zurück

Naher Osten

Flucht und Migration

Israel / Palästina: Integration von Asylsuchenden

Sozialarbeit am Limit

Kindergärtnerin des Jaffa InstituteEine Kindergärtnerin des Jaffa Institute bei der Beschäftigung mit einem Migrantenkind.Foto: Caritas international

Wer es bis nach Israel geschafft hat, genießt Schutz vor Zwangsabschiebung. Soweit so gut. Sehr viel mehr allerdings können die rund 60.000 Flüchtlinge, vorwiegend aus Eritrea und dem Süd-Sudan, in Israel nicht erwarten. Ihr rechtlicher Status ist völlig ungeregelt. Seit Jahren schweben die Verhandlungen auf politischer Ebene zum Thema Duldung und Asylrecht. Ungeregelt bedeutet, dass es keine Rechtsansprüche auf soziale Leistungen gibt. Immerhin aber ermöglicht die Stadtverwaltungen von Tel Aviv und Eilat den Geflüchteten Zugang zu humanitärer Hilfe und Schulbildung für die Kinder.

Die meisten Asylsuchenden und Arbeitsmigranten leben in den Armutsvierteln Süd-Tel Avivs und versuchen hier ihr Überleben zu sichern. Fast immer in der Schattenwirtschaft des Dienstleistungsbereichs - in Restaurants, als Haushaltshilfen, als Putzkräfte. Und sie arbeiten vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Auf der Strecke bleiben dabei die Kinder. Die Eltern haben schlichtweg keine Zeit und Möglichkeit, sich um sie zu kümmern. Und so haben die Familien in ihrer Not ein eigentlich soziales Netzwerk gebildet, das sich aber durch die extrem harten Umstände zum schockierenden Szenarium entfaltet.

Das System nennt sich „Babysitter“. Die Tagesmütter sind Flüchtlingsfrauen, die Kinder für einen minimalen monatlichen Beitrag bei sich aufnehmen. Daher müssen sie so viele Kinder betreuen, wie irgend möglich. Bis zu neunzig Kinder, vom Säugling bis zum Schulkind werden in kleinen, meist völlig heruntergekommen Häusern von zwei Frauen beaufsichtigt – oder besser gesagt: verwahrt. In den migrantischen Armutsbezirken Tel Avivs gibt es etwa achtzig dieser Kinderkrippen.

Nachdem Anfang 2015 in kürzester Zeit fünf Babys zwischen vier und acht Monaten in diesen Krippen gestorben sind, reagierte die Öffentlichkeit entsetzt. Zwei der Kinder sind an den Babyfläschchen erstickt, die ihnen an den Kopf gebunden wurden. Die vollkommen überforderten Tagesmütter konnten nicht die Zeit aufbringen, die Babys einzeln zu füttern. Ein Kleinkind hatte sich im Gitterbettchen eingequetscht, eines starb an Unterernährung.

Es ist die pure Not, die für die Zustände verantwortlich ist. So kann es auch nicht darum gehen, die Frauen zu kriminalisieren – es müssen Lösungen gefunden werden. Dass das Jaffa Insitute überhaupt Zugang zu diesen Häusern hat, verdanken die Mitarbeiter/innen der Partnerorganisation von Caritas international dem Vertrauen, das die „Babysitter“ den Sozialarbeiter entgegen bringen. Denn die Angst der Frauen ist groß, beschuldigt und in der Öffentlichkeit angeprangert zu werden. Und dass letztlich ihr Haus, die Notlösung für viele Flüchtlingsfamilien und die einzige Einnahmequelle der Babysitterinnen, geschlossen wird.

Fluchtinstinkt

Es ist die Ruhe, die verstört. In dem runtergekommenen kleinen Haus in einem der Armenviertel Tel Avivs, in dem etwa siebzig bis achtzig Babys und Kleinkinder zusammengepfercht aufbewahrt werden. Der Gestank raubt den Atem, Hitze und Sauerstoffmangel beherrschen das zweistöckige Haus mit seinen insgesamt vier engen Zimmern. Der Impuls, auf dem Absatz kehrt zu machen und diese Welt erst gar nicht betreten zu wollen, ist nur schwer zu unterdrücken.

Afrikanische Flüchtlingskinder in einer völlig überbelegten Kinderkrippe.Afrikanische Flüchtlingskinder in einer völlig überbelegten Kinderkrippe.

Im ersten Stock stehen unzählige Gitterbettchen, Kante an Kante zusammengeschoben wie in einem Möbellager, in jedem liegt ein Baby. Das Schreien scheinen sie schon aufgegeben zu haben. Es ist sinnlos, soviel haben sie bereits gelernt. Bestenfalls ein Wimmern ist zu vernehmen, alle anderen liegen apathisch in den Bettchen. Auf der engen Treppe in den zweiten Stock schleifen etwas größere Kinder riesige Pakete mit Windeln herunter. Oben sitzen dicht gedrängt die Kleinen im Kindergartenalter um einen Tisch und auf dem Boden. Einige von ihnen haben ein Blatt und einen Stift ergattert und malen, andere tun – nichts. Spielzeug, Spielgeräte: Fehlanzeige. Der Besuch hier ist kurz und doch lang genug. Gespräche zu führen, ist nicht gewünscht, ebenso wenig wie fotografieren.

Issachar Dror, der Projektmanager vom Jaffa Institute, erläutert später mehr zu den Hintergründen. Zum Beispiel, dass die Kinder häufig kaum sprechen können. Ihre Muttersprache lernen sie quasi gar nicht, weil ihre Eltern durch die langen Arbeitszeiten schlichtweg abwesend sind. Von anderen Kindern hören sie bestenfalls Kauderwelsch, denn sie kommen aus verschiedenen Ländern oder Regionen und auch ihr Sprachvermögen ist äußerst eingeschränkt. Auch das Spielen, das Malen, die Motorik, ja das Kommunizieren überhaupt ist für viele fremd. Vor allem bei den Kleinkindern ist die Entwicklung gestört.

Diesen untragbaren Zustände will das Jaffa Institute mit einem neuen Projekt begegnen. Die Organisation ist auf die Stadtverwaltung Tel Avivs zugegangen und konnte erwirken, dass ab dem kommenden Jahr ein umfassendes Betreuungsprogramm aufgelegt wird. Die neuen Kindergrippen werden alle Standards erfüllen, um die Entwicklung der Kinder zu fördern und eine sichere Umgebung zu schaffen. So leitet das Jaffa Institute Ausbildungsangebote für die Babysitterinnen. In den Kinderkrippen wird der Betreuungsschlüssel gestaffelt sein: Für je sechs Säuglinge ist eine Erzieherin vorgesehen, ab dem zweiten Lebensjahr kümmert sich eine Erzieherin um neun, und ab drei Jahre um zwölf Kleinkinder. In jedem der Kindergärten mit der Mindestgröße von 250 Quadratmeter sollen höchstens 85 Kinder betreut werden. Zudem wird für alle medizinischen Untersuchungen und Behandlungen gesorgt.

Not sehen und handeln: Nach dieser Devise handelt auch das Jaffa Institute.

Monika Hoffmann, Oktober 2015

Caritas international unterstützt die Arbeit der israelischen Partnerorganisation Jaffa Institute in den Schulen mit  Bildungs- und Freizeitprogrammen für Migrantenkinder.