedoch haben sich die direkt religiös motivierten Angriffe auf die größte nicht-muslimische Gruppe stark gehäuft.  Laut UNHCR hatten 2011 bereits mehr als die Hälfte der ursprünglich 1,2 bis 1,5 Millionen Christen den Irak verlassen. 2010 gibt es laut übereinstimmenden Schätzungen der UNO und der Hilfsorganisation "Kirche in Not" noch etwa eine halbe Million Christen im Irak.

Die Caritas Irak wurde 1992 unter dem Namen "Confrérie de la Charité" gegründet. Die Besonderheit der irakischen Caritas liegt darin, dass es sich um eine gemeinsame Gründung aller vier im Land vertretenen katholischen Riten handelt. So stellt Caritas Irak heute das gemeinsame Hilfswerk der mit Rom verbundenen chaldäischen, syrischen, armenischen und lateinischen Christen des Landes dar. Ziel der übergreifenden Caritas Irak war von Anfang an, auch Hilfe für bedürftige Nichtkatholiken zu leisten. 

Juli 2011 / aktualisiert August 2014

Geschichte der Christen im Irak

Die Geschichte der Christen im Irak verweist auf eine 2.000 Jahre alte Tradition. So begreifen sich die christlichen Assyrer als Nachfahren der Christen im Vorderen Orient, die im 3. Jahrhundert in Abspaltung zur byzantinischen Reichskirche eine selbständige Kirche gründeten. Die Assyrer bezeichnen ihre Kirche als "Apostolische und Katholische Kirche des Ostens". Noch heute verwenden sie aramäisch, die Sprache Jesu, als Theologie- und Liturgiesprache. In den folgenden Jahrhunderten spalteten sich von ihnen verschiedene mit Rom unierte Zweige ab. Die inzwischen bedeutendste Gruppe ist die chaldäische Kirche mit ihrem Oberhaupt, dem Patriarch Emmanuel Karim Delly, in Bagdad. Die unierte Chaldäer-katholische Kirche führt mit den assyrischen Christen zahlreiche gemeinsame pastorale Aktionen durch. Neben der Caritas Irak unterhält die chaldäische Kirche zwei Bildungseinrichtungen, diverse Wohltätigkeitseinrichtungen und verlegt drei christliche Zeitschriften.

Die übrigen Christen verteilen sich auf syrisch-katholische, syrisch-orthodoxe, armenisch-orthodoxe, armenisch-katholische, griechisch-orthodoxe und lateinische Christen und mit einem Prozent aller Christen auf die kleinste Gemeinschaft: die protestantische und anglikanische Kirche.

Während Saddam Husseins Baath-Regimes wurden die Christen den Muslimen gleichgestellt und die christlichen Hauptkirchen als juristische Personen anerkannt. Grundsätzlich war das Regime Christen gegenüber positiv eingestellt. Sie genossen im säkularen Irak zahlreiche Privilegien, die Kirchen wurden mit staatlichen Subventionen gefördert. Trotz der verhältnismäßig komfortablen Situation für die christlichen Minderheiten während der Diktatur gerieten die vor allem im Nordirak niedergelassenen Assyrer zwischen die Fronten bei den Angriffen Husseins auf die Kurden. Übergriffe auf Assyrer im Laufe der Auseinandersetzungen können jedoch nicht als religiös motivierte Repression gewertet werden. Im Allgemeinen gehören die Christen im Irak der Mittel- und Oberschicht an. So trafen sie wirtschaftlich bedingte Angriffe und Vertreibungen in höherem Maße.

In den 1990er Jahren setzte landesweit eine Auswanderungsbewegung der Christen in westliche Länder ein. Diese ist vor allem als Folge des UN-Embargo gegen das Baath-Regime zu werten.