zurück

Naher Osten

Krisen und Konflikte

Irak: Hilfe für die Opfer des Konflikts

„Wir beobachten täglich, wie sich die Situation entwickelt"

Ein junger Flüchtling im NordirakEin junger Flüchtling im NordirakFoto: Michael Stürzenhofecker/ Caritas international

Was bekommt man im Irak von der „Schlacht um Mossul“ mit?
Wir haben zuerst unsere Partner in Bagdad besucht, anschließend sind wir in die autonome Region Kurdistan geflogen. In Bagdad selber merkt man von der direkten Offensive nur wenig. Die Straßen sind gesäumt mit Märtyrerpostern, es gibt viele Checkpoints und es auch immer wieder kleinere Anschläge. Aber wenn man es nicht aktiv in den Medien verfolgt, merkt man im Alltag nur wenig; im Fernsehen laufen Endlosschleifen mit Berichten von der Front. Ähnlich ist es in der autonomen Region Kurdistan - auch wenn die Distanz zur Frontlinie dort sogar nochmal geringer ist.

Die kurdischen Peschmerga haben schon ganze Dörfer um Mossul herum befreit – wie sieht es dort aus?
Insbesondere in der Ninive-Ebene wurden schnell große Gebiete befreit. Aber die Sicherheitslage ist noch ziemlich instabil. Der IS ist dafür bekannt, dass er die Gebiete sehr stark vermint, in den Häusern viele Sprengfallen hinterlässt, sodass man zwar mit der Genehmigung des Militärs auf die Hauptstraße darf, diese aber nicht verlassen kann, weil es immer wieder zu Unfällen mit Minen und Sprengfallen kommt. Das heißt, die Menschen können noch lange nicht in ihre Häuser zurückkehren. Die Leute, die dort gewohnt haben und die dort noch ein Haus besitzen, dürfen nur von der Hauptstraße aus ihr Haus aus der Entfernung anschauen. Jetzt muss abgewartet werden, bis die Gebiete vollständig entmint sind, damit überhaupt eine Rückkehr möglich ist. Das kann ziemlich lange dauern.

Der Kampf um Mossul dauert jetzt schon sechs Wochen und niemand weiß wirklich wie lange er noch weitergeht. Was erwartet man, wenn Mossul vollständig befreit wird?

Bedarfsermittlung bei den VertriebenenCaritas-Mitarbeitende ermitteln, welche Hilfen die intern Vertriebenen im Irak benötigen.Foto: Kim Pozniak/ Catholic Relief Services

Mittlerweile ist man im Ortskern angekommen, man ist tatsächlich in der Millionenstadt Mossul. Jetzt folgt ein Straßen- und Häuserkampf, der sicherlich noch mehrere Wochen, vielleicht auch Monate dauern wird. Ganz genau kann man das nicht sagen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der IS aus Mossul vertrieben ist. Die große Frage ist tatsächlich: Was kommt danach? Man muss davon ausgehen, dass noch bis zu einer Million Menschen in Mossul leben. Das heißt – je nachdem, ob es humanitäre Korridore gibt, damit die Leute fliehen können – rechnet man mit einer großen Welle an intern Vertriebenen, die sowohl Richtung Kurdistan fliehen als auch in den Zentralirak, das heißt Richtung Bagdad. Die UN hat bereits mehrere Flüchtlingslager aufgebaut, diese sind aber zum Teil schon voll. Es werden also sicherlich auch viele Leute in Gastgemeinden oder in Rohbauten und informellen Siedlungen unterkommen und dort Zuflucht suchen.

Wie bereitet sich die Caritas Irak auf diesen drohenden Exodus – von bis zu einer Million intern Vertriebenen, mit denen die UN rechnet – vor?
Caritas Irak implementiert seit vielen Jahren Nothilfeprojekte und verfügt daher über sehr viel Erfahrung in diesem Bereich. Insbesondere ihr Freiwilligenprogramm, in dem über 300 Freiwillige bereit stehen, ist in genau solchen Situationen besonders wertvoll. Die meist jungen Erwachsenen verfügen über das notwendige Know-How und haben spezielle Ortskenntnisse. Diese Freiwilligen werden dann in Zusammenarbeit mit den hauptamtlichen Mitarbeitern eine erste Bedarfserhebung durchführen, um herauszufinden, welche Familien welche Bedürfnisse haben, wie viele Kinder, wie viele ältere Menschen, um dann die entsprechenden Hilfsgüter oder auch – wenn es möglich ist – Bargeld zu verteilen, damit die Leute sich selber versorgen können.

Hilfsgüterverteilung im NordirakDie intern Vertriebenen werden je nach Bedarf mit Hilfsgütern versorgt, etwa mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Decken.Foto: Michael Stürzenhofecker/ Caritas international

Die Nothilfe der Caritas Irak wird sich sowohl auf den Großraum Bagdad konzentrieren, als auch auf die kurdische Region. Die Leute werden beispielsweise mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln, Decken versorgt – je nachdem, was gebraucht wird, immer in Absprache mit den anderen Organisationen. Zum Glück gibt es im Irak funktionierende Märkte, sodass alle nötigen Hilfsgüter innerhalb weniger Tage besorgt werden können. Caritas international hat Caritas Irak dafür in einer ersten Phase 500.000 Euro zugesagt. Wir beobachten täglich, wie sich die Situation entwickelt.

 

Das Gespräch führte Mathias Birsens im Dezember 2016.