zurück

Naher Osten

Krisen und Konflikte

Syrien: Humanitäre Hilfe im Konflikt

Jordanien: Hilfe mit Herz und Hand für syrische Flüchtlinge

Portrait einer FrauRosan Kurdi ist aus Syrien nach Amman geflohen, in die Hauptstadt Jordaniens. In der innerstädtischen Unterkunft kennt sie niemanden.Patrick Nicholson

"Ich kann meinen Alltag nicht beschreiben. Er ist leer.” Rosan Kudi ist aus Syrien geflohen, ohne ihren Mann: "Ich besitze nichts, ich habe nichts zum Kochen, und ich kenne hier niemanden. Mein Mann ist in Syrien gefangen. Von meinem Kind einmal abgesehen bin ich völlig alleine."

Mit ihrem Sohn kam sie in einem kleinen Raum in einem Palästinensischen Flüchtlingscamp in der Stadt unter. Inzwischen hat sie sich mit einer Nachbarin angefreundet, die auf ihren kleinen Jungen schon einmal aufpasst, wenn sie in der Stadt eine Arbeit sucht. Sie wird von Mitarbeitern des Flüchtlingszentrums der Caritas aufgesucht und mit dem nötigsten unterstützt: Lebensmittelgutscheine, Decken, und ein offenes Ohr für ihre Sorgen.

Suhad Zarafili, die Leiterin die Leiterin des Migrant Center, erzählt, dass viele Männer ihre Familien über die Grenze bringen und dann zurückkehren, um zu kämpfen. Dies fordert viel von den Frauen, die plötzlich alle Verantwortung tragen. Sie müssen in einem fremden Land den Alltag bewältigen, die Kinder versorgen, Flucht, Gewalt, Traumatisierung verarbeiten. Rund 80 Prozent der Flüchtlinge aus Syrien sind Frauen, rund die Hälfte sind Kinder.

Die Migrationszentren der Caritas laufen rund um die Uhr

In Jordanien unterhält die Caritas sieben Flüchtlingszentren, in Mafraq, Ramtha, Irbid, Zarqa, Amman, Karak und Salt. Dort werden syrische Flüchtlinge sowie besonders bedürftige Jordanier mit Nahrungsmitteln, Bettwaren, Gaskocher und Hygieneartikeln versorgt. Zudem machen Psychologen und  Sozialarbeiter der Caritas Jordanien Hausbesuche, um die Menschen in den privaten Unterkünften zu erreichen. "Es ist wichtig, dass die Menschen ihr Essen selbst auswählen können, das ist ein Zeichen der Würde", macht Suhad Zarafili deutlich, die Leiterin des Migrant Center in der Hauptstadt Amman. Hier arbeiten 150 Caritas Mitarbeiter/innen. Unterstützt wird werden die jordanischen Kolleginnen durch derzeit 1.100 Freiwillige.

Was Jameel Dababneh, Leiter der Caritas-Station in Mafraq,  und die vielen anderen Caritas-Mitarbeiter in Jordanien in diesen Wochen und Monaten leisten, ist beeindruckend. "Wir geben ihnen Lebensmittel, Seife, Shampoo und Medikamente, aber das wichtigste ist eine Unterkunft. Selbst in Garagen, Kellern und Scheunen geht es ihnen besser als in einem Lager unter einer Zeltplane", weiß Jameel Dababneh.
Caritas international unterstützt seit Monaten die Hilfe für die Flüchtlinge in der Region. Bisher gelang es, die Menschen würdig unterzubringen: bei Familien, die ein Zimmer zur Verfügung stellen konnten, in umgebauten Garagen oder hergerichteten Gemeindezentren. Es ist nicht weniger als der Versuch, die Würde der Menschen, die durch einen brutalen Bürgerkrieg zur Flucht aus ihrer syrischen Heimat gezwungen wurden, zu erhalten.

Würdevolle Flüchtlingshilfe 

Worum es dabei geht, macht die 18-jährige Hessan deutlich, die mit ihrem 15 Monate alten Sohn in einem Keller in Mafraq untergekommen ist: "Ich will nicht als Flüchtling bezeichnet werden. Ich bin ein Mensch". Die individuelle Form der Unterbringung  ist spätestens seit Mitte 2012 nicht mehr für alle Flüchtlinge möglich. Die Kapazitäten in den Städten und Gemeinden sind weitgehend erschöpft. Seither werden im Land Flüchtlingslager errichtet, um den Ankommenden eine Anlaufstelle zu bieten.
Die Caritas versucht wo immer möglich die bisherige individuelle Unterstützung aufrecht zu erhalten. Denn so können die Flüchtlinge Kontakte knüpfen, arbeiten und ihren Alltag selbst planen. Vor allem nach den schrecklichen Erfahrungen, die viele gemacht haben, ist dies enorm wichtig. "Wir leisten auch psycho-soziale Unterstützung für Menschen, insbesondere für Kinder", sagt Jameel, "bisher haben wir mehr als 120 leidende Kinder mit schweren psychischen Traumata registriert und betreut. Ich wünschte, wir könnten mehr tun."

porträt eines Flüchtlingsmädchens in der SchulklasseDie Hälfte aller Flüchtlingskinder gehen nicht zur Schule. In Jordanien sorgt die Caritas dafür, einige Kinder wieder lernen können.Michael Brücker

Wichtig für alle Flüchtlingskinder ist es, wieder ein Stück Normalität zu erleben. Dazu gehört auch der Schulbesuch. Die lokale Caritas hat das für zumindest 350 Kinder erreichen können. Sie gehen drei Stunden täglich dreimal  pro Woche in die Schule. Ein Team von zwölf Lehrern und acht  Betreuer/innen vermitteln ihnen den Unterrichtsstoff.

80 Prozent der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Manche Männer harren auf ihrem Grund und Boden aus, um das Eigentum zu schützen, andere sind zwangsverpflichtet worden für den Krieg. Die Frauen sind geflohen, um ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Um Hilfe zu bitten ist nicht leicht für sie. Viele erzählen davon, wie es ist, sich so schwach zu fühlen. Wie schwer es ihnen fällt, die Hand aufzuhalten. Sie, die als Bäuerinnen, Ärztinnen, Handwerkerinnen oder Krankenschwestern gewohnt sind, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien mit der eigenen Hände Arbeit zu verdienen.

Jeder kann zum Flüchtling werden

Was sicher hilft, das ist, wenn der Helfer schon selbst einmal auf Hilfe angewiesen war. Wenn er selbst ein Flüchtling war. So wie Aamer Khuweiled. Er kam vor zehn Monaten mit seiner Familie als Flüchtling in Jordanien an, weil sein Haus zerschossen worden war. 126 Euro hatte er in der Tasche. Als er nach Hilfe fragte, schickten ihn die Leute zur Caritas in Mafraq. Mit Lebensmitteln und ärztlicher Hilfe fing es an. Heute arbeitet der 25-jährige Muslim als Freiwilliger bei Caritas. Er spricht mit den neuankommenden syrischen Flüchtlingen, fragt nach ihrer Geschichte und was sie brauchen, hilft überall, wo Not am Mann ist. "Es ist gut, etwas zu tun", sagt Amer Khuweiled. "Das gibt mir Kraft, unser Schicksal zu ertragen."
Amer ist einer von vielen. Dr. Joman Al-Butani kam vor fünf Jahren aus dem Irak nach Jordanien. Damals fanden 700.000 Iraker nach Jordanien. Dr. Al-Butani war eine von ihnen. Heute arbeitet sie als Ärztin bei Caritas, untersucht Schussverletzungen, gibt Medikamente bei chronischen Erkrankungen und überweist Gebärende ans Hospital. "Ich weiß, wie es ist Hilfe zu brauchen", sagt sie. Jetzt gibt sie Hilfe. In Jordanien wissen alle Mitarbeiter: Jeder kann zum Flüchtling werden.

Um den Spannungen im Land entgegenzuwirken, bot die Caritas für 15 syrische und zehn jordanische junge Erwachsene Workshops in den Zentren in Mafraq, Zarqa und Irbid an. Gemeinsam wurden sie in Friedensbildenden Maßnahmen unterrichtet, um gemeinsame Nothilfe leisten zu können.

Die aktuell laufenden Projekte von Caritas international in Jordanien erreichen 42.000 Menschen.

März 2013

Unser besonderer Dank gilt der HIT-Stiftung "Kinder brauchen Zukunft", die die Hilfen der Caritas für syrische Flüchtlinge in Jordanien großzügig unterstützt.