Russland: Friedensarbeit mit Jugendlichen
Ein kleines Dorf lernt Konflikte zu lösen
Freunde haben keine Nationalität. Zu diesem Schluss kommen die Kinder in einer Dorfschule mit sehr hohem Migrant/innen- Anteil, in der die Caritas ein Friedensprojekt leitet. Die Schüler/innen haben erkannt, dass sich hinter den kulturellen Konflikten oft ganz andere Probleme verbergen. Denn Landflucht und Arbeitslosigkeit machen den Dorfbewohnern noch viel mehr zu schaffen.
![]() |
| Schülerin im Friedensprojekt |
| Foto: Caritas Saratow |
Ein kleines Leuchtturmprojekt der Caritas befindet sich in der Siedlung "15. Oktober", eine Stunde Fahrtzeit entfernt von Saratow, einer Stadt mit nahezu einer Million Einwohner am Ufer der mittleren Wolga. Das Dorf entstand neben einer in der sowjetischen Zeit sehr erfolgreichen Sowchose - einem landwirtschaftlichen Großbetrieb. Hier wurden Äpfel angebaut und verwertet. Die Mini-Dorfschule in der Siedlung, die in ihrem Namen die Oktoberrevolution würdigt, ist eine Art Caritas-Vorzeigeprojekt. Es verdeutlicht beispielhaft, wie Konflikte analysiert und Probleme gelöst werden können.
Nach den Auseinandersetzungen in den Kaukasusrepubliken sind viele Tartaren, die über Jahrhunderte im Kaukasus gelebt hatten, als
Flüchtlinge in die Region zugezogen. Die Leitung der Schule erkannte das als Problem und Segen gleichermaßen. Für eine so
kleine Schule ist jeder Zustrom einer großen Zahl neuer Kinder zuerst einmal ein Segen. Zugleich aber bedeutet die Einwanderung
eine enorme Herausforderung.
In dem kleinen Dorf traten viele Probleme sehr klar und unmittelbar zutage: Was passiert, wenn die russischen Mädchen, auch
Töchter der Lehrkräfte, in tartarische Familien einheiraten und zum Islam übertreten? Wie reagiert die Schulleitung, wenn
die Tradition an einem islamischen Feiertag gegenseitige Besuche erfordert und deshalb die meisten islamischen Schüler/innen
nicht zum Unterricht kommen?
![]() |
| Schüler im Friedensprojekt |
| Foto: Caritas Saratow |
Die Schulleitung nahm das Unterstützungsangebot der Caritas gern an und machte sich auf einen gemeinsamen interkulturellen
Lernweg: Die Caritasfachleute arbeiteten regelmäßig mit den Kindern und setzten sich nach jeder Sitzung oder Unterrichtseinheit
mit den Lehrkräften zur gemeinsamen Auswertung zusammen.
In dieser kleinen Schule in „15 Oktober“ lernen die Kinder gelebte Toleranz - als Mischung aus Wissen um die kulturellen
eigenen Wurzeln und pragmatischen Lösungen für Interessenskonflikte, die auch hier in Deutschland gut bekannt sind: Wie verhält
sich die Schule, wenn ein Vater fordert, dass die Tochter in der Schule ein Kopftuch trägt, die Tochter dies aber nicht möchte?
Bei diesem beispielhaften Problem erreichte die Direktorin im Gespräch mit Vater und Tochter den Kompromiss, dass die Tochter
das Kopftuch aufgerollt als Haarband trägt.
Als Fazit der Friedensarbeit in der Dorfschule zeigt sich, dass die kulturellen Unterschiede einerseits klarer und für die
Schüler verständlich zutage treten. Durch die genaue Betrachtung der Konflikte aber konnten die Teilnehmenden zugleich erreichen,
dass die Konflikte nicht mehr dazu benutzt werden, andere Probleme der Schüler zu übertünchen. In erster Linie sind das Sorgen
um die eigene Zukunft: die Perspektivlosigkeit des Lebens im Dorf, wo viele gern bleiben würden, wenn es nur Arbeitsplätze
gäbe.
„In unsere kleine Schule gehen Kinder aus zehn verschiedenen Nationalitäten. Aber wir prügeln und beschimpfen uns nicht. Wir
gehen oft zusammen los, besuchen uns zuhause – und das ist auch gut", erklärt der 12-jährige Dmitrij. "Freunde haben keine
Nationalität. In ein paar Jahren gehen wir alle fort von hier. Und nicht deshalb, weil wir hier nicht leben wollen. Nur –
das Dorf lebt heutzutage sehr schlecht. In der Sowchose gibt es praktisch keine Arbeit mehr. Und dabei war sie einst eine
der besten Apfelsowchosen. Ich würde sie wieder aufbauen, wenn ich könnte. Und bleiben.“
Und sein Klassenkamerad Dzhabrail, der mit seinen Eltern aus dem Kaukasus geflohen ist, ergänzt: „Wenn man Arbeit auf der
Sowchose finden könnte, würde ich auch gern bleiben. Die Heimat ist doch da, wo du lebst.“
Februar 2011



