Afghanistan: Aufbauhilfe im Hasaradschat
Die Situation
Der afghanischen Regierung ist es bis heute kaum gelungen, soziale Dienstleistungen zu erbringen, um den Menschen mehr Sicherheit zu bieten. Der Hasaradschatd gehört zu den am schlechtesten versorgten Regionen. Viele Frauen in der Bergregion sterben an den Folgen einer Schwangerschaften oder Geburt, und auch die Kindersterblichkeit gehört zu der höchsten weltweit.
Hasaradschat, die gebirgige Zentralregion westlich der Hauptstadt Kabul, ist einer der ärmsten Landstriche Afghanistans. Im
Winter ist das karge Bergland oft monatelang von der Außenwelt abgeschnitten. Krankenhäuser, soziale Einrichtungen oder Schulen
sucht man im Hasaradschat fast vergeblich. Der Weg in größere Städte ist für die Bewohner der ländlichen Region kaum zu meistern.
Der Winter ist mit Temperaturen bis zu minus 25° Celsius extrem hart. Auf solche Bedingungen sind die Menschen selbst in den
Gebirgszonen Afghanistans nicht eingestellt. Sie haben kaum Heizmöglichkeiten in ihren Häusern, und der karge Vorrat an Brennmaterial
reicht selten bis zum Frühjahr.
Die geografischen Begebenheiten sind nicht der einzige Grund für die Armut in der Zentralregion westlich der Hauptstadt Kabuls.
Jahrhunderte lang wurden die Hasara, eine schiitische Minderheit im Hasaradschat, von anderen ethnischen und politischen Gruppen
diskriminiert. Bis Ende des 19. Jahrhundert führten die Hasara ein recht autonomes Leben, dann wurde gegen sie als Schiiten
der heilige Krieg ausgerufen.
Von Gewalt geprägt
Auch die Taliban unterdrückten die Hasara. Zwei Jahre lang haben sie die Region umzingelt, eine Wirtschaftsblockade verhängt
und die Zivilbevölkerung terrorisiert. Allein bei dem Massaker von Mazar-i Scharif 1998 ließen rund 2.000 Menschen ihr Leben.
Eine Gesundheitsstation im Hasaradschat
Die Folgen der Zerstörungswut der Taliban sind noch heute allgegenwärtig. Während die Zerstörung der Buddha-Statuen im Tal
von Bamiyan im Hasaradschat international Aufsehen erregte, wird über die aktuelle Situation der Menschen dieser Region wenig
berichtet. Ein Grund mag sein, dass sie zu den Provinzen gehört, die derzeit vom Kriegsgeschehen weniger betroffen sind.
Allerdings ist im Hasaradschat keine Rechtssicherheit gegeben – eine wichtige Voraussetzung, damit Menschen soziale Dienste
wie medizinische Versorgung und Schulbildung überhaupt in Anspruch nehmen können. Während die Wirtschaft in Afghanistan wächst,
konnten staatliche Strukturen und das Rechtssystem nicht ausreichend gestärkt werden. Die afghanischen Behörden haben es bislang
nicht geschafft, hier die medizinische Grundversorgung zu gewährleisten.
Große Lücken in der medizinischen Basisversorgung
So ist die Gesundheitsversorgung langfristig oft nicht garantiert, weil das Ministerium Dienstleistungen von verschiedenen
Partnern für Provinzen 'einkauft’ statt selbst Kapazitäten aufzubauen. Die 'Dienstleister' werden nicht immer zur Rechenschaft
gezogen, viele arbeiten mit privaten Sicherheitsfirmen zusammen. Immer wieder entstehen Versorgungslücken, wenn die beauftragten
Partner ihre Aufträge nicht ausführen können – oder das Land verlassen und neue Partner beauftragt werden müssen.
Doch Kranke können nicht warten und gerade bei der Vorsorge ist Kontinuität unverzichtbar. So führt das 'Outsourcing' sozialer
Dienste vielerorts dazu, dass die medizinische Grundversorgung nicht gewährleistet ist.
Steigende Lebensmittelpreise
Die lückenhafte Versorgung trifft Menschen umso härter, je schlechter es um ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten bestellt ist.
Jüngst zeigt die Studie der AREU (Afghanistan Research and Evaluation Unit), wie sehr sich die Lebensbedingungen insbesondere in ländlichen Haushalten Afghanistans verschlechtert haben. Während die
Wirtschaft in Afghanistan wächst, wächst auch die ungleiche Verteilung der gesellschaftlichen Teilhabe an den knappen Gütern.
Zudem steigen mit der internationalen Finanzkrise die Preise für Bildung, Gesundheit und das tägliche Essen. Die Lebensmittelpreise
für Mehl, Speiseöl und Reis haben sich seit Mitte 2010 um rund 30 Prozent verteuert. Da über 90 Prozent der Familien verschuldet
sind, können sie kaum mehr Nahrungsmittel zukaufen.
Insbesondere gegen Ende diesen Winters erwarten die Experten in der Region Hasaradschat eine hohe Krankheitsanfälligkeit,
da die Bevölkerung über keine Vorräte mehr verfügt und entsprechend geschwächt sein wird. Medizin ist im besten Fall in den
Basaren in den Tälern zu finden. Die Preise sind umso höher, je knapper die Vorräte werden. Medizin wird oft ohne jegliche
medizinisch-fachliche Expertise verkauft, und die Qualität der spärlich vorhandenen Medikamente ist zweifelhaft.
Klimatische Folgeschäden
Die Menschen im Hasaradschat leiden zudem unter den Folgen von Dürren, Abholzung und Bodenerosion. Derzeit wird damit gerechnet, dass die Herbstaussaat, die einer Schneedecke bedarf, um nicht zu erfrieren, nur reduzierte Erträge abwerfen wird. Denn im Winter 2010/2011 fiel der Schnee erst spät.
im Hasaradschat. Foto:Pieter-Jan De Pue
Grundvoraussetzung für die Entwicklung der Region ist der Aufbau der Infrastruktur: Um Schulen und Krankenhäuser bauen zu
können, braucht es Pisten, Straßen und Brücken, die das Land zugänglich machen. Die Menschen brauchen Arbeit, die ihnen ein
Einkommen sichert. Landwirte benötigen Saatgut. Neben diesen eher langfristigen Zielen muss eine medizinische Versorgung akute
Not lindern.
Wegen der extremen Not in dem kargen Hochland hat Caritas international das Hasaradschat bereits im Jahr 2003 zu einer Schwerpunktregion
seiner Afghanistanarbeit gemacht. Caritas unterstützt seither Projekte im zentralen Hochland mit Trinkwasser- und Lebensmittelversorgung, Infrastrukturhilfen
sowie mit Bildungsprogrammen. Die medizinische Notversorgung in zehn Gesundheitsstationen in der Provinz Daikundi konnte auch
im Winter 2011 sicher gestellt werden.
Die Klimabedingungen im Hasaradschat stellen die Bewohner auf eine harte Probe. Im Sommer regnet es kaum und häufig herrscht
Dürre und extremer Wassermangel.
Der Winter dagegen ist bitter kalt. Die Gebirgszonen Afghanistans liegen auf einer Höhe von bis zu 5.000 m. Das Hochland
ist im Winter oft monatelang eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten. Es gibt hier weder genug Heizmaterialien noch
bietet die Kleidung ausreichend Schutz vor dem Frost. Die meisten Menschen in den Dörfern besitzen bestenfalls Sandalen, vor
allem die Kinder sind meist barfuss. Die ungewisse politische Zukunft des Landes, Aufstände, militärische Operationen, kriegsbedingte
Migration, die unzähligen Abschiebungen aus dem Iran und Pakistan und immer weniger Arbeitsmöglichkeiten im Winter verschärfen
die andauernde Lebensmittel-Unsicherheit in vielen Regionen des Landes.
Dezember 2011


