zurück

Naher Osten

Krisen und Konflikte

Syrien: Humanitäre Hilfe im Konflikt

Nur die Angst gibt es im Überfluss

Familien, die nirgendwohin zurück können, suchen auf den staubigen Straßen des syrischen Aleppos Schutz vor der Sonne - und, was hier das wahre Übel ist, vor den heftigen Kämpfen zwischen Regierungstruppen und oppositionellen Kräften im Ostteil der Stadt.

Kinder sitzen unter einer PlastikplaneLeben mit dem Allernötigsten: Diesen Kinder fehlt es an fast allemCaritas Syrien

Ein Vater kümmert sich um seine vier Kinder. Jedenfalls so gut es geht, nachdem sie vor den Gefechten aus ihrem Zuhause fliehen mussten. Ihre Mutter ist dabei ums Leben gekommen. Bei dem Lärm in der Nähe einschlagender Granaten fangen die Kinder völlig verängstigt zu zittern an. Der Vater gibt seinen Kindern Brot und Tomatensauce. Es ist das einzig Essbare, was er finden konnte. Er lädt das Caritas-Team ein, die Mahlzeit mit ihnen zu teilen - die einzige Nahrung, die sie besitzen. "Wir vernachlässigen unsere Traditionen nicht, selbst in einer schwierigen Situation", sagt er. Die vor dem Krieg größte Stadt Syriens war die meiste Zeit des seit fünf Jahren andauernden Konflikts in Gebiete aufgeteilt, die entweder von Regierungstruppen oder Oppositionellen gehalten wurden. Durch die Intensivierung der Kämpfe sind 250.000 Menschen im von Rebellen kontrollierten Ostteil der Stadt eingeschlossen, während die, die in Häusern in der Nähe der Gefechte gelebt haben, sie fluchtartig verlassen haben.

Mitarbeiter der Caritas Aleppo haben 150 Familien getroffen, die fliehen mussten und jetzt in  vergleichsweise sicheren Teilen der Stadt auf der Straße leben. Die meisten Kinder haben Hunger. Die Eltern können keine Lebensmittel kaufen. In der ganzen Stadt kann kaum noch etwas Essbares aufgetrieben werden. "Ich sah einen kleinen Jungen, der einen Fremden anflehte, ihm einen Bissen von seinem Sandwich zu geben, um seinen leeren Magen zu füllen", sagt Fadel, Caritas-Mitarbeiter in Aleppo.

"Ich bin sehr traurig, dass diese Menschen aus ihren Häusern fliehen mussten, um dem Tod zu entkommen", sagt Rana, die ebenfalls für die Caritas Aleppo arbeitet. "Es tut mir im Herzen weh, diese Kinder zu sehen. Sie haben nichts Schlechtes getan, sie verdienen ein besseres Leben." Die Familien müssen seit Tagen ohne fließendes Wasser auskommen und ohne jedwede Form sanitärer Anlagen. Um sich zu erleichtern, gehen sie aus Verzweiflung ins Gebüsch. Viele der Älteren und Kinder brauchen Medikamente, zudem setzen vielen Menschen Moskitos zu, die auch Krankheiten übertragen können. Die Liste der besonders dringend benötigten Dinge ist lang: Decken, Kochausstattung, Kleidung, Milch für die Kinder, Wasser, Lebensmittel und Medikamente werden gebraucht - und natürlich Unterkünfte, ein Dach über dem Kopf, das nicht nur aus ein paar Plastikplanen besteht. Die Caritas Syrien wird einigen Betroffenen mit Essen und Medikamenten helfen, doch der Bedarf an Hilfsgütern ist in diesen Tagen riesig.

Caritas-Mitarbeiter besuchen eine Familie in ihrem NotlagerBesuch im Notlager: Die Caritas versucht, das Überleben der Betroffenen zu sichernCaritas Syrien

Lage könnte sich noch verschlimmern

Die 150 Familien, die unter freiem Himmel leben müssen, unterstützt die Caritas Aleppo mit Geld aus ihrem Notfallfonds, damit sie sich Kleidung kaufen können und zumindest übergangsweise eine neue Unterkunft bezahlen können. Die humanitäre Krise, der akute Mangel an lebensnotwendigen Gütern - bisher besonders massiv in den von der Opposition gehaltenen Stadtteilen -, könnte sich auch auf die von der Regierung kontrollierten Westen ausweiten, so die Befürchtungen. "Jeden Morgen, wenn ich aufwache, hoffe ich, dass ein Tropfen Wasser aus dem Wasserhahn kommt, aber leider kommt nichts", sagt Fadel, der im Westen Aleppos lebt. "Das hoffen wir alle jeden Tag, seit wir in der Stadt kein fließendes Wasser mehr haben." Zusätzlich zur fehlenden Wasserversorgung gibt es in Aleppo weder Treibstoff noch Strom. Außerdem fehlt es an Arbeit und die Lebenshaltungskosten sind explodiert.

"Ich habe Angst, dass eines Tages eine der bewaffneten Gruppe kommt und uns sehr schlecht behandelt", sagt Fadel. Rana erzählt, dass sie sich immer vor den Raketen gefürchtet habe. "Vor drei Wochen traf es mich dann, ich überlebte einen Einschlag nur knapp, wurde verletzt und ins Krankenhaus gebracht", sagt Rana.  Die Angst ist derzeit das einzige, was es in Aleppo im Überfluss gibt. Doch trotz all der Gefahren gehen die Mitarbeiter der Caritas Aleppo, Menschen wie Fadel und Rana, täglich zu den Bedürftigen, um ihre Situation zumindest ein Stück weit zu verbessern.

Autor: Caritas Syrien, August 2016