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Naher Osten

Situation

Jordanien: Humanitäre Hilfe für Flüchtlinge

Flüchtlingsfrau erhält Hilfe von Caritas Mitarbeiterin in JordanienEine Flüchtlingsfrau erhält Hilfe im Caritas Sozialzentrum in Irbid, Jordanien. Foto: Caritas international / Jennifer Ciochon

Rund 11,5 Millionen Syrer/innen mussten vor dem Krieg in ihrer Heimat fliehen. Knapp sieben Millionen irren auf der Suche nach Schutz im eigenen Land umher und fünf Millionen flohen ins Ausland, die Mehrheit von ihnen in die Nachbarländer. In Jordanien leben, nach dem letzten nationalen Zensus aus dem Jahr 2015, rund 1,26 Millionen Syrerinnen und Syrer - 90 Prozent davon in Armut. Beim UN-Flüchtlingshilfswerk sind offiziell 657.000 syrische Flüchtlinge registriert.

Auch aus dem Irak flohen seit 2014 tausende Menschen vor dem sogenannten Islamischen Staat (IS) ins Nachbarland Jordanien.

Verlorene Heimat 

Die Erinnerungen an ihre Heimat - für viele der syrischen und irakischen Flüchtlinge im Land sind es Erinnerungen an ein Leben, das es so nicht mehr gibt. Sie haben alles verloren und sind oft seit mehreren Jahren auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die meisten hätten sich in ihren schlimmsten Albträumen niemals vorstellen können, über Jahre als Flüchtling in einem fremden Land zu leben. Und das unter schwersten Bedingungen in einer politischen Dauerkrise, die zur Zerreißprobe für den Nahen Osten wird. Die Betroffenen leben in Flüchtlingscamps oder spärlich eingerichteten Wohnungen und haben in der Regel aufgrund der fehlenden Arbeitserlaubnis kein Einkommen. Die Ersparnisse, von denen viele am Anfang der Krise noch zehren konnten, sind nach jahrelanger Krise aufgebraucht. Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit zermürben die Menschen. Der Kampf ums tägliche Leben trifft vor allem die Kinder: Fehlende Schulbildung und mangelnde Förderung nehmen auch ihnen die Zukunftsperspektiven. Viele Eltern bewegen sich am Rande ihrer Belastbarkeit und brauchen psychosoziale Unterstützung, um mit den anhaltenden Existenzängsten und dem Leben als Flüchtling in einem fremden Land zurechtzukommen. Langfristig kann deshalb nur eine politische Lösung der Konflikte in Syrien und dem Irak das Leiden der Menschen beenden.

Humanitäre Dauerkrise

Menschen im Wartebereich des Caritas Sozialzentrums in Hashmi Jordanien.Syrische und irakische Flüchtlinge als auch Jordanier erhalten Unterstützung in den Sozialzentren der Caritas Jordanien. Foto: Caritas international / Jennifer Ciochon

Trotz weitreichender Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft reichen die finanziellen Mittel nicht aus, um alle in Jordanien lebenden Flüchtlinge angemessen zu versorgen. Ausgaben zur Beherbergung der Flüchtlinge machen einen beträchtlichen Anteil des jordanischen Staatshaushaltes aus und drohen zur politischen Instabilität zu führen. Auch die jordanische Bevölkerung leidet immer mehr unter der Situation. In den vom Flüchtlingszuzug besonders betroffenen Regionen haben sich die Preise für Mieten, Lebensmittel und andere Güter fürs tägliche Leben drastisch erhöht. Gleichzeitig gibt es mehr Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Insbesondere Hilfstätigkeiten auf dem Bau oder in der Landwirtschaft werden deutlich geringer entlohnt als vor der Krise. Rund 900.000 Jordanierinnen und Jordanier - 14 Prozent der Bevölkerung - leben unterhalb der Armutsgrenze. In einigen Gemeinden übersteigt die Anzahl der Flüchtlinge die der ursprünglichen Einwohner. Trotz eines mehrheitlich friedlichen Zusammenlebens kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Flüchtlingen. Auch deshalb werden in den meisten Flüchtlingsprojekten von Caritas international in Jordanien 30 Prozent besonders bedürftige Jordanier berücksichtigt.

Irakische Flüchtlinge besonders hart getroffen

Eine irakische Flüchtlingsfrau sitzt gemeinsam mit ihrer Tochter auf dem Bett in ihrer Unterkunft in Jordanien. Die 67-jährige Mariam Yousef Matti floh im September 2014 mit ihrer 47 Jahre alten geistig behinderten Tochter aus der irakischen Stadt Mosul nach Jordanien. Foto: Caritas international / Jennifer Ciochon

Zusätzlich zu den syrischen Flüchtlingen, auf die sich die internationale Aufmerksamkeit konzentriert, beherbergt Jordanien auch eine große Anzahl Iraker/innen. Viele kamen schon nach dem ersten und zweiten Golfkrieg in den 80er und 90er nach Jordanien oder flohen vor der ausufernden Gewalt nach der amerikanischen Invasion im Jahr 2003. Die Offensive des sogenannten Islamischen Staates (IS) 2014 und das brutale Vorgehen der IS-Kämpfer gegen Teile der Zivilbevölkerung löste eine weitere Fluchtwelle aus. Die Mehrheit der Iraker/innen sucht im, von Kurden kontrollierten, Nordirak Zuflucht, doch auch Jordanien wurde zum Ziel der Menschen. Im August 2016 waren rund 55.000 irakische Flüchtlinge offiziell bei UNHCR registriert, die tatsächliche Zahl der Iraker im Land wird jedoch auf über 200.000 geschätzt. Im Gegensatz zu syrischen Flüchtlingen bekommen Iraker weder Nahrungsmittelhilfen von den Vereinten Nationen noch eine ausreichende medizinische Versorgung durch die jordanische Regierung. Irakische Flüchtlinge haben deshalb ein besonders hartes Schicksal und brauchen dringend zusätzliche humanitäre Hilfe. Nur wenige humanitäre Organisationen in Jordanien kümmern sich um die besonders bedürftigen Iraker, die Caritas ist eine von ihnen.

Fehlendes Recht auf Arbeit

Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, sind Flüchtlinge auf prekäre Jobs, Tagelöhnertätigkeiten oder Dienstleistungen im Haushalt angewiesen. Die Bezahlung ist unterdurchschnittlich und die Wenigsten haben eine offizielle Arbeitserlaubnis. Ausbeutung und Missbrauch stehen deshalb auf der Tagesordnung. Fehlende Einkommensmöglichkeiten führen auch dazu, dass viele Familien ihre Kinder nicht zur Schule schicken können. Sie haben nicht genug Geld für Schulmaterialien, Bücher, Uniformen und den Transport. 90.000 Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter besuchen deshalb keine Schule. Der Anteil von Kindern, die arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen oder gänzlich dafür aufzukommen, wächst stetig. Familienväter, die es in ihrer Heimat gewohnt waren, für die Versorgung ihrer Familien aufzukommen, leiden besonders darunter, nicht arbeiten zu dürfen. Eine hohe Frustration, veränderte Familienstrukturen und auch häusliche Gewalt sind die negativen Folgen.

Ergebnisse internationale Geberkonferenz für Syrien

Der verbesserter Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge in Jordanien wurde auch bei der internationalen Geberkonferenz für Syrien, die im Februar 2016 in London stattfand, diskutiert. In diesem Rahmen sagte Jordanien zu, zukünftig offizielle Arbeitserlaubnisse für syrische Flüchtlinge auszustellen - 50.000 im laufenden Jahr und bis zu 200.00 in den kommenden Jahren. Allerdings ist vorgesehen, dass Syrer/innen lediglich im Baugewerbe, der Landwirtschaft und dem Dienstleistungs- oder Reinigungsgewerbe arbeiten dürfen. Zudem sind die Zusagen an die versprochene finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft sowie die Öffnung des europäischen Marktes für jordanische und syrische Produkte geknüpft. Es wird sich deshalb erst in der praktischen Umsetzung zeigen, ob die Vereinbarung den Flüchtlingen den Weg zu einem regelmäßigen und legalen Einkommen erleichtert.

März 2017