Katastrophenvorsorge in Bolivien
Modellprojekte in verschiedenen Klimazonen
In vier verschiedenen Klimazonen des Landes initiiert Caritas international Modellprojekte zur Vorsorge vor immer wiederkehrenden klimabedingten Katastrophen. Extreme Dürren einerseits und heftige Überschwemmungen andererseits nehmen seit Jahren zu.
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| Der Rio Keka tritt in der Regenzeit über die Ufer und überschwemmt die Ebene. Die feine Salzschicht, die der Fluss hinterlässt, macht die Äcker unfruchtbar |
| Foto: Alexander Bühler |
Der Klimawandel ist da. Langsam aber sicher werden die Folgen der Industrialisierung deutlich, von denen die Länder der Nordhalbkugel
am meisten profitierten. Die negativen Auswirkungen aber zeigen sich ausgerechnet in den Regionen auf dem Globus, die ohnehin
zu den ärmsten zählen. Zum Beispiel in Bolivien. Hier trifft es die Bauern, die von dem leben müssen, was der Boden, die Pacha
Mama (Mutter Erde), hergibt. Sie müssen auf Grund der veränderten klimatischen Bedingungen nun mit häufigen Frösten, Überschwemmungen
und gleichzeitig auch mit Wasserarmut zurecht kommen.
Die Caritas Bolivien hat daher ein "Katastrophenpräventions-Projekt " gestartet, in dem die Bauern für sich eine Lösung finden können, mit den sich ändernden Umweltbedingungen zu leben. Die
erste durch das Auswärtige Amt unterstützte Projektphase startete im Juni 2008 und war auf 18 Monate ausgelegt. Dabei wurden
insgesamt 35 Dörfer aus vier verschiedenen Klimazonen Boliviens einbezogen. Aufgrund der großen Erfolge wurde das Projekt auf
58 Gemeinden ausgeweitet und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für weitere 18
Monate bezuschusst. Nun führen Caritas Bolivien und Caritas international das Projekt weiter.
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| Der Bauer zeigt die Höhe des Wasserstandes bei der letzten Überschwemmung an |
| Foto: Alexander Bühler |
Die Bewohner der Regionen im Projektgebiet (Departements Cochabamba, Beni, La Paz und Santa Cruz) bekommen die Klimaschwankungen
in ganz verschiedener Weise zu spüren. Selbst innerhalb dieser Zonen unterscheiden sich die Auswirkungen des Klimawandels,
mit dem die einzelnen Dörfer zu kämpfen haben. Auch darum geht es der Caritas bei ihrem Projekt: Je nach geographischen, geologischen
und sozialen Gegebenheiten vor Ort muss der Klimawandel anders angegangen werden.
Dass das keine graue Theorie ist, wird im Gespräch mit Dorfbewohnern sehr schnell deutlich: So hat beispielsweise ein Dorf
in den Nordyungas mit Wassermangel zu kämpfen, durch den die Pflanzen verdorren. Nicht weit entfernt davon, etwas tiefer im
Tal, liegt ein anderes Dorf, das im Frühjahr auf Grund von Überschwemmungen monatelang von der Außenwelt abgeschnitten ist.
Der Bach, an dem dieses Dorf angesiedelt ist, verwandelt sich zu Jahresbeginn regelmäßig in einen reißenden Fluss. Dann können
die Kinder des Dorfs die Schule nicht mehr besuchen, kein Arzt kann chronisch Kranke oder Notfälle besuchen, schwangere Frauen
haben für die Geburt keine medizinische Unterstützung. Die Zukunft des Dorfs steht auf dem Spiel.
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| Die Bewohner der Dörfer selbst sind die Experten für Katastrophenprävention |
| Foto: Alexander Bühler |
Die Mitarbeitenden der Caritas setzen bei ihrem Projekt ganz auf die Gemeindemitglieder. Zusammen mit dem Projektkoordinator,
der für die Dauer des Projekts ihr ständiger Ansprechpartner ist, suchen sie selbst Auswege aus der Misere.
Das Projekt ist in drei Phasen unterteilt. In einer ersten soll mit den Dorfbewohnern gemeinsam eine Bestandsaufnahme gemacht
werden: Was sind die schwerwiegendsten Probleme - und welche Lösungen sind möglich? Dann werden Experten dazu geholt, die
sich mit den Bauern beraten und die Lösungen mit ihnen zusammen planen. Ziel dabei ist, dass die Gemeindemitglieder selbst
zu Experten werden, um ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen zu können.
In einer zweiten Projektphase werden die Ergebnisse der Analyse zusammen mit der lokalen Bevölkerung umgesetzt. Dabei entwickeln
sich Einzel-Projekte. Das können technische Lösungen sein, wie beispielsweise der Bau von Wasserkanälen oder aber strukturelle
Veränderungen, wie etwa der Aufbau einer selbstverwalteten Grundversorgung im Gesundheitswesen.
In einer dritten Phase leistet das Projekt schließlich klassische Katastrophenpräventionsarbeit. Die Dorfbewohner bauen mit
Unterstützung der Caritas ein Frühwarnsystem auf, um die Bauern in den einzelnen Dörfern per Funk erreichen und vor Naturkatastrophen
warnen zu können. Dabei schlägt die Caritas auch eine Brücke zu den staatlichen Katastrophenschutzorganen: Sie entwickeln
gemeinsam Notfallpläne, die bis hin zu einer geordneten Evakuierung führen können.
Damit die Hilfe der Caritas nicht nur ein Modell bleibt, vermitteln die Beteiligten parallel zu den Phasen des Projekts die
Ergebnisse und Methoden über die bolivianischen Medien an eine weit größere Öffentlichkeit. Nicht nur die 58 Dörfer sollen
an diesem Projekt wachsen und eine bessere Basis für ihr Leben finden, sondern auch die jeweils umliegenden Gemeinden.
Die Arbeitsweise des Projekts bringt den beteiligten Familien ein hohes Maß an Partizipation und Selbstorganisation, wodurch die
Änderungen die notwendige Nachhaltigkeit bekommen. Durch die frühzeitige Einbindung staatlicher Akteure wird sichergestellt,
dass die zuständigen Behörden von Anfang an in den Prozess eingebunden und als Mit-Finanzierer aktiviert werden.
Auf Grundlage der Bestandaufnahmen in den Gemeinden werden Pläne erstellt, die zur Einschätzung der größten Risiken dienen,
denen die verschiedenen Regionen ausgesetzt sind. Anhand dieser Basis werden Ziele und Projektideen entwickelt und eine Prioritätenliste
erstellt. Maßnahmen zu Hangschutz, Wasserversorgung, Sicherung der Verkehrswege, Waldbrandschutz, Verlegung von Siedlungen,
Hochwasserschutz, Ausbau von Kommunikationswegen, Schaffung von Schutzräumen, Nothilfe, Gesundheitsversorgung und Frühwarnung
werden modellhaft durchgeführt, bevor sie später für andere Regionen angepasst werden.
So baute Caritas zum Beispiel im unteren Becken des Mamoré-Flusses im bolivianischen Amazonasgebiet ein Frühwarnsystem auf,
mit dem der Wasserstand der Flüsse und das Ansteigen des Flusswasserspiegels gemessen werden. 15 Gemeinden und vier staatliche
Stellen wurden bereits daran angeschlossen. Nun muss das System weiter ausgebaut werden, um größere Bevölkerungsteile einzubeziehen.
Ein besonderer Erfolg des Projektes ist, dass die Gemeinden die gleichen Radiowellen wie der staatliche Katastrophenschutz
nutzen dürfen und damit alle Informationen dieses Dienstes erhalten. Aber es ist nicht nur die staatliche Anerkennung, die
für den Erfolg des Projekts spricht. Die Erfahrungen aus der ersten Projektphase haben inzwischen zu einer zeitlichen und
regionalen Ausweitung des Projekts geführt. Durch die ständig verbesserte Vernetzung entsteht so ein System, das die Auswirkungen
des Klimawandels für die Menschen weniger katastrophal werden lässt.
November 2011




