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Indien: Der Tsunami bewirkte auch Gutes

Fünf Jahre nach dem Tsunami hat sich die Rolle der Frauen grundlegend geändert

Eine indische Frau auf dem Land kocht, putzt, bleibt im Haus und schweigt, wenn die Männer sprechen. Mary Peter ist Sozialarbeiterin der Caritas Indien und arbeitet seit 20 Jahren mit Frauen. Im Rahmen der Tsunamiarbeit in der ländlich geprägten Diözese Chengalpattu, an der Südostküste Indiens, hat sie auch auf die Frauen gesetzt. Im Gespräch mit Hildegard Menze erklärt sie, warum sie den Tsunami als makabre Hilfe für ihre Arbeit ansieht.

Mary Peter
Mary Peter, Sozialarbeiterin der Caritas in der Diözese Chegalpattu, Indien
Foto: Caritas international

Hildegard Menze: In welcher Gesellschaft bist du aufgewachsen?

Mary Peter: Ich bin auf dem Land aufgewachsen, allerdings war mein Vater Lehrer. Er legte Wert darauf, dass auch wir Töchter zu Hause mitredeten, eine gute Bildung erhielten und studieren konnten. Dieses ist bei uns auf dem Land sehr unüblich. Die Mädchen bleiben normalerweise spätestens nach der Grundschule zu Hause und führen den Haushalt, bis sie geheiratet werden. Mädchen, die mehr Bildung wollen, müssen in einen Orden eintreten. Dass Frauen andere Rechte haben als Männer, habe ich zum ersten Mal bemerkt, als mein Vater starb. Da war ich 14. Ich stellte mit Schrecken fest, dass meine Mutter als Witwe in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens stark benachteiligt war. Das ist Teil unserer ländlich geprägten Kultur. Um dagegen aktiv zu werden, entschloss ich mich, Sozialarbeit zu studieren.

Deine erste Aufgabe hattest du bei den Ureinwohnern. Was hast du von ihnen gelernt?

Dass in der Sozialarbeit die Beziehungsarbeit das Grundlegende ist. Die Männer hätten meine Anliegen nie akzeptiert. Zu den Frauen konnte ich eine Beziehung aufbauen, die es aushielt, dass ich heikle Themen ansprach und bei ihnen das Bewusstsein für ihre Situation schulte. Dadurch hat sich in dem Dorf viel verändert. 

Du begannst dann die Caritasarbeit in der Diözese Chengapattu. Wie sah deine Arbeit aus, bevor der Tsunami hereinbrach?

Ich arbeitete mit kastenlosen Dalits. Das sind rechtlose Menschen, in völliger Abhängigkeit von Arbeitgebern und Landbesitzern. Es war sehr mühsam, ihnen Mut zu machen und sie zu unterstützen, für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Geholfen haben mir dabei vor allem die Bollywood-Filme, die ja ein ganz anderes indisches Leben zeigen. Aber die Männer wollten ihre Macht über die Frauen nicht aufgeben und die Frauen trauten sich nichts zu.

Dann kam der Tsunami. Wie hast du ihn erlebt?

Ich war bei meiner Familie, um die Weihnachtstage zu feiern - weit weg in Sicherheit. Ich kannte weder das Wort, noch das Phänomen Tsunami. Wir erfuhren dann aus dem Fernsehen, was geschehen war. Es war mir klar, dass ich sofort an meinen Arbeitsplatz musste, um den Menschen beizustehen. Die Menschen waren komplett traumatisiert. Sie hatten in verschiedener Weise die Wasserfluten überlebt und stellten hinter fest, was sie verloren hatten: Verwandte, Freunde, denen sie zum Teil nicht mehr hatten helfen können, Existenzgrundlagen. Und auch hier hat es sich gezeigt, dass ich erst eine Beziehung zu den Menschen aufbauen musste, bevor sie sich helfen lassen konnten. Vor allem die Fischer sind eine Menschengruppe, die keine Hilfe von außen annimmt. Das Leben ist eine Sache zwischen ihnen und dem Meer. So ist es schon immer gewesen. So setzte ich auch hier auf die Frauen.

Gründung
Mary Peter bei der Gründungsversammlung des ersten südindischen Fischerverbands mit Frauenbeteiligung
Foto: Caritas international

Bei meinen Besuchen in den Notunterkünften musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten, bis sich Mann UND Frau mit uns zusammensetzten. Oft wollten das weder die Männer, noch die Frauen. Aber nur so konnten wir zusammen eine gemeinsame Perspektive entwickeln. Die Frauen übernahmen dabei nach und nach in den meisten Fällen die aktivere Rolle. Ich ermutigte sie, sich mit anderen Frauen auszutauschen. In unserer Region war es nicht üblich, dass Frauen ohne männliche Begleitung aus dem Haus gingen. Aber jetzt, angesichts des Nichts taten sie es. Sie trieb die Notwendigkeit, die Familie zu ernähren. Ihre Männer hatten die Boote verloren und konnten nicht arbeiten. Die Frauen suchten sich Kleingewerbe oder Handwerksaufgaben. Sie organisierten sich und gewannen dadurch an Selbstbewusstsein. Wir haben zum Beispiel die erste Fischereigenossenschaft gegründet, in der auch Frauen Mitglied sind. Jetzt, Jahre danach, geben sogar einige Männer offen zu, dass sie nun manchmal ihre Frauen um Rat fragen. Ich hoffe, dass noch mehr Männer zu der Erkenntnis gelangen, dass man Frauen ernst nehmen muss.

Wären die Männer ohne Tsunami auch zu dieser Erkenntnis gelangt?

Vielleicht. Aber es hätte vermutlich noch zwei Generationen gedauert. Das ist vielleicht der positive Funke in diesem schrecklichen Unglück. 

Dein Sohn ist aus dem Haus, du führst mit deinem Mann eine Wochenend-Beziehung, ihr habt eine gleichberechtigte Partnerschaft. Wie kommt dein Lebensstil im ländlichen Chengapattu an?

Mein Lebensstil ist in der Tat sehr ungewöhnlich, ja er ist für die Männer eine Provokation. Sie haben Angst, dass ich die Frauen zu sehr fördere. Schon zweimal hat die Polizei nach mir gesucht, weil mich jemand angezeigt hat. Einmal während einer Demonstration für die Rechte der Dalits, der Kastenlosen. Wäre ich nicht überzeugt, dass Polizei und Justiz korrupt sind, hätte ich mich der juristischen Auseinandersetzung gestellt. Aber so war ich froh, dass mich die Dalits geschützt haben. Wir wurden als Gruppe festgenommen, aber keiner hat seinen Namen genannt. Schließlich mussten wir unterschreiben, unsere Selbsthilfegruppe aufzulösen. Das haben wir gemacht und nach der Freilassung eine neue gegründet. Manchmal habe ich Angst vor meiner eigenen Courage. 

Wie wünscht du dir das Zusammenleben von Männern und Frauen in Indien in 25 Jahren?

Ich wünsche mir, dass die Männer ihre Frauen akzeptieren und mit ihnen fühlen, so dass sie eine echte Gemeinschaft bilden. Die Frauen sollen stark werden und Selbstvertrauen haben. Die Gesellschaft soll gleichberechtigt sein.

November 2009


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