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Naher Osten

Krisen und Konflikte

Irak: Hilfe für die Opfer des Konflikts

"Eine Rückkehr nach Falludscha ist eine Rückkehr ins Nichts"

Rund 85.000 Menschen sind vor kurzem vor den Kämpfen zwischen der irakischen Armee und dem IS um die zentralirakische Staat Falludscha geflüchtet. Sie stecken nun in Flüchtlingslagern im Osten der Provinz Anbar nahe Bagdad fest. Wie ist die Lage der Menschen dort im Moment?

Nahost-Referentin Angela GärtnerIrak-Referentin Angela GärtnerCaritas international

Man geht aktuell von rund 66 Flüchtlingscamps oder informellen Siedlungen aus, in denen die Menschen untergekommen sind. Dort gibt es nicht genügend Zelte für alle und die vorhandenen bestehen eigentlich nur aus einfachen Planen und sind damit überhaupt nicht für die sommerlichen Temperaturen ausgelegt. Die Zelte wirken zwar groß, aber wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich drei bis vier Familien so ein Zelt teilen müssen, weiß man, dass sie komplett überbelegt sind. Dazu kommt, dass die Temperaturen tagsüber auf  über 50 Grad Celsius steigen. Die Zelte haben zudem keinen Bodenbelag und die meisten Menschen haben keine Matratzen - sie liegen auf dem nackten Boden.

Ein weiteres Problem ist, dass es keine Brunnen gibt. Die Menschen sind auf Hilfe von außen, auf Wassertanklaster angewiesen. Die kommen zwar regelmäßig, aber die Menge an Wasser, die sie mitbringen, reicht bei weitem nicht aus. Zudem verfügen die Menschen nicht über Kanister, um sich mit Wasser zu versorgen. Die sanitäre Infrastruktur ist fatal, es gibt viel zu wenige Latrinen. In den Lagern herrscht eine extreme Perspektivlosigkeit, alle dort haben sehr viel Gewalt erlebt - das hinterlässt Spuren.

Die irakischen Sicherheitskräfte lassen die Flüchtlinge nicht nach Bagdad und auch viele Hilfswerke können die Flüchtlinge nicht erreichen. Was kann Caritas international in dieser schwierigen Situation tun, um den Menschen zu helfen?

Lokale Mitarbeiter sprechen mit den GeflüchtetenLokale Mitarbeiter versuchen herauszufinden, was jetzt am Dringendsten gebraucht wirdCaritas Iraq

Die Sicherheitslage ist sehr schwierig. In diesen sogenannten Hot Areas, frisch befreite Gebiete oder Gebiete in der Nähe von akuten Kämpfen,  können nur wenige Organisationen arbeiten. Hierzu sind Vertrauensbeziehungen zu den Sicherheitskräften, dem Militär und zu den sunnitischen Stammesführern, die die Camps leiten, nötig. Caritas Irak konnte sich diese Kontakte in den letzten Jahren aufbauen und wird - obwohl sie eine christliche Organisation ist - von allen Seiten als neutral wahrgenommen und respektiert. Dadurch konnte sie sich schnell ein Bild von der Lage vor Ort verschaffen. Die Menschen brauchen jetzt dringend ergänzende Nahrungsmittel, Zeltplanen und irgendwas, auf dem sie schlafen können, außerdem Ventilatoren - damit die Temperatur in den Zelten erträglich wird. Darüber hinaus werden unbedingt Hygieneartikel, Kanister, um Wasser holen zu können, ein Basis-Set an Haushaltswaren, um kochen zu können, und deutlich mehr Latrinen gebraucht. Eine Betreuung für die vielen Kinder, die häufig schlimme Gewaltszenen miterleben mussten, ist ebenfalls dringend erforderlich. Hilfe zu leisten ist logistisch eine extreme Herausforderung. Alle Hilfsgüter müssen mit leichten Lastwagen über die Euphrat-Brücke gebracht werden, die aus Sicherheitsgründen nur ein paar Stunden am Tag geöffnet ist. Die größte Herausforderung sind allerdings die fehlenden Finanzmittel. Die Vereinten Nationen haben einen Bedarf von 65 Millionen US-Dollar benannt. Bisher gibt es nur Zusagen für weniger als ein Viertel dessen.

Für unser Projekt in Falludscha haben wir 500.000 Euro an Unterstützung bereitgestellt. 250 000 Euro kommen vom Erzbistum Freiburg, die andere Hälfte stammt aus Spenden. Hiermit können wir 1000 Familien für fünf Monate versorgen. Wir sind nicht die einzige Nichtregierungsorganisation vor Ort, aber in den Camps leben insgesamt 85.000 Menschen. Es braucht viel mehr Geld, damit allen geholfen werden kann - und hier geht es um das reine Überleben. Bei den hygienischen Zuständen und Temperaturen ist es nur eine Frage der Zeit, bis die die ersten  größeren Krankheitswellen ausbrechen, zumal die Leute von der Flucht sehr geschwächt sind. Eine gute Hygiene- und Wasserversorgung könnte das verhindern.

Inzwischen hat die irakische Regierung Falludscha für befreit erklärt. Gibt es Hoffnung, dass die Flüchtlinge bald in ihre Heimatstadt zurückkehren können?

Ein Junge trägt einen WasserkanisterWasser ist rar im Flüchtlingscamp nahe BagdadCaritas Iraq

Eine Rückkehr nach Falludscha ist eine Rückkehr ins verminte Nichts. Durch den IS und die Rückeroberung sind die Infrastruktur und die Wohnhäuser größtenteils zerstört. Man muss davon ausgehen, dass der  IS die Stadt mit Minen gespickt hat. Viel hängt natürlich davon ab, was im gesamten Land passiert. Der Irak ist extrem stark zersplittert, sowohl entlang ethnischer als auch entlang konfessioneller Linien. Der aktuellen Regierung ist es bisher nicht gelungen etwas Einendes zu schaffen. Stattdessen werden die Gräben immer tiefer. Der Irak ist ein Land mit sehr vielen ethnischen Gruppen - die bekanntesten sind die Schiiten und Sunniten, aber es gibt auch noch eine Vielzahl an christlichen Minderheiten, die Jesiden und die Kurden. Das Vertrauen untereinander wurde in den letzten zwei Jahren weiter untergraben und viele wollen daher nicht mehr mit anderen Gruppen zusammenleben. Der Einsatz der regionalen Mächte wie Iran, Saudi-Arabien und die Arabischen Emirate für eine Lösung des Konflikts ist ebenso wie der der restlichen Weltgemeinschaft im Moment nicht ausreichend. So lange sich an dieser Situation nichts ändert, wird sich die humanitäre Situation weiter verschlimmern. Bis Ende des Jahres rechnet man mit rund 12 Millionen Irakern, die auf humanitäre Unterstützung angewiesen sind. Es bleibt viel zu tun - und das wahrscheinlich über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.

Juli 2016 / Interview: Mathias Birsens