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Naher Osten

Krisen und Konflikte

Irak: Hilfe für die Opfer des Konflikts

„Wir müssen die Erinnerungen heilen!“

Derzeit muss man davon ausgehen, dass noch mehr als 400.000 Menschen  im Westen von Mossul gefangen sind.
Als vor einigen Monaten die Operationen zur Befreiung des Ostens von Mossul starteten, waren wir sehr besorgt, dass es zu einer Massenflucht kommen würde. Doch die Menschen blieben. Die Zahl der zivilen Opfer bei der militärischen Rückeroberung durch die irakische Armee und die alliierten Streitkräfte ist bis jetzt zum Glück noch nicht zu den erwarteten Schreckensszenarien gekommen. Natürlich war es schlimm, aber wir hatten noch Schlimmeres erwartet.
Doch jetzt haben wir die größte und härteste Herausforderung im Westen von Mossul vor uns, dieser Teil der Stadt stand absolut unter dem IS. Wir befürchten eine humanitäre Katastrophe, auf die sich die NGOs jedoch nicht ausreichend vorbereiten konnten, aufgrund fehlender Finanzmittel.

Erzdiakon Youkhana vor KarteErzdiakon Emanuel Youkhana, Leiter von CAPNI (Christian Aid Program North Iraq).Foto: Caritas international

Welche Szenarien sind wahrscheinlich, wenn der IS aus der Stadt vertrieben wird?
Viele Menschen im Westen denken, dass der Kampf gegen den IS rein militärisch ist und der Krieg gewonnen ist, sobald sie physisch bezwungen werden. Dieser Eindruck täuscht.
Denn die wirkliche Aufgabe und Herausforderung wird es sein, die entstandenen seelischen und mentalen Wunden zu heilen und das verlorene Vertrauen zwischen den verschiedenen Gruppierungen wieder aufzubauen.

 

Was sollten die nächsten Schritte sein, um Vertrauen wieder aufzubauen?
Jetzt muss alles überprüft werden, beispielsweise die Medien und die Inhalte der Lehrbücher in den Schulen. Vor allem die Medien müssen nun positiv genutzt werden, um Brücken zu bauen und die Menschen zu erreichen. Wissenslücken müssen gefüllt und geschlossen werden, um mit dem widerlichen Kapitel IS abschließen zu können.

Sind die irakische Bevölkerung und die Regierung genau hierfür vorbereitet?
Leider nicht! Wir haben keine Erfahrung, und keine Visionen. Mit "wir" meine ich die irakischen Politiker, die irakische Regierung.

zerstörtes HausNach UN-Angaben sind noch ca. 400.000 Menschen im Westteil Mossuls eingeschlossen. Der Caritas Irak gelang es Anfang April, die Menschen mit 2500 Überlebenspaketen zu unterstützen.Foto: Caritas international

Wie können sich NGOs wie CAPNI darauf vorbereiten?
CAPNI und andere Organisationen sind nun herausgefordert kritischer als in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit der Situation umzugehen. Zuvor war es einfacher für CAPNI, die Menschen davon zu überzeugen geduldig zu sein und ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben zu schenken. Doch nun stellt sich ganz klar die Frage: War es Hoffnung oder doch nur eine Illusion?
Vertrauen muss nun wieder aufgebaut werden. Insbesondere Christen, Yesiden aber auch liberale Muslime sind aus Mossul vertrieben worden, weil ihre Nachbarn sie verraten haben. Ihre Häuser und Kirchen wurden von IS Anhängern in der Nachbarschaft zerstört. Wir müssen die Erinnerungen heilen. Das ist ein sehr langer Prozess, den wir über die materiellen Hilfen hinaus mit den lokalen Kirchen, CAPNI und anderen Organisationen angehen müssen.

Wie ist die Situation der intern Vertriebenen im Nordirak?
Aktuell können wir erste Familien beobachten, die bereit sind in die weniger zerstörten Städte zurück zu kehren. Ich hoffe, dass mit der Hilfe der NGOs und den lokalen Kirchen alle Bevölkerungsgruppen motiviert werden können, in ihre Heimat zurück zu kehren. Es ist definitiv nicht leicht, aber es sollte irgendwo und irgendwann starten. Die Menschen möchten zurück in ihre Heimat, doch gibt es die Ressourcen um eine Rückkehr zu ermöglichen?

Wovor fürchten sie sich? Was sind ihre Bedenken?
Die Hauptbedenken der Menschen, die zurückgehen, gelten der Sicherheit. Sie wollen sichergehen,  dass so etwas nie wieder passieren wird. Es ist jetzt wichtig, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie sich wieder zu Hause fühlen können. Niemand würde das Leben seiner Familie, seiner Frau und seiner Kinder, riskieren und dorthin gehen, wo es unsicher ist.
Zudem müssen die Städte und Gemeinden von Minen und Sprengfallen geräumt werden. Die öffentliche Infrastruktur wie Schulen, Wasser- und Stromversorgung, als auch Verwaltungen sind häufig völlig zerstört. Die Schäden sind immens. 

Was macht CAPNI, um den Menschen beim Überleben zu helfen und ihnen Hoffnung zu geben  - an ihre Zukunft zu glauben?
Dafür brauchen wir Seminare, Konferenzen und Programme zur Friedensförderung. Die Medien müssen positiv genutzt und die Lehrer geschult werden, um das Vertrauen der Menschen wieder gewinnen zu können. Die Kirche hat im Irak eine über 2.000 Jahre alte Geschichte. Aber jetzt werden wir mehr gebraucht als jemals zuvor.
Jeder baut Mauern um sich auf, doch wir bauen Brücken!

Das Interview führte Anna Karantinaki im Februar 2017.