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Naher Osten

Krisen und Konflikte

Syrien: Humanitäre Hilfe im Konflikt

Syrien: Vom Helfer zum Hilfesuchenden

So weit ist Modars Geschichte kein Einzelfall. 850.000 Menschen haben 2015 die gleiche Reise über das Mittelmeer gewagt, sie kamen hauptsächlich aus Syrien. Das Besondere an Modars Geschichte ist, dass er selbst für die Caritas in seinem vom Bürgerkrieg zerrissenen Heimatland gearbeitet hat.

Modar aus SyrienModar (links) während der Überfahrt auf dem Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland. Foto: Caritas Internationalis

"Wir haben uns um die Kinder gekümmert, die aus ihren belagerten Dörfern nach Damaskus gekommen sind, " erzählt Modar über seine Arbeit bei Caritas Syrien. "Sie haben schreckliche Dinge erlebt und hatten ständig Angst. Sie wollten nie spielen. Trotzdem haben wir es geschafft durch Aktivitäten und Gespräche ihr Vertrauen zu gewinnen."

Die Arbeit unter dem ständigen Bombenhagel war gefährlich, doch Modar machte weiter. "Weil ich meine Arbeit bei der Caritas geliebt habe." Sein Studium hatte er schon früh wegen des Krieges aufgegeben. Das Haus seiner Eltern in Homs, wo die ganze Familie jedes Jahr den Sommer verbrachte, wurde durch Bombeneinschläge zerstört. "Wir kannten viele Menschen, die getötet oder verletzt wurden", sagt Modar.  

Abschied von den Eltern

Als sich die Kämpfe immer weiter verschärften, begannen seine Eltern darüber nachzudenken, ihre Kinder ins Ausland zu schicken. "Die Mörserbombardierung wurde immer schlimmer und es wurde zu gefährlich. Unsere Eltern haben ihr Haus verkauft, das sie in Damaskus besaßen, um für unsere Flucht zu bezahlen. Sie wollten, dass wir leben - und wir wollen eine Zukunft."

Seit August 2015 haben sich mindesten 20 Prozent der 130 Caritas Syrien Mitarbeiter zur selben Entscheidung durchgerungen und Syrien verlassen.

Am 1. September verabschiedeten sich Modar und seine Geschwister von ihren Eltern. Einige Tage später fanden sie sich an der türkischen Küste in der Nähe von Izmir wieder und warteten darauf das Mittelmeer Richtung Griechenland zu überqueren. Sie hatten die Schmuggler bereits bezahlt.

"Wir haben drei Tage auf dem schlammigen Boden im Wald geschlafen”, erinnert sich Modar. Sie hatten alle einen Rucksack mit Wasser, extra Kleidung, Energiesnacks wie Datteln, Schokolade und natürlich ihre Papiere dabei.

Gestrandete FlüchtlingeFlüchtlinge bei dem Versuch in der Heimat Syrien anzurufen.Foto: Caritas international

"Die Schlepper waren fiese Typen", sagt Modars Schwester Tamador. "Es wurde viel geschrien und es kam zu Kämpfen zwischen den Schleppern und anderen Flüchtlingen. Mein Bruder ist Pfadfinder und wusste, wie man mit gefährlichen Situationen umgeht.”

Jeder der drei Geschwister bezahlte 1.300 US- Dollar, um von der türkischen Küste auf die griechische Insel Lesbos zu kommen. "Es war sehr beängstigend", sagt Tamador. "Es waren zu viele Menschen an Bord - 43 in einem kleinen Boot. Als wir dann in Lesbos ankamen, haben wir uns frei gefühlt. Nicht wirklich glücklich, aber wenigstens sicher." Den 11. September, ihren ersten Tag in Griechenland, verbrachten sie mit der Suche nach einem Telefon, um ihren Eltern zu sagen, dass sie in Sicherheit waren. Sie verbrachten eine eiskalte Nacht unter freiem Himmel, gefolgt von einer Nacht in einem Hotel und einer achtstündigen Fährenüberfahrt nach Athen.

Gestrandet vor geschlossenen Grenzen

"Als wir Athen erreicht hatten, haben wir Panik bekommen. Ungarn hatte zu diesem Zeitpunkt gerade verkündet, dass sie die Grenzen am 15. September schließen würden. Wir hatten nur zwei Tage Zeit um dorthin zu kommen", schildert Modar seine damaligen Ängste.

Und so machten sich die Geschwister sofort auf dem Weg nach Norden. Mit dem Bus, dem Zug und zu Fuß durchquerten sie Griechenland, Mazedonien und Serbien. Am Morgen des 15. Septembers erreichten sie die serbisch-ungarische Grenze. Sie waren zu spät. Der Grenzübergang war geschlossen.

"Wir haben zwei Nächte an der Grenze übernachtet. Es war schrecklich. Wir konnten nicht schlafen. Es war sehr kalt. Die einzige Hilfe kam von Freiwilligen vor Ort, die Decken verteilt haben. Die Menschen haben geschrien. Es war angsteinflößend. Wir dachten, wir seien am Ende”, berichtet Modars Schwester.

Als sie von einem Bus hörten, der Richtung Kroatien fahren sollte, stiegen sie ein. "An der Grenze zu Kroatien waren sehr viele Flüchtlinge und wenige Menschen, die ihnen halfen. Trotzdem waren die Einheimischen ausgesprochen nett. Sie haben uns Essen und Decken gegeben", erzählt die junge Frau weiter.

Die beschwerliche Reise forderte ihren Tribut. "Wir haben drei Tage nicht geschlafen. Es war zermürbend. Und es ist schmerzlich, sich an diese Zeit zu erinnern." Die Geschwister nahmen einen Bus in die kroatische Hauptstadt Zagreb und einen weiteren, der sie schließlich nach Ungarn brachte.

"Mit dem Bus ging es nach Budapest und von dort mit dem Zug nach Österreich”, fasst Tamador diesen Teil der Reise zusammen. "Wir sind drei Kilometer über die Grenze gelaufen. Dort waren so viele Menschen, es herrschte Chaos und Angst. Glücklicherweise wurde an diesem Tag niemand verletzt."

Das Ziel sollte Holland sein

Noch in Syrien, und vor dem Antritt der ungewissen Reise versuchten sich die Geschwister bestmöglich über das Internet und durch Gespräche mit Freunden über den bevorstehenden Fluchtweg zu informieren. Das Ziel stand schnell fest: Holland. "Wir wollten in die Niederlande, weil wir dachten, dass die Holländer gastfreundlich sind, Englisch sprechen und die Registrierung von Flüchtlingen effizient ist."

Drei syrische Geschwister in der NiederlandeNach 21 Tagen erreichten die Geschwister die Niederlande.Foto: Caritas international

Sie reisten weiter durch Österreich und Deutschland und übernachteten auf dem Weg in Auffanglagern.

Nach 21 Tagen Flucht errichten sie die Niederlande. "Wir wurden in ein Flüchtlingsheim mit ungefähr 3000 Menschen in der Nähe von Nimwegen geschickt", erzählt Tamador. "Hier sind wie nun seit vier Monaten. Es ist sehr schlimm. Es gibt keine Privatsphäre. Es ist kalt. Die Regeln sind sehr streng.”

Hilfe für die Flüchtlinge kommt von Einheimischen die staatlichen Mitarbeiter vor Ort aber behandeln sie sehr schroff, erzählt Tamador weiter. "Es gibt nicht einmal einfache Dinge wie Sprachkurse, die für uns eine große Hilfe wäre. Ohne die Freiwilligen, die uns Kleidung und Essen geben, wären wir verloren."

Auf Hilfe angewiesen: Von einem Moment auf den anderen

Für Modar ist es schwierig, vom Helfer zu jemandem zu werden, der selbst Hilfe benötigt. "Am Anfang konnte er keine Unterstützung annehmen, " verrät seine Schwester. "Es ist schwierig zu verstehen, wenn du plötzlich zum Flüchtling wirst - wenn du auf einmal weit weg von Zuhause in einer anderen Kultur lebst und auf Andere angewiesen bist. Man wünscht keinem die Erfahrung, als Flüchtling in einem fremden Land zu leben." Abgesehen von der Aufnahme von Fingerabdrücken hat für die Geschwister bisher noch kein Registrierungsprozess begonnen.

"Modar muss arbeiten. Er hat so viel zu bieten. Sie sollten sehen wie er den Kindern in Syrien geholfen hat”, sagt seine Schwester. "Wir wissen allerdings auch, dass Holland ein kleines Land ist mit einer großen Anzahl von Flüchtlingen. Wir verstehen, dass wir warten müssen."

Die zwei Brüder und ihre Schwester haben ihre Heimat mit gemischten Gefühlen verlassen. "Ich bin glücklich hier zu sein, aber nicht glücklich in einem Zelt zu leben. Ich bin glücklich in Sicherheit zu sein, aber nicht glücklich, dass mein eignes Land nicht sicher ist", fasst Tamador ihre Emotionen zusammen.

"Es war die richtige Entscheidung hier her zu kommen. Ich möchte, dass unsere Eltern uns folgen, aber ihre einzige Option ist die schreckliche Reise, die wir zurücklegen mussten. Es macht mich sehr traurig, dass sie sich denselben Gefahren und Strapazen aussetzen müssen wie wir in den 21 Tagen unserer Flucht."

Caritas Internationalis,  Februar 2016