Caritas international im Jahr 2006 mit dem Fokus auf die Lage der afghanischen Flüchtlinge
Redebeitrag von Msgr. Dr. Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, anläßlich der Pressekonferenz zur Präsentation des Jahresberichts 2006 in Berlin am 13. Juni 2007
Nie zuvor hatten sich unsere Spender mit den Opfern von Naturkatastrophen so solidarisch gezeigt, wie nach dem Tsunami und dem Erdbeben in Pakistan in den Jahren 2004 und 2005. Viele sprachen damals von "Jahrhundertkatastrophen". Im Vergleich zu diesen Jahrhundertereignissen war das Jahr 2006, für das wir heute den Jahresbericht vorlegen, das Jahr der stillen und schleichenden Naturkatastrophen. Dabei denke ich beispielsweise an das Erdbeben in Yogyakarta oder an die Dürre in Kenia. Es war aber auch das Jahr der vergessenen Krisen in Ländern wie Uganda und Kolumbien. Und nicht zuletzt war es das Jahr der Kriegsopfer im Libanon, in Afghanistan, im Darfur und in Sri Lanka.
Die zwölf Monate des Jahres 2006 haben also, wie Sie an dieser unvollständigen Aufzählung erkennen, nicht weniger Leid gebracht als die beiden Jahre zuvor. Aber es gab weniger Aufmerksamkeit für die Not der Menschen und damit weniger Spenden.
Das schlägt sich auch in unserem Spendenergebnis nieder: So sind uns von privaten Spendern im Jahr 2006 16,2 Mio. Euro zur Verfügung gestellt worden. Das sind 700.000 Euro mehr als im letzten "normalen" Spendenjahr 2003, aber eben auch 60 Mio. Euro weniger als im Katastrophenjahr 2005. An öffentlichen Zuschüssen und Kirchensteuermittel sind uns im Jahr 2006 22,7 Mio. Euro anvertraut worden. Die Gesamteinnahmen liegen damit bei 41,88 Mio. Euro. Die für unsere Spenderinnen und Spender wichtigste Zahl findet sich ganz am Ende unseres Jahresberichtes und bezieht sich auf die Verwaltungskosten: 6,4 % unserer Einnahmen haben wir 2006 für Projektverwaltung und Werbung ausgegeben. Das bedeutet, dass mehr als 93 Cent von jedem Spenden-Euro direkt bei den Menschen ankommen.
Wenn ich eben von Kriegsopfern gesprochen habe, für deren Leid nur schwer Aufmerksamkeit zu generieren ist, denke ich dabei nicht nur an die leidenden Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Genauso denke ich auch an die bei uns in Deutschland lebenden Flüchtlinge. Herr Dr. Müller als Leiter unseres Hilfswerkes Caritas international wird gleich noch ausführlicher zur Lage in Afghanistan selbst Stellung beziehen. Als Präsident des Deutschen Caritasverbandes bedrückt mich die Lage der afghanischen Flüchtlinge jedoch auch aus innenpolitischer Perspektive.
In den Jahren 2004 bis 2006 ist 30.000 in Deutschland lebenden Flüchtlingen der Flüchtlingsstatus vom zuständigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aberkannt worden. Von diesen Widerrufsverfahren waren allein 1.000 Afghanen betroffen. Im gleichen Zeitraum sind von 140.000 Gesamtentscheidungen nur 6.000 positiv beschieden worden. Gerade einmal 80 Afghanen sind in diesem Zeitraum als Asylberechtigte anerkannt worden; im Jahr 2007 bislang noch niemand.
Mit dem Entzug des Flüchtlingsstatus droht diesen Betroffenen der Verlust des Aufenthaltsrechts in Deutschland. Angesichts dieser Zahlen beantwortet sich für mich die Frage fast schon von selbst, ob unser Land überhaupt noch in ausreichendem Maße den Verpflichtungen zum Flüchtlingsschutz nachkommt.
Betroffen von dieser Politik sind vor allem Flüchtlinge aus dem Irak, aus Afghanistan und Sri Lanka. Alles Länder, in denen wir als Hilfswerk tätig sind. Länder, von denen wir aus unserer tagtäglichen Arbeit vor Ort wissen, dass ein Leben für viele Menschen und Minderheiten dort nicht möglich ist. Seien es die Tamilen in Sri Lanka, Erpressungsopfer im Irak oder Kriegsopfer aus Afghanistan.
Besonders unverständlich mutet das Handeln des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge bezüglich kriegstraumatisierter afghanischer Flüchtlinge in den vergangenen Monaten an. So wurde vom Bundesamt die Abschiebung kriegstraumatisierter Afghanen mit dem Hinweis empfohlen, dass die deutsche Caritas in Afghanistan Projekte für traumatisierte Menschen unterhalte.
Tatsächlich ist die psychologische Versorgung in Afghanistan jedoch trotz unserer Projekte nach wie vor völlig unzureichend. Auf 25 Mio. Afghanen kommen vermutlich weniger als 100, oftmals unzureichend ausgebildete, afghanische Psychologen und Psychiater. Während die Zahl der unter posttraumatischen Stresssymptomen leidenden Afghanen auf einige Hunderttausend geschätzt wird.
Abschiebungen mit dieser Begründung zu befürworten, ist deshalb zutiefst zynisch. Hier wird unser Engagement missbraucht für eine Abschiebe-Praxis, die wir entschieden ablehnen. Statt die Potenziale dieser oft gut integrierten, oftmals seit vielen Jahren in Deutschland lebenden Menschen für die deutsche Gesellschaft zu nutzen, stürzt man sie mit dem Widerruf des Flüchtlingsstatus erneut in Unsicherheit und Angst.
Für mich ist es bedrückend, dass trotz ernstzunehmender Versuche, die Integration zu fördern, die Erfahrungen im In- und Ausland den Schluss nahe legen, dass nach wie vor gleichzeitig Abwehr und Ausweisung praktiziert werden.
Msgr. Dr. Peter Neher,
Präsident des Deutschen Caritasverbandes
13. Juni 2007
