ASIEN  

Spende

Kambodscha: Kinder mit Behinderungen fördern und integrieren

Die Situation

Zwanzig Jahre Schreckensherrschaft und drei Jahrzehnte Krieg haben in Kambodscha ein schweres Erbe hinterlassen. Nicht überwundene Traumata, aber auch Landminen, Rückstände chemischer Kampfstoffe in der Landwirtschaft und ein Mangel an gesunder Nahrung tragen dazu bei, dass körperliche und psychische Behinderungen weit verbreitet sind - besonders unter Kindern.  

Karte Kambodscha

Nach jahrelangem Bürgerkrieg zählt Kambodscha, das vor 1970 aufgrund seiner wirtschaftlichen Prosperität noch den Beinamen "Südostasiatische Schweiz" trug, zu den ärmsten Ländern der Welt.

Rund 70 Prozent der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft. Kambodscha exportiert Tropenholz, Gummi, Reis, Fisch und Tabak. In den letzten zwanzig Jahren ist auch die Textilindustrie gewachsen. Die Exporterlöse jedoch kommen nur zu einem Bruchteil bei den Arbeiter/innen an. Landwirtschaft und Industrie sind von Lohndumping gezeichnet, um auf dem globalen Markt mithalten zu können. Der durchschnittliche Monatslohn der Arbeiter/innen von rund 60 Euro reicht kaum zum Überleben aus.

Fast die Hälfte der Landarbeiter/innen besitzt kein eigenes Land und muss hohe Pachtzinsen an Großgrundbesitzer bezahlen. Deshalb sind sie besonders verwundbar: die Inflation und die steigenden Lebensmittelpreise, die sie selbst entrichten müssen, treffen sie besonders hart.

Erbe des Schreckens

Von 1975 bis 1996 regierten und terrorisierten die Roten Khmer die Bevölkerung. Der paranoide Anführer Pol Pot ließ zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Kambodschaner/innen in rund einhundert Vernichtungslagern foltern und hinrichten. Opfer waren vor allem gebildete Menschen: Beamte, Intellektuelle, buddhistische Mönche. Häufig waren es auch einfach Menschen, die lesen konnten oder eine Fremdsprache beherrschten. Sie alle waren verdächtig, Widerstand gegen das Regime zu leisten. So gab es nach der Diktatur landesweit nur noch 50 Ärzte, von 20.000 Lehrern überlebten nur 5.000.

Sauberes Wasser ist viel wert
Sauberes Wasser ist viel wert
Foto: Andreas Schwaiger /Caritas international

Auch Behinderte wurden systematisch getötet. "In jeder Familie gab es in dieser Zeit Opfer, und die Bevölkerung ist stark traumatisiert", erklärt der indische Arzt und Psychiater Jegannathan Bhoomikumar, der seit über fünfzehn Jahren Leiter des "Child Mental Health Center" der Caritas Kambodscha ist. "Eine der schlimmsten Nachwirkungen ist das fehlende Vertrauen untereinander. Niemand weiß von seinem Gegenüber: Ist er ein Opfer, ist er ein Täter, war er an Massakern beteiligt, will er mich ausspionieren? Das zermürbt die Menschen und macht das soziale Leben fast unmöglich."

Als Dr. Bhoomikumar 1995 nach Kambodscha kam, um dort eine „Tagesstätte für Menschen mit geistigen Behinderungen“ zu leiten, sah er sich mit einer ähnlichen Problematik konfrontiert, die auch der Deutsche Caritasverband nach 1945 vorfand: Es gab so gut wie keine Menschen mit Behinderung mehr im Land. Eine grausame Diktatur – in Deutschland jene der Nationalsozialisten, in Kambodscha jene der Roten Khmer – hatte alle für nicht lebenswert erklärt, die sie nach ihrer rassistischen Ideologie als nicht „gesund“ und nicht „normal“ definierten. Menschen mit einer Behinderung wurden getötet.

Damals wurden hunderttausende Kinder von ihrer Familie getrennt, um auf Feldern zu arbeiten oder Landminen zu produzieren. Viele von ihnen wurden gezwungen, ihre Eltern zu denunzieren. Heute, als Erwachsene, sind sie oft unfähig, ihren eigenen Kindern Liebe und Zuneigung geben. Häufig ist das Familienleben von Alkoholismus, Drogenmissbrauch, häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch geprägt. 

Narben der Vergangenheit

Die Folgen des Terrors sind auch in anderer Form präsent. Rückstände chemischer Kampfstoffe auf Feldern und in Gewässern führen zu überdurchschnittlich vielen Geburten von Kindern mit Entwicklungsstörungen oder geistigen und körperlichen Behinderungen. Dazu kommt die Gefahr durch die rund sechs Millionen Landminen, die auf Wegen und Feldern liegen. Etwa 35.000 Menschen haben - laut einer Studie von UNICEF - Füße oder Beine verloren.

Sauberes Wasser ist viel wert
Mit anderen spielen bedeutet dazuzugehören
Foto: Andreas Schwaiger /Caritas international

Kinder mit fehlenden Gliedmaßen werden von Mitschülern und Lehrern oft ausgegrenzt. Wer behindert oder verstümmelt ist, hat bei der Suche nach Arbeit große Probleme. Mädchen und Frauen, die durch eine Explosion Gliedmaßen verloren haben, finden nur schwer einen Partner.

Auch die Kinder von Minenopfern leiden unter der Behinderung ihrer Eltern; vorallem, wenn Vater oder Mutter keine Chance mehr haben, für den Unterhalt der Familie zu sorgen.

Die Mitarbeiter/innen der Caritas Kambodscha wissen, dass es den vom Bürgerkrieg gezeichneten Eltern besonders schwer fällt, ihre behinderten Kinder anzunehmen und zu fördern. Seit 1991 begleiten sie Familien mit behinderten Kindern und setzen sich für die Integration von Menschen mit Behinderung in die kambodschanische Gesellschaft ein. Aufgrund der psychischen Narben und Traumata der Elterngeneration kommt es in Kambodscha besonders häufig zur Vernachlässigung von Kindern mit Behinderung.

April 2011

Historischer Hintergrund

1954 erklärte Sihanouk, der Sohn des kambodschanischen Königs Norodom, die Unabhängigkeit seines Landes von Frankreich. Er wurde Staatschef und versuchte politisch neutral zu bleiben. Im Nachbarland Vietnam herrschte zu dieser Zeit Krieg zwischen dem kommunistischen Norden und dem westlich orientierten Süden. Da die kommunistisch orientierten Vietminh Nachschublager in Kambodscha eingerichtet hatten, zweifelten die Amerikaner die Neutralität der kambodschanischen Regierung an und unterstützten den Sturz des Staatschefs. Sihanouk floh nach Peking und gründete dort mit Hilfe der kommunistischen Partei Chinas eine Widerstandsgruppe, die sich mit den kambodschanoischen Guerillakämpfern der Roten Khmer verbündete. 1975 eroberten die Rebellen unter ihrem Führer Pol Pot die Hauptstadt in Kambodscha, 1976 wurde Pol Pot Ministerpräsident. Er war der Auffassung, dass alle Probleme des Landes auf einer Stadt-Land-Problematik beruhten und durch Förderung der Bauern behoben werden könnten.  

Pol Pot versteckte sich und seine Regierung hinter einer Scheinorganisation und verbreitete als Diktator, der nie in Erscheinung trat, Angst und Schrecken. Er zwang die Kambodschaner/innen schwarze Einheitskleidung zu tragen und täglich mehr als zwölf Stunden unter schwersten Bedingungen Landarbeit zu verrichten. Durch Zwangsenteignungen und Misswirtschaft konnten "die Bauern" schon nach kurzer Zeit nicht einmal mehr den Reisbedarf des eigenen Landes decken. Es kam zu Hungersnöten. Intellektuelle und Menschen mit Behinderungen wurden als Gefahr für das System bzw als nicht lebenswert systematisch umgebracht.

Nach Übergriffen der Roten Khmer auf vietnamesisches Gebiet, bei denen Tausende von Zivilisten ums Leben kamen, eroberten 1978 vietnamesische Truppen die Hauptstadt und installierten einen Abtrünnigen der Roten Khmer als Regierungschef. Pol Pot zog sich in den Dschungel zurück und wurde 1997 auch als Führer der Roten Khmer gestürzt. Im Juli 1997 verurteilte ihn ein Volkstribunal der Roten Khmer zu lebenslanger Haft. Vermutlich beging er Selbstmord, als er im April 1998 erfuhr, dass er an die USA ausgeliefert werden sollte.

Erst nach seinem Tod im Jahr 1998 kam das Land einigermaßen zur Ruhe. Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer hatte gut 20 Jahre gedauert und rund zwei Millionen Opfer gefordert.  

 August 2009


Weitere Infos zum Thema »Kambodscha: Kinder mit Behinderungen«