Afghanistan: Aufbauhilfe im Hazarajat
Interview mit Thorsten Hinz, Experte von Caritas international in Afghanistan, zur aktuellen Lage und zur Aufbauhilfe
Fast täglich Anschläge, Entführungen, der Taliban-Aufstand im Süden von Afghanistan: allein in diesem Jahr sind schon mindestens 2.700 Menschen getötet worden. Offensichtlich verschlechtern sich die Sicherheitslage und die Lebensbedingungen, obwohl die Internationale Schutztruppe (ISAF) seit Jahren in Afghanistan im Einsatz ist und Hilfsorganisationen versuchen, einen Wiederaufbau voranzutreiben. Mit Thorsten Hinz von Caritas international sprach Christian Soyke.
Christian Soyke: Herr Hinz, was beschäftigt Sie momentan am meisten?
Thorsten Hinz: Das Ausufern der regionalen und ethnischen Konflikte verschärft die Sicherheitslage und destabilisiert das ganze Land. Über
25.000 Menschen sind jüngst vor den gewaltsamen Kämpfen zwischen sesshaften Bauern der ethnischen Minderheit der Hazara und
bewaffneten Gruppen paschtunischer Nomaden in der Provinz Wardack (Zentralafghanistan) nach Kabul geflüchtet -Tausende Menschen
wurden gewaltsam vertrieben.
Was brauchen die Menschen am dringlichsten?
Die Flüchtlinge, die jetzt nach Kabul gekommen sind, leben unter sehr erbärmlichen Bedingungen, brauchen Nahrung, Decken -und
mittelfristig eine neue Perspektive. Denn das, was von ihren Dörfern übrig ist, ist vielerorts nichts mehr als verbrannte
Erde. Sie haben alles verloren und sind jetzt ohne jede Ernährungsgrundlage.
Also werden jetzt Flüchtlingslager errichtet?
Wir arbeiten hier in einer Kultur, die sehr schambesetzt ist: es ist für die Menschen sehr schwer, offen ihre Armut oder Bedürftigkeit
zu zeigen. Die Flüchtlinge versuchen bei Verwandten unterzukommen oder erbitten in den Moscheen Hilfe, so dass es eigentlich
nicht zu den klassischen Bildern von Flüchtlingsströmen und Massenlagern kommt, die wir etwa aus Afrika kennen. Das macht
unsere Arbeit nicht einfacher.
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| Flüchtlinge des Konfliks im Hazarajat |
Warum gelingt es nicht, alle Regional-Provinzen in Zentralafghanistan zu befrieden?
In Wardak im Hazara-Gebiet zum Beispiel sind keine ISAF-Truppen vor Ort. Die Bundeswehr ist ja eher im Norden im Einsatz.
Das Problem ist, dass eine internationale Öffentlichkeit kaum Notiz genommen hat, obwohl durch die Kämpfe zahlreiche Menschen
getötet werden und die Flüchtlinge in einer extremen humanitären Krise sind.
Dabei könnte die weitere Zuspitzung dieses hochpolitischen Konfliktes das ganze Land weiter gefährlich destabilisieren. Weder
die internationalen Truppen noch die Zentralregierung von Hamid Karsai sind bislang bereit, auf diesen Konflikt adäquat zu
reagieren und die hilflose Bevölkerung zu schützen. Die betroffenen Menschen in Afghanistan haben so einen großen Vertrauensverlust
erfahren.
Warum kann die afghanische Polizei nicht für Sicherheit sorgen?
Die Polizei in Afghanistan ist schlecht ausgebildet, schlecht ausgestattet und in der Regel auch sehr schlecht bezahlt. Vor
allem der letzte Punkt führt dazu, dass die Polizei in Afghanistan zu den korruptionsanfälligsten Organen zählt. Dazu kommt,
dass je nach Region die Polizei eher ethnischen Sympathien folgt als für Recht und Ordnung zu sorgen.
Die Lebensbedingungen der Menschen in Afghanistan sind seit Jahren, ja Jahrzehnten katastrophal...
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| Militärfahrzeuge nach Gefechten im Hazarajat |
Wir erleben, dass die Einheimischen kritisieren, dass offensichtlich die eigentlich sicheren Gebiete, wozu auch die ganzen Hazara-Provinzen zu zählen sind, nach dem Sturz der Taliban zu wenig Hilfe erfahren haben, dass aber im Gegensatz dazu in Gebiete, in denen gekämpft wird, sehr viel Hilfe geflossen ist. Die Menschen in den relativ sicheren Regionen fragen sich: "Müssen wir erst bei uns einen Krieg provozieren, dass wir Aufmerksamkeit und Hilfe bekommen?" Das ist ein Zeichen dafür, dass die Menschen sehr stark das Vertrauen in die internationale Hilfe verloren haben. So orientieren sie sich wieder vermehrt an ihren regionalen, ethnischen Strukturen, weil das noch die naheliegenste, glaubwürdigste und sicherste Perspektive zu sein scheint. Das wird die Gesamtlage weiter verschlechtern und die Sicherheit beeinträchtigen, so dass es auch für uns Helfer zunehmend schwieriger wird, in die bislang als noch recht sicher geltenden Gebiete durchzudringen, in denen wir bislang humanitäre Hilfe und Wiederaufbau leisten konnten.
Wie sieht die Hilfe von Caritas international aus?
Caritas international ist seit 2001 mit einem eigenen Büro in Kabul vertreten, wir kennen das Land durch Hilfsaktionen schon seit der Taliban- Zeit. Normalerweise denkt man, humanitäre Hilfe sei eher kurzfristig notwendig und nach spätestens einem Jahr vorbei. In vielen Gebieten Afghanistans müssen wir seit Jahren humanitäre Hilfe leisten. Zu all den politischen und ethnischen Konflikten verschlimmern in weiten Gebieten des Hochlandes häufig noch extreme Winter, Dürren oder Erdrutsche die Not und den Hunger. Schwerpunkte unserer Arbeit sind die Nothilfe, der Bau von Kliniken, Schulen, Straßen und Trinkwasserleitungen. Eines unserer wichtigsten Programme ist ein psychosoziales Beratungsprojekt, in dem wir traumatisierten Menschen eine neue Perspektive zu geben versuchen.
Trotzdem ist die Situation unbefriedigend. Scheitert die afghanische Regierung oder versagt die internationale Gemeinschaft mit ihrem Einsatz? Müssten die Anstrengungen nicht erste Früchte tragen?
Die NGO-Hilfe (Anm. d. Red.: Hilfe von Nichtregierungsorganisationen wie Caritas) setzt zwar wichtige Zeichen, ist aber vergleichsweise bescheiden: ein Tropfen auf dem heißen Stein. Im Grunde müssten noch größere internationale, staatliche und bilaterale Anstrengungen erfolgen, damit etwa in den zentralafghanischen Regionen ein spürbarer Aufbauprozess stattfinden kann, um die Gesamtsituation in den Provinzen so zu verbessern, dass die Menschen auch wirklich sehen: hier entwickeln sich neue Perspektiven. Über solche Mittel verfügen tatsächlich nur staatliche oder halbstaatliche Organisationen wie USAID oder die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Und da kritisieren wir als Caritas vor allen Dingen die schlechte Koordination.
Was genau meinen Sie, kommt die Hilfe nicht richtig an?
Die Entwicklungszusammenarbeit und Aufbauhilfe der einzelnen Länder konzentriert sich hauptsächlich auf jene Gebiete, in denen sie auch ihre jeweiligen Truppen haben. Dort, wo die Soldaten stehen, wird Aufbauhilfe geleistet. Am Bedarf ist das letztlich nicht orientiert, das geschieht aus Eigeninteressen und Nützlichkeitserwägungen -und das spricht nicht unbedingt dafür, dass das ganze Land vorankommen kann.
Wird Afghanistan jemals zur Ruhe kommen?
Solange die Afghanen selbst Hoffnung haben, wäre es vermessen zu resignieren. Ja, es gibt ermunternde Zeichen in diesem Land. Diese Zeichen sind klein, aber sichtbar. Jedes afghanische Schulkind ist so ein Symbol der Hoffnung. In jedem Fall braucht die Afghanistan-Hilfe einen Strategiewechsel, der von allen wichtigen Parteien geteilt und getragen wird - ein Strategiewechsel, der nicht in Gewalt und Krieg den Erfolg sucht, sondern in dem das zivile Mandat die Weichen stellt.
Mit freundlicher Genehmigung der neue bildpost
August 2008



