Sozialcourage Spezial  

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Katastrophenhilfe muss mehr als ein Geschenk sein

gut gemeint
Caritas wurde international und half 1967 verhungernden Waisen in Biafra. Das Schild an der Halskette trägt nur eine Nummer. Die Welt lernt: ohne Bilder von Katastrophen keine Hilfsbereitschaft.

Ende April 1999: Höhepunkt der Kosovokrise. Bundeswehrflug Köln-Bonn - Skopje. Ladung: Gebrauchte Matratzen für Flüchtlinge. Flugdauer zwei Stunden, Kosten der Transall pro Flugstunde rund 8.000 Mark. Wert der Ladung: einige hundert Mark. Was auf den ersten Blick wie gute humanitäre Hilfe aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kontraproduktive Maßnahme. Denn in Skopje stand die größte Matratzenfabrik des ehemaligen Jugoslawien. Militärmaschinen und LKW brachten Matratzen in das Land, während der Fabrikdirektor wegen fehlender Aufträge Mitarbeiter entließ. Der Exportmarkt der Fabrik in das ehemalige Jugoslawien war nach Ausbruch des Krieges von einem auf den anderen Tag weggebrochen. Die arbeitslosen Einheimischen wurden ihrerseits hilfsbedürftig und die Atmosphäre zwischen ihnen und den Flüchtlingen war unnötig angespannt. Fazit: Die Absender handelten in guter Absicht, aber ohne die lokalen Möglichkeiten zu kennen und zu berücksichtigen.

Beispiele für schädliche humanitäre Hilfe gibt es viele. So lagern in Mostar, Bosnien-Herzegowina, noch heute mehrere hundert Tonnen unbrauchbarer Medikamente, gespendet von Pfarreien, Privatinitiativen und größeren Hilfswerken während des Krieges. Medikamente mit Beipackzetteln in deutscher Sprache, Medikamente, die nicht auf der so genannten Essential Drug List der Weltgesundheitsbehörde für Bosnien stehen, Medikamente in Plastiktüten gesammelt - ohne Verpackung und in so kleinen Mengen, dass mehrere erfahrene Apotheker Wochen bräuchten, um sie zu sortieren. Die Erbschaft fachgerecht zu entsorgen, würde den Staat Bosnien-Herzegowina mehrere hunderttausend Mark kosten. Aussicht auf Hilfe dafür - keine.

Caritas folgt dem Partnerprinzip
Wie kann man's besser machen? Was brauchen Menschen, die unter Krieg oder Naturkatastrophen leiden, am dringendsten und wie sind diese Bedürfnisse am besten zu befriedigen? Unsere Beispiele zeigen: Von Deutschland aus beantworten Helfer diese Frage oft falsch. Entscheidend sind nicht die Möglichkeiten im Absenderland. Es ist fast immer schwierig, Hilfe zu leisten, wenn diese von außen gesteuert wird. Problematisch ist nicht der schnelle Beginn, sondern die bedarfsgerechte, rationale und abgestimmte Hilfe. Die richtige Antwort lautet: Humanitäre Unterstützung ist in der Regel dort am besten - und das heißt schnell, effizient, an lokale Gegebenheiten angepasst - wo einheimische Helfer in den betroffenen Gebieten einsatzbereit sind. Genau dies ist die Stärke der Caritas. Dem weltweiten Netzwerk der Caritas gehören 154 Mitglieder an. Diese 154 nationalen Caritasverbände haben Strukturen auf der Diözesan- und Pfarreiebene in ihren jeweiligen Ländern. Die Mitglieder kennen sich vor Ort aus, sie sprechen die Sprache der Betroffenen. Sie sind Teil der Zivilgesellschaft und komplett integriert. Sie können sofort eigenes Personal, Freiwillige und materielle Güter im eigenen Land mobilisieren, d.h. sie greifen auf das Hilfspotenzial im Land zurück und aktivieren Strukturen, die in langjähriger Zusammenarbeit gewachsen sind. Es sind also diese Organisationen, die es Caritas international von Deutschland aus ermöglichen, in der Regel sehr schnell und angepasst zu reagieren.
Um diese Ressourcen im Ernstfall schnell mobilisieren zu können, haben einige Caritas- verbände, z. B die Caritas Indien oder die Caritas Bangladesh einen von uns finanzierten Katastrophenfonds, mit dem sie sofort vor Ort agieren können. Caritas international stockt diesen Fonds nach erfolgter Abrechnung jedes Jahr wieder auf. Diese Hilfe verursacht keine Transportkosten. Es müssen keine teuren Helfer eingeflogen werden und der Kauf der Güter entweder im Katastrophenland selbst oder in den unmittelbaren Nachbarländern sorgt zudem noch für ein wenig Wirtschaftshilfe im Land. Für das betroffene Land bzw. die krisengeschüttelte Region mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Deshalb respektiert Caritas international die Eigenverantwortung und fördert die Eigenständigkeit und Kompetenz der lokalen Partner. Der Auf- und Ausbau der Caritasverbände weltweit ist deshalb ein erklärtes Ziel von Caritas international. Nur deren organisatorische und finanzielle Stärkung verhindert einseitige Geber-Nehmer Verhältnisse, die häufig erst langfristige Abhängigkeiten schaffen, statt sie abzubauen.

"Dach über dem Kopf-Programm"
Ein Hilfsprojekt hat dann gute Chancen zu gelingen, wenn die Betroffenen in den Prozess mit einbezogen werden. Wer nur schenkt, tut den Katastrophenopfern keinen Gefallen. Denn viele von ihnen hat die Notsituation lethargisch werden lassen: Das Nichtstun, das Gefühl, auf Hilfe angewiesen zu sein und die für viele Männer traumatische Erfahrung, ihre Familie nicht vor dem Unglück bewahrt haben zu können, lassen das Selbstwertgefühl sinken. In Bosnien und Kroatien haben die Caritasverbände am Ort deshalb das so genannte "Dach über dem Kopf-Programm" entwickelt. Ein Dorfkomitee wählte die bedürftigsten Familien aus. Dies "von außen" zu bestimmen, ist unmöglich. Nur die Dorfbewohner wissen, wer noch ein Haus an der Adria hat oder wessen Haus einer Familie gehört, die überwiegend in Deutschland lebt und dort Arbeit hat.
Die begünstigten Familien verpflichteten sich schriftlich dazu, ihr Haus in einem bestimmten Zeitraum wiederaufzubauen. Die Caritas stellte die Materialien. Sie blieben aber das Eigentum der Caritas, bis sie gewissermaßen verbaut waren. Damit haben wir verhindert, dass die Beteiligten Baustoffe auf dem Schwarzmarkt verkauften. Auch Baumaschinen vermietete die Caritas gegen geringes Entgelt an die Betroffenen. Die Aufgabe, ihr Haus eigenhändig wieder aufzubauen, riss viele Menschen aus der Lethargie. Sie identifizierten sich stark mit dem Projekt. Sobald ein Zimmer fertig war, zogen die meisten Menschen aus den Flüchtlingslagern - Turnhallen, Schulen, Containerdörfern - in ihr Haus. Kinder, Großväter und Mütter bauten voller Stolz und Tatendrang oft bis spät in die Nacht. Sie waren nicht mehr Objekte der Hilfe, sondern Subjekte mit Rechten, Pflichten und Potenzial.
Mehrere tausend Häuser baute die Caritas auf diesem Weg in Bosnien und Kroatien auf, so dass die Flüchtlinge bald nicht mehr von Hilfslieferungen abhängig waren. Das Programm war so erfolgreich, dass es von vielen anderen Hilfswerken kopiert wurde.
Andere Organisationen machten weniger gute Erfahrungen. Sie beauftragten Baufirmen, Häuser wieder herzurichten. Die Familien waren nicht gefordert, waren verdammt zum Nichtstun. Jede Identifikation und jede Motivation wurde zunichte gemacht. Die Folge: Einige blieben solange in den Flüchtlingslagern - in Schulen oder Turnhallen, bis auch das letzte versprochene Detail fertig war.
Dass jede Hilfe die Betroffenen selbst mobilisieren soll, ist ein Grundsatz unserer Arbeit. Wie nicht nur das Beispiel aus Bosnien zeigt, verfügen Menschen auch in schwierigen Situationen über ein Potential, sich zu helfen. Sie sind nicht völlig hilflos. Die aktive Planung und Einbeziehung der Notleidenden, wo immer es geht versetzt sie in die Lage, ihre neue Lebenssituation wieder selbst zu meistern. Aktive Beteiligung entmündigt die Menschen nicht. Sie ist die erfolgversprechendste Form der Hilfe, da sie die Identifikation fördert und - sie ist die würdigste Form der Hilfe

Zum Autor
Matthias Schüth ist Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Caritas international.

Matthias Schüth
Leiter Öffentlichkeitsarbeit
Deutscher Caritasverband e. V.
Caritas international
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: (07 61) 2 00 - 2 93
Fax: (07 61) 2 00 - 7 30
E-Mail: Matthias.Schueth@caritas-international.de
www.caritas-international.de


Weitere Informationen zu den Projekten der Caritas in Bosnien - Herzegowina und dem Kosovo finden Sie hier.