Ukraine: Sozialarbeit zur Linderung existentieller Not
HIV, Sucht und Kirche: Eine Studienreise und ihre Wirkung
von Dr. Monika Rosenbaum, Missionsärztliches Institut Würzburg
Im Rahmen der gemeinsamen Aktivitäten von Caritas international und Renovabis zu HIV und AIDS in Osteuropa wurden im Mai 2009 ukrainischen Caritasdirektoren neue fachliche Ansätze der Sucht- und AIDS-Hilfe vorgestellt. Ziel der Reise war es, bei den Partnern das Verständnis für einige in der Ukraine umstrittene Ansätze der Drogenhilfe und HIV-Prävention wie Substitution oder Harm Reduction zu erhöhen und damit für die Caritas Ukraine neue Handlungsoptionen im Feld der AIDS- und Suchthilfe zu schaffen. Im Folgenden werden einige methodische Überlegungen, Erfahrungen und erste Hinweise zur Wirkung der Reise vorgestellt.
Die Ukraine ist aktuell das europäische Land, das am stärksten von HIV betroffen ist. Seit Mitte der 90er Jahre entwickelte sich die Epidemie in rasantem Tempo, getrieben durch eine parallele Drogensucht-Epidemie, besonders unter jungen Männern. Zwar überwiegen heute unter den Neuinfektionen sexuelle Ansteckung sowie Mutter-zu-Kind-Übertragung, der Umgang mit einer geschätzten halben Million stark Drogenabhängigen, darunter ein hoher Prozentsatz mit HIV-Infektion, stellt aber weiter eine große Herausforderung dar, auch für Kirche und Caritas.
In Deutschland wurden einige neuere Ansätze der Suchthilfe, wie Harm Reduction, also die Vermeidung weiterer gesundheitlicher Risiken bei Suchtkranken durch Angebote wie Spritzentausch oder Substitutionstherapie, ebenfalls im Kontext der HIV-Prävention entwickelt bzw. gesetzlich ermöglicht und flächendeckend umgesetzt. Sie gelten heute international als wirksame Ansätze zu HIV-Prävention und Behandlung unter Drogennutzern sowie zu ihrer sozialen und medizinischen Stabilisierung. In der Ukraine und in Russland sind diese Ansätze umstritten und die Kirchen lehnen sie fast ausnahmslos ab. Hintergrund ist ein Verständnis von Sucht als fortgesetztes sündiges Verhalten, welches der Abhängige aus eigenem Willen beenden könnte. Ein Rückfall nach einer abstinenzorientierten Therapie wird in diesem Verständnis nicht als typisch für die "Suchtkrankheit" sondern als mangelnder Wille verstanden. Die "westlichen" Ansätze wie Substitution oder Nadeltausch werden in dieser Lesart als wenig verantwortungsbewusste oder liberalistische technische Pseudolösungen wahrgenommen.
In Anlehnung an die Formel Akzeptanz + Konfrontation = Entwicklung des in der deutschen Sozialen Arbeit geschätzten Kommunikationspsychologen Schulz von Thun wurde bei Planung und Umsetzung der Reise großer Wert gelegt auf Schaffung einer Atmosphäre der gegenseitigen inhaltlichen und persönlichen Akzeptanz. Dieser zwischenmenschliche Rahmen erst ermöglichte es während der fünftägigen Studienreise, zwischen deutschen und ukrainischen Gesprächspartnern potentielle Konfliktlinien aufzuzeigen und Raum für inhaltliche Konfrontation zu schaffen, um so auf beiden Seiten Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.
Ursprünglich hatten drei ukrainische Bischöfe ihre Teilnahme zugesagt, mussten aber aus unterschiedlichen Gründen recht kurzfristig absagen und es war wohl auch wegen des heiklen Themas schwer, andere Bischöfe kurzfristig zu motivieren. Damit wurde aber auch klar, dass diese Reise in der Ukraine genau beobachtet würde. Mit welchem Gefühl würden die ukrainischen Gäste nach Hause fahren - so, als seien sie unter ständigem inhaltlichem Beschuss gewesen, oder würden sie im Gefühl heimfahren, ihnen seien Austausch- und Lernangebote gemacht worden, deren Auswertung in ihrer eigenen Verantwortung stünde?
Um es kurz zu machen: Das zweite war der Fall. Die deutschen Gesprächspartner zeigten sich den Ukrainern durchweg als ernsthafte Menschen, die aufgrund einer hohen Professionalität und persönlichen Integrität bestimmte fachliche Ansätze als Antwort auf ein soziales Problem unterstützen. Auch die ukrainischen Priester fühlten sich trotz ihrer ganz anderen Erfahrungen und Einstellungen als gleichwertige Gesprächspartner ernst genommen. Auf Basis dieser grundlegenden Akzeptanz erfolgten inhaltliche Konfrontationen: So erschien die Idee eines Drogenkonsumraumes den Gästen einerseits völlig absurd, andererseits als nachvollziehbare Konsequenz des ihnen präsentierten Frankfurter Ansatzes. Substitution, die von den Priestern vorher bestenfalls als technische Ruhigstellen von Suchtkranken wahrgenommen wurde, wurde im Laufe der Reise allmählich als teil eines komplexen Ansatzes verstanden - einerseits als Voraussetzung für Lösungen massiver persönlicher Probleme des Klienten, andererseits als potentiell lebenslange Behandlung, was zwar dem Ziel des abstinenten Lebens faktisch nicht entspricht, aber theoretisch akzeptiert wurde, das sie wesentlich zu einem sozial gelingenden Leben beiträgt.
Was sich im Rückblick als Position so glatt darstellen lässt, entwickelte sich aus intensiven und engagierten Gesprächen, die zudem im Vorfeld intensiv vorbereitet worden waren. Das Thema Homosexualität dagegen, das sich ungeplant mehrfach in den Mittelpunkt der Gespräche drängte, blieb bis zum Ende strittig. Selbst noch in den Rückmeldungen, die nach sechs Wochen von den Teilnehmern abgefragt wurden, wurde festgestellt, dass der deutsche Umgang mit Homosexualität aus ihrer Sicht zu akzeptieren sei.
Was aber ist nun die Wirkung dieser Reise und hat sich der Aufwand gelohnt? Im Kontext des von Caritas international, Renovabis, AGEH und Missionsärztlichem Institut gemeinsam getragenen Beratungsprojekts zu HIV/AIDS in Osteuropa war diese Reise ein wichtiger Baustein, weil die Teilnehmer als Priester und zugleich Caritasdirektoren Multiplikatorenfunktion in Kirche und Gesellschaft hinein ausüben.
Wie geht es nun weiter? Nach spontanen positiven Feedbacks der Teilnehmer zur Reise und möglichen Konsequenzen zur Arbeit vor Ort, die diese kurz nach der Rückkehr geschickt hatten, läuft aktuell ein differenzierter Feedbackprozess innerhalb der Caritas Ukraine, der mit etwas Abstand konkrete nächste Schritte zu identifizieren helfen will. So hatte sich beispielsweise gezeigt, dass die Caritas ihre hohe Beratungskompetenz in die Begleitung von substituierten Drogenabhängigen einbringen und zugleich auf eine höhere Qualität der neu entwickelten Substitutionsangebote hinwirken könnte.
Aber auch innerkirchlich geht es weiter: Pfarrer Vasyl aus Doneck hat bereits berichtet, dass "sein" Bischof an den Erfahrungen und Ergebnissen sehr interessiert gewesen sei und darum gebeten habe auch ihn zu einer weiteren vergleichbaren Studienreise zum Thema einzuladen. Das Gesprächsangebot wurde also als solches wahrgenommen - eine wichtige Grundlage für die gemeinsame Weiterentwicklung von Positionen und sozialer Praxis.
November 2009
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| HIV und Sucht: Was kann die Kirche tun? Unter diesem Titel führte eine Studienreise sechs diözesane Direktoren der griechisch-katholischen Caritas Ukraine in Einrichtungen der AIDS- und Suchthilfe in Frankfurt (Drogennotdienst, Bahnhofsmission), Würzburg (Missionsärztliches Institut, Leitung DiCV Würzburg, Caritas-AIDS-Beratungsstelle und Wohngruppe) sowie Stuttgart (Methadonvergabe und niedrigschwelliges Cafe sowie Werkstatt für ehemalige Drogenkonsumenten der Caritas Stuttgart, HIV- und Substitutions-Schwerpunktpraxis Dr. Ulmer u.a., AIDS- und Drogenseelsorge der Diözese). Organisiert und begleitet wurde die Reise von Dr. Monika Rosenbaum, Beraterin zu HIV/AIDS in Osteuropa. Caritasgliederungen, die bereit sind, ihre Fachkompetenz in ähnliche Veranstaltungen einzubringen, oder ukrainische Erfahrungen für die Arbeit mit Klienten aus Osteuropa nutzen wollen, können sich wenden an: Monika Rosenbaum (hiv.health@medmissio.de ) |
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