Afghanistan: Traumaarbeit und seelische Gesundheit
Das Projekt
Jahrzehntelange Unterdrückung und Gewalt haben einen Großteil der Bevölkerung in Afghanistan zutiefst traumatisiert. Caritas international fördert therapeutische Fachkräfte mit dem Ziel, psychosoziale Beratung nun in den staatlichen Gesundhietsstrukturen zu verankern.
Fatima, eine 30 Jahre alte Frau, klagt über heftige Kopfschmerzen, die oft zwei bis drei Tage anhalten. Außerdem schmerzen ihre Beine so stark, dass sie kaum gehen kann. In den letzten drei Monaten hat sich ihr Zustand verschlechtert. Deshalb hat sie sich entschlossen, eines der psychosozialen Beratungszentren von Caritas international aufzusuchen. Sie bringt eine Plastiktüte voller Medikamente mit. Bis zu 20 Tabletten schluckt Fatima am Tag – ohne dass sich ihr Zustand grundlegend gebessert hat.
Der Bedarf an Therapie ist in Afghanistan immens. Bei den Betroffenen ist die Hürde groß, psychische Hilfe anzunehmen. Noch immer wenden sich Menschen mit akuten Problemen wie psychischen Störungen, Traumata, Angstzuständen oder bei häuslichen gewalttätigen Konflikten und emotionaler Erpressung am ehesten an den Dorfvorsteher. Der ist mit solchen Anfragen zumeist überfordert. Häufig bleibt die Selbstmedikation mit Psychopharmaka – mit fatalen Folgen für die Patient/innen. Und immer mehr Menschen beschließen aus Verzweiflung, ihrem Leben ein Ende zu setzen.
Caritas international hatte mit dem Projekt "Fenster zum Leben" bereits 2005 begonnen, traumatisierte Menschen in Afghanistan dabei zu unterstützen, wieder Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen. Bei vielen hat die jahrelange seelische Belastung zu handfesten körperlichen Problemen geführt: zu Drogenmissbrauch, Schizophrenie, Symptomen von Epilepsie oder zu chronischen Schmerzen. Hinzu kommen häusliche Konflikte, mit denen viele überfordert sind und völlig allein gelassen werden.
Traumaarbeit für Gewaltopfer
Da das Gesundheitsministerium die psychosoziale Arbeit bisher nicht finanziell gefördert hat und keine Programme für einen Aufbau psychosozialer Hilfe von staatlicher Seite vorgesehen waren, ist die Nachfrage groß. Daher hatte Caritas eigene Beratungszentren aufgebaut. Rund 90 Prozent der Bevölkerung, die von den Beratungszentren wussten, begrüßten dieses Angebot.Inzwischen konnte auf der Basis dieser Arbeit eine Psychologin die notwendigen Schritte für eine Verankerung psychosozialer Beratung in den staatlichen Gesundheitszentren einleiten.
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| In einem der Beratungszentren |
| Foto: Pieter-Jan De Pue / Caritas international |
In einem ersten Gespräch erzählt Fatima über ihren Vater. Als sie 18 Jahre alt war, wurde er von einem Mujaheddin, einem selbst ernannten Kämpfer für den Islam, vor ihren Augen verprügelt und anschließend entführt. Sie versuchte noch, ihrem Vater zu Hilfe zu eilen. Daraufhin wurde sie geschlagen. Wehrlos musste sie zusehen, wie er verschleppt wurde. Jetzt wird Fatima nachts von Alpträumen geplagt, in denen sie von den Mujaheddin geschlagen und entführt wird. Aus der mutigen Frau von einst ist eine Patientin geworden, die dringend professionelle Hilfe braucht.
Allein im ersten Vierteljahr 2011 nahmen über 1.000 Personen, Männer wie Frauen, die einstündige Beratung in einem der Zentren in Anspruch. Neben Einzeltherapien sind Gruppengespräche wichtig: In Vorträgen und Workshops werden Interessierte für die Symptome und Ursachen von psychischen Probleme und Krankheiten sensibilisiert, denn viele wissen gar nicht, dass sie mit ihren Problemen oder Störungen – oder denen ihrer Familienmitglieder - nicht alleine sind. Sie erfahren, dass es Möglichkeiten gibt, psychische Störungen zu behandeln und an ihrer Überwindung zu arbeiten.
Für eine professionelle Betreuung sind derzeit 23 psychologische Berater in den Provinzen Bamyan, Balkh und Herat tätig. Bisher arbeiten jeweils eine Frau und ein Mann in einem Zentrum. Alle Berater haben an Fortbildungen teilgenommen und sind auf ihre Aufgabe gut vorbereitet. Sie erhalten nun an ihrem Arbeitsort weiter eine fachkompetente Unterstützung und Weiterbildung. Über Telefonkonferenzen tauschen sich die Berater/innen regelmäßig aus.
Das Wissen über psychische Probleme teilen
Um auch Ärzte und Lehrer für die Notwendigkeit psychischer Hilfe zu sensibilisieren, gehören zum Programm der Caritas zahlreiche Aufklärungsworkshops und Weiterbildungen in Klinken und Schulen, an Universitäten, in Gemeindezentren und in Moscheen.
In den ersten vier Monaten in 2011 wurden mit 635 solcher Gruppenworkshops rund 12.000 Menschen erreichet. Offensichtlich zeigen auch viele Männer die Bereitschaft, psychologische Wunden zu erkennen und aktiv gegen diese Traumata vorzugehen: Frauen wie Männer machen zu gleichen Teilen von den Angeboten Gebrauch.
Über die psychosoziale Arbeit wurde inzwischen auch in afghanischen Medien berichtet. Hörfunk und Fernsehen griffen die Themen „Suizid, häusliche Gewalt, Familienkonflikte und Angstzustände“ auf. Regelmäßig berichten die Mitarbeitenden dem Gesundheitsministerium über ihre Arbeit, um so einen Prozess anzustoßen, in dem der Staat die Aufgabe übernimmt, genügend Angebote zu schaffen und ein Programm für seelische Gesundheit aufzubauen. Denn es kann nicht die Aufgabe der Caritas oder anderer Hilfsorganisationen sein, das Fehlen staatlicher Strukturen zu ersetzten und deren Aufgabe zu übernehmen.
Der Weg dorthin ist nun geebnet. Das Interesse und die Akzeptanz dieser psychosozialen Arbeit, die schließlich dazu beiträgt, tiefliegende Konflikte der afghanischen Gesellschaft zu bewältigen, ist ein wichtiger Schritt.
September 2011
In ihrem außerordentlich anschaulichen und eindrücklichen Fachvortrag (engl.) erläutert die Psychologin Inge Missmahl, die das Konzept der psychosozialen Beratung für traumatisierte Krisenopfer in Afghanistan entwickelt hat, ihren Ansatz:
Wenn Sie der lebhaften Diskussion nach dem Vortrag folgen oder sich an der Debatte beteiligen möchten, besuchen Sie die Seite:
http://www.ted.com/


