zurück

Naher Osten

Flucht und Migration

Libanon: Migranten und Flüchtlingen beistehen

Notinsel für ausgebeutete Arbeitsmigrantinnen

„Meine Mutter erzählte schon immer, dass ich eine Träumerin gewesen sei. Schon als kleines Mädchen war ich mit meinen Gedanken oft woanders. Ich glaube es war daher für mich ganz natürlich vom Leben im Ausland zu träumen, um so den harten Lebensbedingungen auf den Philippinen zu entkommen,“ berichtet Louella rückblickend.

Nirmala, Leiterin des „Laketsha Shelter“, ehemals selbst Betroffene.Nirmala, Leiterin des „Laketsha Shelter“, ehemals selbst Betroffene.Foto: Caritas Libanon

Tatsächlich hat es sie in ein fremdes Land verschlagen. Eine Arbeitsagentur vermittelte die junge Frau als Hausmädchen in den Libanon. Doch statt der großen weiten Welt erwartete sie ein Albtraum. In den ersten Wochen schien ihr Arbeitgeber – eine reiche, einflussreiche Familie in Beirut – es gut mit ihr zu meinen.

Doch dann begann man Louella für kleine Missgeschicke im Haushalt zu bestrafen: „Zunächst begriff ich gar nicht, was mit mir geschah. Die Schläge und all das andere, was sie mir angetan haben.“ Noch immer fällt es dem ehemaligen Hausmädchen schwer, über das Erlebte zu sprechen.

Hoffnungslos erschien Louella die Flucht, sie dachte an Selbstmord, doch sie wusste: Wenn sie sich das Leben nehmen würde, würde ihre Familie nie erfahren, was sie durchlebt hatte. Louella hielt durch und wurde in dieser ausweglosen Situation schließlich von der Caritas aufgefunden. Jemand hatte der Organisation einen Tipp gegeben.

Louella wurde nach ihrer Befreiung im sogenannten „Safe House“ untergebracht. Das sichere Frauenhaus ist eines der fünf Häuser, in denen Frauen in prekären Situationen Unterstützung und Schutz erfahren.

Hier wurde die gebürtige Philippinin mit anderen Migrantinnen, die ein ganz ähnliches Schicksal durchlebt haben, von Caritas-Mitarbeitern betreut. Da ist zum Beispiel Nirmala, die eine jener Einrichtungen leitet und das Leid der Frauen gut kennt. Sie selbst kam damals in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in den Libanon und wurde bitter enttäuscht. Mit Hilfe der Caritas konnte sie wie Louella auch von der Willkür ihres Arbeitgebers entkommen. Jetzt, als Leiterin des „Laketsha Shelter“, kann sie selbst aktiv helfen. „Ich lebe hier mit den Frauen, das heißt ich bin 24 Stunden für die Bewohnerinnen da. Die wichtigste Unterstützung ist, eine Art Familiensinn zu stiften und die vielen seelischen Wunden so gut es geht zu heilen.“

Das gemeinsame Kochen bringt ein Stückchen Normalität in den Alltag der jungen Frauen zurück. Das gemeinsame Kochen bringt ein Stückchen Normalität in den Alltag der jungen Frauen zurück. Foto: Caritas Libanon

Alle fünf Einrichtungen sind deshalb mehr als nur eine Unterkunft, in denen die Frauen ihre Zeit absitzen. Ein klar strukturierter Alltag mit regelmäßigen Aktivitäten wie beispielsweise gemeinsames Kochen hilft ihnen, sich mit der oft ungewissen Zukunft zu arrangieren. Die Sozialarbeiter unterstützen die traumatisierten Migrantinnen nicht nur auf psychosozialer und medizinischer Ebene. Sie helfen den Bewohnerinnen der Häuser auch bei rechtlichen Fragen: Gibt es die Möglichkeit auf einen legalen Job? Oder ist die Rückkehr in die Heimat eine bessere Option?

Louella ist inzwischen in ihr Heimatdorf zurückgekehrt und hat ein kleines Geschäft eröffnet. Sie hat ein neues Leben auf den Philippinen begonnen und feiert diesen Neubeginn als ihren „zweiten Geburtstag“, der im Libanon begann: „Den 12. Juni feire ich wie meinen Geburtstag, denn es ist der Tag an dem ich mein Leben zurückbekommen haben. Es ist der Tag an dem mich Caritas gefunden hat. Ich glaube nicht, dass ich ein Vorbild bin, aber meine Geschichte zeigt, dass es Hoffnung für all die anderen Mädchen weltweit gibt, die dasselbe wie ich durchlebt haben.“

Dezember 2014