Fußball und der Sinn des Lebens
Arbeit mit Aidswaisen in Durban, Südafrika
Seit sieben Jahren arbeitet Sandy Naidoo bei der südafrikanischen Caritas-Partnerorganisation Sinosizo mit Aids-Waisen. Sie setzt dabei auf innovative Pädagogikkonzepte. Wie man mit neuen Fußball-Regeln Lernprozesse anstoßen kann und Zugang zu den Kindern findet, erklärt Sandy Naidoo in ihrem Gespräch mit Monika Hoffmann
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Caritas international: Frau Naidoo, Sie haben sich zunächst in der Aidshilfe um die Patienten selbst gekümmert. Wie kamen Sie dazu, ein Waisenprojekt
aufzubauen?
Sandy Naidoo: In der Aidshilfe besuchen wir die Aids-Kranken zuhause, wir versorgen sie medizinisch, bringen ihnen Essen und helfen allgemein,
den Alltag zu bewältigen. Als ich bei Sinosizo anfing, waren wir immer häufiger damit konfrontiert, dass es für die Kinder
der sterbenden Patient/innen keine professionelle Begleitung gab. Die Kinder blieben allein mit ihrer Trauer und Einsamkeit
zurück. Wir haben dann die Kinder stärker mit einbezogen und schließlich konnte ich mit meinem Team ein spezielles Waisenprojekt
aufbauen.
Was sind die größten Probleme für die Kinder der Aidskranken?
Zuerst sind das ganz handfeste Probleme: Die Kinder haben Angst davor, wie es weitergeht, ob sie etwas zu essen bekommen,
wer sie aufnimmt - ob sie bei der Großmutter, der Tante oder in einer anderen Familie leben werden, wer ihnen Kleidung gibt
und ob sie weiter in die Schule gehen können. Darum kümmern wir uns als erstes. Wir wollen es nicht dem Zufall überlassen,
wo die Kinder unterkommen, sondern alles noch zu Lebzeiten der Eltern gemeinsam mit den Kindern, den Verwandten und der Gemeinde
besprechen und regeln. Das ist für die Aidskranken eine sehr große Erleichterung und die Kinder können sicher sein, dass das
Leben für sie weitergeht.
Finden sich denn immer Pflegefamilien?
In den ganzen sieben Jahren, seit es das Projekt gibt, mussten wir nur einmal ein Kind in ein Heim geben und nur eines kam zu einer Adoptivfamilie außerhalb der eigenen Community. Aber fast immer findet sich eine Lösung innerhalb der Familie oder der Gemeinde. Wir unterstützen die Pflegefamilien materiell, damit die Paten auch in die Pflicht genommen werden können und die angenommenen Kinder nicht vernachlässigt werden. Das Mädchen, das wir in ein Heim bringen mussten, war von ihrem Stiefvater missbraucht worden und wir mussten es aus der Familie holen.
Begleiten Sie die Patenfamilien auch langfristig?
In erster Linie arbeiten wir mit den Kindern. Aber natürlich stehen wir auch mit den Paten in ständigem Kontakt. Wir besuchen die Kinder zuhause und schauen, ob sie Probleme haben, ob es irgendwelche Anzeichen für Missbrauch oder Benachteiligung gibt.
Das Aidswaisen - Programm von Sinosizo geht ja weit über die Existenzsicherung hinaus...
Ja, die reine Betreuung ist nur die Basis. Die Kinder müssen sich an die neuen Lebensumstände gewöhnen, sich wieder als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Der Tod macht die Hinterbliebenen einfach einsam - gerade Kinder ziehen sich oft vollkommen in sich zurück, wenn die Mutter oder der Vater sterben. Deshalb arbeiten wir in unseren Kinderclubs in Gruppen. In der Regel sind auch Kinder dabei, deren Eltern noch leben. So fällt ihnen die Integration nicht so schwer und die Kinder verlieren nicht gänzlich den Halt, wenn die Eltern sterben. Sie können Erfahrungen austauschen, sich vorbereiten und sehen, dass das Leben weitergeht.
Wie arbeiten Sie in den Kinderclubs?
Die Kinderclubs sind Zentren, in denen die Kinder jeden Tag nach der Schule und am Wochenende zusammenkommen. Sie essen hier zusammen zu Mittag und wir bieten danach Hausaufgabenhilfe, Spiele und "Lebenshilfe" an. Das sind zum Beispiel Spiele zu dem Thema: "Wie trifft man eigentlich Entscheidungen?" oder: "Wie verhält man sich bei einem bestimmten Problem?", bis hin zu Hygiene und Aufklärung. Uns ist es sehr wichtig, dass die Kinder Spaß haben, sich wohl fühlen und sich öffnen.
Sie arbeiten in Sinosizo mit einem pädagogischen Konzept, in dem Sie Fußball-Training anbieten. Was hat es damit auf sich?
Alle Kinder - auch die Mädchen - sind verrückt nach Fußball. Über das Spiel als Medium sind sie sehr gut zu erreichen. Wir arbeiten mit einem speziell für die Aidsprävention und die Arbeit mit Aidswaisen entwickelten Programm. Dazu gehört ganz normales Fußballtraining für Kinder ab acht Jahren, in dem aber immer wieder Trainingseinheiten integriert sind, die das Spiel zur Lern- und Lebenserfahrung nutzen.
Wie sieht so ein Training aus?
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| Fußballfieber: Der World Cup 2010 elektrisiert die Kinder in Sinosizo |
Zum Beispiel lautet eine Spielregel, dass zwei Mannschaften gegeneinander spielen, aber es gibt kein Tor. Meistens spielen
die Kinder ungefähr zehn Minuten, dann wird es langweilig, weil ja nichts passiert. Hier stoppt der Trainer das Spiel und
der Spielverlauf wird diskutiert:
"Wir war das Spiel?" - "Ja, ganz nett, aber langweilig." - "Warum denn langweilig?" - "Naja, da gab's ja gar kein Tor." Ok,
und schon bist du soweit, dass du über Ziele und Herausforderungen sprechen kannst - dass du immer irgendwelche Ziele in deinem
Leben brauchst, wann die Kinder diese Erfahrung schon gemacht haben, und, und, und.
Oder eine andere Spielregel: Jeder Stürmer trifft immer auf zwei Verteidiger. Das Spiel wird dadurch wahnsinnig schwierig,
es gelingt einfach nicht, Punkte zu machen. Nach ein paar Minuten kannst du dann über Hindernisse reden, über Probleme, die
einen lähmen. Zum Beispiel über die ganzen Hindernisse und Schwierigkeiten, die eine Aidserkrankung mit sich bringt. Oder
auch über andere Probleme. Wir besprechen dann, ob man diese Probleme trotzdem angehen kann und welche Strategien es zur Bewältigung
gibt.
Das klingt sehr pädagogisch...
Nun, es mag pädagogischer klingen, als es dann tatsächlich ankommt. Die Kinder lieben diese Spiele und die überraschenden Wendungen. Die Möglichkeiten sind fast endlos und alle sind sehr engagiert bei der Sache. Und wir nutzen das Spiel nicht nur als pädagogisches Vehikel: Der Spaß und die Freude am Spiel sollen nie vernachlässigt werden. Natürlich gibt es auch Turniere, Ausscheidungsspiele und einen "Word Cup" mit unseren 18 Teams.
Das Fußballtraining ist ja für ältere Kinder. Welche Programme haben Sie für die Kleineren?
Bei den kleineren Kindern arbeiten wir eng mit den verantwortlichen Paten zusammen - meist die Tante oder Großmutter. Sie kommen zusammen in unsere Kinderclubs zum Spielen, Malen und Musik machen, um mit dem Kind in Kontakt zu kommen. Sie bauen eine Beziehung zueinander auf und lernen sich auch emotional kennen. Das Ziel dabei ist, dass die Kinder sich öffnen, mental stimuliert werden und die Trauer über den Verlust der Eltern Ausdruck finden kann. Es ist ein häufiges Phänomen, dass sich die Kinder zurückziehen, nicht kommunizieren und nicht in Kontakt treten.
Sie bieten bei Sinosizo auch psychologische Beratung an. Auf welche Probleme stoßen Sie dabei ?
Der Schwerpunkt liegt auf der Trauerarbeit mit den Kindern. Diese Einheiten sind immer sehr konzentriert. Die Kinder erfahren hier, dass sie über ihr Problem mit den Erwachsenen sprechen können, dass sie ihre Probleme auch verstehen und man zusammen herausfindet, wie man damit klarkommt. Häufig müssen die Kinder überhaupt erstmal wieder psychisch stabilisiert werden. Es gibt Einzelberatungen und Gruppenstunden. In der Gruppe tauschen die Kinder Erfahrungen aus. Es gibt da Situationen, wo ein Kind sagt: "Ich wollte am liebsten auch tot sein, als meine Mutter gestorben ist" und ein anderes Kind sagt dann: "Ah, das wollte ich auch! Das ging mir genauso". Und schon entwickelt sich eine Gemeinsamkeit, ein Gespräch über ihre Trauer - und die Erfahrung, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Trauer.
Oktober 2009


